Heinz Werner Wessler und Claudia Koenig
Editorial Südasien 1/2012

Mit ihrem Indien-Schwerpunkt war die Frankfurter Buchmesse 2006 ein vielbeachteter Gradmesser für das internationale Renommee indischer Literatur. Aber: Der Mega-Event war auch Anlass zur Klage über das Ungleichgewicht in der indischen Literaturrepräsentation im Ausland – nämlich zwischen englisch- und regionalsprachlicher Literaturproduktion. Diese Klage lässt sich bis heute anstandslos wiederholen. Der Draupadi-Verlag, der sich schwerpunktmäßig der regionalsprachlichen Literatur Indiens widmet, produziert für eine kleine (aber feine) Marknische, während große Verlage beeindruckende Auflagen mit indischen Romanen auflegen und an Großautoren auch beachtliche Tantiemen zu zahlen bereit sind. Fast immer handelt es sich dabei um englischsprachige indische Romane. Nicht nur die klassische indische Familiensaga verkauft sich gut. Das Themenspektrum ist über die Jahre breiter geworden. Flotte, ironische und selbstironische Schreibe inklusive “magischer Realismus” vorausgesetzt. Hauptsache episch.


Die Kurzgeschichte dagegen, in ganz Südasien immer noch das wohl prominenteste Genre in der Literatur, kann international lediglich Achtungserfolge erheischen.


In der vorliegenden Ausgabe von SÜDASIEN haben wir uns entschieden, der Literatur einmal einen etwas breiteren Raum zu geben. Beachten Sie auch den Rezensionsteil!


Die ausgewählten Übersetzungen, davon zwei aus dem Hindi hier als Erstveröffentlichung in deutscher Sprache, können deutlich machen, wie das Thema “Älter werden” in Indien in der Gegenwartsliteratur aufgegriffen und bearbeitet wird – Literatur als Ausdrucksform und Spiegel gesellschaftlicher Diskurse.
Das Literaturfestival in Jaipur ist in den sechs Jahren seines Bestehens zu Asiens größtem Publikumsmagneten für Literaturliebhaber geworden. Es zieht weltweit bekannte Schriftsteller an – dieses Jahr waren es 256 – die täglich bis zu 12.000 Besucher anlockten. Im Januar 2012 verzichtete der Schriftsteller Salman Rushdie auf eine Teilnahme, nach Protesten und der Mitteilung, islamistische Auftragskiller aus der Unterwelt Mumbais seien auf dem Weg nach Jaipur. Lesen Sie die Hintergründe im Artikel von Bernard Imhasly in diesem Heft.


Das journalistische Genre der Reportage findet sich selten in SÜDASIEN – diesmal aber haben wir etwas in dem Bereich anzubieten: Die kanadische Journalistin Stephanie Nolen besuchte Mädchen aus der am meisten benachteiligten Bevölkerungsgruppe der Mushahar-Dalits in Bihar. Detailgenau beobachtet sie deren Hindernisse auf der Schwelle zu einer Befreiung aus den jahrhundertealten Begrenzungen. Die spannend geschriebene Reportage eignet sich auch gut als Unterrichtsmaterial in Schule und Erwachsenenbildung.


Am 10. Februar 2011 trafen sich die indische Regierung und Vertreter der europäischen Kommission in Neu Delhi, um das bilaterale Handelsabkommen zwischen beiden Ländern erfolgreich abzuschließen. Daraus wurde erst einmal nichts – glücklicherweise? Christine Chemnitz (Böll-Stiftung) und Armin Paasch (Misereor) untersuchen die Risiken, die mit dem Abkommen für die Ernährungssicherheit der Armen verbunden sind.


Männliche und transsexuelle Prostituierte sind in Pakistan praktisch überall anzutreffen und offenbar weit zahlreicher als weibliche Prostituierte. Wenig bekannt sind deren lebensgefährliche Arbeitsbedingungen und die der so genannten Hijrahs, die viele Südasientouristen als eine der Attraktionen des exotischen Straßenlebens verbuchen. Herausforderungen in der HIV-Prävention und Ansätze zur Selbstorganisation dieser Bevölkerungsgruppe schildert der Beitrag von Thomas K. Gugler.


Zum Schluss ein paar Informationen für Freundinnen und Freunde des SÜDASIENBÜROS Bonn: Die Vorbereitung eines Online-Archivs, seit längerem geplant, kommt in die heiße Phase. Mehr dazu im nächsten Heft! Falls Sie noch nicht Mitglied des Vereins sind, es aber eventuell werden möchten: Kommen Sie auf die Mitgliederversammlung am 26.4.2012 in der Bonner Indologie. Ehrengast ist diesmal Klaus Fritsche vom Asienhaus, das im Herbst von Essen nach Köln umzieht. – Und noch ein Hinweis: Im SÜDASIENBÜRO bedauern wir alle sehr, dass über www.suedasien.de eine völlig veraltete Seite mit Informationen zu unserem Verein online ist. Das liegt daran, dass der Betreiber trotz wiederholter Bitten von uns nicht bereit ist, diese Seite vom Netz zu nehmen oder uns die Rechte zu überlassen! Unser „wahrer“ web-Auftritt findet sich zurzeit unter www.asienhaus.de.


Wegen Krankheit unserer Layouterin liegt diese Ausgabe 1-2012 mit etwas Verspätung bei Ihnen im Postfach. Wir danken Hilde Knauer aus Köln herzlich, dass sie eingesprungen ist und sich in Windeseile und unter großem Einsatz eingearbeitet hat.

Südasien 1/2012