Sara Rai
Labyrinth
Herrenhaus_in_Benares_(c)_Heinz-Werner_Wessler

Im Innenhof eines klassischen Herrenhauses (Haveli) in Benares (Ganga Mahal, Assi-Ghat) © Heinz Werner Wessler

Das hier ist Benares, die heilige Stadt Kashi, auf der ­Spitze von Shivas Dreizack, mit keiner alten Stadt der Welt vergleichbar. Seit Anbeginn der Zeit blüht hier der Handel mit Leben und Tod. Benares lebt, es gewährt Toten und Sterbenden eine Zuflucht. Im Labyrinth der Gassen Menschenmassen. Um des Sterbens willen gibt es ihn, diesen Ozean aus Lebendigen in Benares. Wer hier stirbt, kommt in den Himmel, ins Paradies. Diese Überzeugung ist so alt wie die Wahrheit. Selbst ich habe nach all den Jahren hier begonnen daran zu glauben. So ist doch allein der Glaube die letzte Wahrheit.


Es ist die Stadt der Geister. Vor Jahrhunderten verstorbene Frauen breiten stumm ihr dichtes Haar über den, Himmel aus. Die Luft wird schwer vom Atmen der Schatten. In der Röte der untergehenden Sonne senken sich die Schatten auf Tempelkuppeln, Minarette und Bastionen herab. Das Wasser im Bassin unterhalb der abgetretenen Steintreppe hat sich von Lehmfarben in Dunkelgrün verfärbt; der daraus aufsteigende Geruch von Tang und Moder hat sich über Jahrhunderte hinweg in der Luft festgesetzt. Wenn sich in der Gasse dort hinten ein Kind den Finger beim Drachensteigen an der Nylonschnur schneidet, fließt uraltes Blut. Die Fundamente der bereits einfallenden Gebäude sind zwar fest in diesem Jahrhundert verankert, doch die Flügelfenster öffnen sich unter einem anderen Himmel. Dieses dichte Gewebe der Stadt: Wie eine Seite in einem Geschichtsbuch. Das Leben der Menschen hier zieht in seinem ganz eigenen Trott darüber hinweg. Das ist die Handschrift der Zeit selbst. Inmitten der Betriebsamkeit des Lebens, welches von einem ins nächste Jahrhundert reicht, hausen in den Klüften die Geister.


Inmitten dieser Geisterschar, in meiner stillen Ecke, bin ich noch immer am Leben. Vielleicht gibt es mich hier ja schon seit Anbeginn der Zeit. Ich, Kulsum Bano, wohnhaft im Nur Manzil, 18/20 Ausanganj, hinter dem Kabir Caura Hospital, geradewegs beim alten Pipalbaum. Kulsum Bano, die älteste Tochter von Sayyid Nasim Haidar. Da schau, das Bild meines Herrn Vater hängt bis heute an der Wand, nimm das vergilbte Foto ruhig vorsichtig in die Hand. Der pelzige Kashmirhut und Pashminaschal, Schultern wie Festungsmauern und der prächtige Schnurrbart. Seine vierzig Dörfer und das Dutzend Herrenhäuser sind nicht im Bild, aber die Macht, die sie ihm verleihen, steht Sayyid Nasim Haidar ins Gesicht geschrieben. In einem einsamen Augenblick längst vergangener Zeiten wurde er im Bild festgehalten, der Stamm unserer seit Generationen in dieser alten Stadt lebenden Familie. Der letzte Nachkomme, der nach ihm von diesem Baum übrig geblieben ist, bin ich. Nach mir kommt keiner mehr. Dieser Baum trug nie wieder Früchte.


Gestern kam mich dieses Mädchen besuchen: Sie trug Hosen, eine Brille, kurze Haare, und war spindeldürr – wie ein Spatz sah sie aus! Kaum da, musterte sie schon eindringlich mein Gesicht, die tiefen Gräben in meiner Haut, die so fahl ausschaut wie altes Papier, und die stumpfen Täler meiner Augen. Gerade so, als ob ich ein Exemplar einer längst ausgestorbenen Tierart wäre, das soeben aus seiner Höhle gekrochen kommt. Dann fragte sie in einem Tonfall, dass man meinen könnte, wir wären alte Bekannte: „Wie geht es Ihnen, Tante?“


Gereizt wie ein Tier, das sich schon seit langer Zeit in seiner Höhle verkrochen hat, fauchte ich zurück:


„Schlecht geht‘s; ich bin das Übelste vom Übelsten, überheblich, unhöflich, ungemein ungehobelt, eine überaus unangenehme Alte, einfach nicht totzukriegen, den Lebenden eine Last, nichtiger noch als nichts, jähzornig, unfähig der Geduld…“


Ich hätte noch so weiter gemacht, aber als ich ihr verdutztes Gesicht sah, hielt ich den Mund. Meine Worte hatten sie schlagartig aus der Fassung gebracht, ihr Mund öffnete sich, aber heraus kam nichts, so als wäre sie vor Schreck erstarrt.


Dann versuchte sie es ein zweites Mal, und wie sie sich bemühte! Sie streckte mir eine Hand entgegen, formte die Finger zu einem Becher, und sprach: „Wenn Sie gestatten, ich würde mich gerne ein klein wenig mit Ihnen unterhalten…“


Ich erwiderte: „Was meinst du mit ›ein klein wenig‹? Bloß ein viertel, ein halbes oder doch ein ganzes Kilo?“


Die Ärmste! Wieder begann sie auf meinen Mund zu starren, völlig bestürzt. Mit gerade mal zwei Sätzen hatte ich sie zum Schweigen gebracht. Bei diesem Gedanken platzten meine Falten unwillkürlich zum breiten Grinsen auseinander. Sichtbar erleichtert lachte sie nun auch etwas. Ein richtiges zwitscherndes Fräulein Spatz!


„Es ist so, ich schreibe gerade einen Artikel über die alten Häuser und deren Bewohner, für die Zeitung. Ich wollte ein paar Fragen stellen…“


So leicht gibt sie sich nun doch nicht geschlagen. Na gut, dann leg mal los. Frag, aber dann geh deiner Wege, dass auch ich wieder meine Ruhe habe. Nach ihr wird sicher keiner mehr hierher kommen, noch werde ich irgendwohin gehen. Bringen wir’s hinter uns, dann hat die liebe Seele endlich ihre Ruh! Kaum hatte ich das gesagt, zog sie aus ihrer Tasche, die sie über der Schulter trug, so ein kleines schwarzes kastenförmiges Ding und fragte: „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich das Gespräch aufnehme?“


Jetzt will diese Göre auch noch meine Stimme wegschließen und mitnehmen!


Ja, Mädchen, ich bin die Allerletzte meiner Familie. Nein, niemand sonst ist mehr übrig. Oder siehst du mich etwa von einem Pulk von Menschen umringt? Mein Vater hatte vier Kinder. Fünf, wenn man Ali mitzählt. Ein Winzling war er, gerade mal drei Jahre alt, als die Cholera ihn hinwegraffte. Auch ich war in ihre Fänge geraten. Aber ich war ja zäh, was kann mir schon die Cholera, sie hat vielmehr mich am Hals gehabt. Mit eingezogenem Schwanz ist sie geflohen! Kurz gesagt, wir vier sind übrig geblieben. Ich bin die Älteste, danach kommt Iqbal, dann Tahira, dann Sakina. Alle sind tot, alle. Also, frag weiter.


Was der Vater zu tun pflegte? Was ist das schon wieder für eine Frage! Was er machte? Er ist sicher nicht mit einem Topf auf dem Kopf herumspaziert und hat Joghurt verkauft! Er war ein vornehmer Herr, und womit sollte ein vornehmer Herr schon beschäftigt sein? Er ging stolz und hoch erhobenen Hauptes.


Ja, in diesem Haveli herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Zum Geisterhaus wurde es erst sehr viel später. Zu Festen kamen die Verwandten von überall her. Das Haus war immer voll. In jedem Zimmer saßen Trauben von Menschen. Weitere Töpfe wurden herbeigeholt, das Essen kochte, die Runde der Esser wurde immer größer. Zu einer Zeit konnten 22 bis 25 Leute Platz finden. In jeder Ecke Grüppchen, lautes Gelächter und Getuschel. Abends kamen dann die Sängerinnen, es gab Tanz und Musik. Was herrschte doch für ein bunter Trubel! Kaum hatte ich sie gesehen, da war ich schon von Tanzgeistern besessen. Quer durch das ganze Haus tanzte ich damals. Aber Papa erlaubte mir keine Tanzschellen, so hartnäckig ich auch darum bettelte. Doch auch ich gab mich nicht so einfach geschlagen. Ich schickte eigenmächtig Yaqub los, der mir welche vom Bazar mitbrachte. Ich war so verrückt nach Tanzen, ich tanzte den ganzen Tag, doch die Füße wurden nie müde. Ich schwöre bei Gott – genau die Füße hier waren das. Mit diesen krummen Hexenzehen habe ich getanzt. Zu Staub zerfallen ist jene Zeit. Wer weiß, ob die Erde des Blumengartens die Rose erblühen lässt, wo doch der Himmel seine Laune ständig ändert?


Wo ich im Jahr 1947 war? Als das Land geteilt wurde? In der Hölle! Genau hier war ich, in meinem Vaterland, wo sonst? Hätte ich denn meinen Neembaum zurücklassen und fortgehen sollen? Natürlich hatte ich gehört, dass Pakistan gegründet worden war, jenseits der Grenze – aber welche Grenze, wo war sie, diese Grenze? Nein, abgesehen von Iqbal ging niemand aus unserem Haus nach Pakistan. Er war schon immer ein Feigling gewesen, aber als er die Unruhen sah, brach er erst recht in Panik aus, der Arme. Er ließ sich irreführen. Doch sieh nur, was aus ihm geworden ist. Sein Herz hat er an den Jasmin dort gehängt, bevor er wegging, ja, genau diese Rankpflanze, die du da vorne siehst, die mit den rosa und weißen Blüten. Sein Herz ist hier geblieben. Mit der Erinnerung an die Jasminranke und diese armseligen Sperlinge, die darin leben, starb er auf fremdem Boden.


Nach mir? Was weiß ich, was nach mir aus diesem Haus wird. Ich verschwende meine Zeit nicht damit, über solche sinnlosen Dinge nachzudenken. Es wird genau das passieren, was seit jeher passiert. Das Schicksal des Tropfens ist seine Auflösung im Ozean. Die Räume auf der einen Seite sind zwar schon dem Verfall geweiht; die Wände und das Dach hingegen sind längst abbruchreif. Sie reparieren zu lassen übersteigt meine Mittel. Letzten Monat ist ein Stück des doppelwandigen Mauerwerks der Eingangshalle ­eingestürzt. Aber siehe da, was hat mir Halima aus den Mauertrümmern gebracht: Jene erbärmlichen Schellenbänder, die ich mir von Yaqub hatte besorgen lassen, lang ist‘s her, 80 Jahre bestimmt, die Gott-weiß-wo verloren gegangen ­waren.


Ach, nun lass gut sein, diese Geschichte ist uralt und nimmt kein Ende. Mach hier Schluss, aber schreib nur das auf, was du gehört hast. Ich werde jetzt nicht weiter erzählen. Ende der Geschichte, das war‘s, auf Wiedersehen!


Dieses Unglück hat sich gerade noch mal verzogen. Samt schwarzem Gerät und Telefon in der Hand. Wo man auch hinschaut, jeder hält heute so ein Ding in der Hand, wie sagt man noch: „Handy“? Wie damals, als sich doch ­Jhallo, die Enkelin der Putzfrau Bittan, mit einem Handy in der Hand vor mir aufbaut und fragt: „Tante, weeste, wat dit hier is?“


In Gottes Namen! Wir leben im 21. Jahrhundert, meine Lieben, kein Scherz! Aber soll es doch, von mir aus! Ich jedenfalls lebe in meiner eigenen Zeit. Neben der rasenden Zeit dieses Mädchens vergeht meine ganz gemächlich.


All das, was vergangen ist, ist nicht etwa abgeschlossen, sondern entfaltet und entspinnt sich immer wieder in meiner Erinnerung. Das Licht und die Schatten von früher existieren noch immer. Diese Reise vom Trubel zur Stille, erst der plötzliche Aufbruch, dann wieder Stillstand des Lebens. Eben dieses Labyrinth. Nur Manzil, verschwunden im Nebel der Zeit, ist doch immer noch dieses hier. Doch Nur Manzil besteht nicht nur aus Ziegeln und Mauern. Es hat sich von der geographischen Realität fortbewegt, in meiner Gedankenwelt, in der Erinnerung eingenistet, starr wie eine in Eis eingefrorene Landkarte. Wie viel Zeit doch vergangen ist. Aber da irre ich mich. Zeit vergeht niemals, sondern sie ist ein Strom, der ständig fließt. Wo ist das Ufer dieses Flusses? Mehr und mehr vergehen, das tue ja ich selbst. In diesem Sommer werden meine Knochen 93 Jahre alt. Gott sei Dank sind meine Hände und Füße noch intakt. Ich bewege mich ganz gemächlich. Wenn ich noch etwas länger lebe, würde ich zur Augenzeugin eines ganzen Jahrhunderts werden. Vom Baum der Ewigkeit würde ein ganzes Jahrhundert abfallen!


Dieses Mädchen ist nach getaner Arbeit abgezogen, aber in mir drehen sich nur so die Bilder. Jetzt läuft der ganze Film ab. Ein buntes Band, das sich immerfort abspult.


Ich hatte Papas imposante Stimme in der Vorhalle gehört, in der entfernten Empfangshalle. Die Kutsche war gerade erst vorne zum Stehen gekommen. Das knarzende Geräusch seiner Lederschuhe. Das Tak-Tak seines Elfenbeinstocks auf dem Boden. Ich stand auf der Schwelle zum Innenhof, zog den schweren Vorhang beiseite, stieß die Hand der Amme weg, die mir die Haare kämmte, und rannte hinaus. Draußen blendete das Licht. In der Ferne der Brunnenrand – daneben wuchs eine Reihe hoher wilder Bananenbäume. Noch höher als diese Bäume ragte ein Baumwollbaum empor, der wie ein Wachposten einzeln und in voller Pracht stand. Seine knallroten Blüten stachen mir in die Augen. Ich lief so schnell ich konnte. Meine langen offenen Haare wehten wie ein Pferdeschweif im Wind. Ich war dreizehn Jahre alt. Mit einem Sprung umschlang ich Papas Hals und ließ mich baumeln.


„Papa, ich habe schon so lange auf dich gewartet. Wo bist du gewesen? Hast du mir Tanzschellen mitgebracht?“


Schweigend runzelte er leicht die Stirn. Er löste mich behutsam von seinem Hals und blickte kurz zum Kutscher hinüber, der uns neugierig beobachtet und alles mitgehört hatte.


„Allarakha, nun geh schon, bring die Kutsche in den Stall.“


Wieder wendete er sich mir zu: „Geh jetzt rein, Kind. Wozu denn überhaupt so überdreht herausstürmen?“


Er griff nach meinem Arm und brachte mich hinein.


Mein Vater: Der schönste, klügste und stärkste Mann der Welt. Ich war ganz verrückt vor Liebe zu ihm. Es konnte einfach keinen Zweiten auf der Welt geben, der so war wie er. Als ich noch klein war, sagte ich immer: „Wenn ich mal jemanden heirate, dann höchstens Papa“, worauf er in glucksendes Lachen ausbrach. Uns drei Schwestern liebte Vater sehr. Iqbal hatte er auch lieb, aber nicht so sehr. Verwöhnt von Liebe und Zuneigung gaben wir uns stets affektiert. Wer auch hätte dieser Koketterie Einhalt gebieten können? Wenn die Amme alleine war, murrte sie nur: „Solch eine Hätschelei habe ich meinen Lebtag noch nicht gesehen. Die Mädchen sind völlig außer Rand und Band. Es vergeht kein Tag ohne irgendeine Katastrophe.“


Die Amme hatte Recht. Wir waren mächtig ungezogen. Immer wenn der Lehrer zum Unterricht kam, lernten wir ein Weilchen absolut vorbildlich. Der Lehrer nahm für gewöhnlich Opium ein. Sobald ihn der Opiumschlummer übermannte, stahlen wir uns still und heimlich davon. Wir kamen an der seitlichen Veranda heraus, wo der Gong befestigt war, den wir mit voller Wucht anschlugen, worauf sich der aufgeschreckte Lehrer unter Wehklagen aufrappelte. Nun sagte einer von uns: „Herr Lehrer, Sie sind eingeschlafen. Wir wiederholen schon seit einer Stunde die Lektion.“


„Ihr habt sie also schon wiederholt?“, fragte der Lehrer unschlüssig.


„Ja, Herr Lehrer!“, antworteten wir im Chor.


„Gut, dann lernt die Lektion für morgen auswendig“, sagte er, während er schon in die Schuhe schlüpfte, seinen Hut aufsetzte und in die Gasse hinaustrat. So war in nur einer halben Stunde eine ganze Lektion erledigt! Was war noch? Wir äfften alle Alten des Hauses nach und trieben Schabernack. Einmal versteckten wir die falschen Zähne der Amme und rissen Witze über ihren zahnlosen Mund, oder verkleideten uns zur Mittagszeit mit einer Burqa als Gespenst, womit wir Suggan erschreckten, die Tochter der Amme. Ein andermal sperrten wir Attu, unseren jüngeren Vetter, im Hühnerkäfig ein und nahmen dann Reißaus! In Ungezogenheiten und Streichen waren wir einfach unschlagbar.


Selbst wenn Beschwerden folgten, schenkte Papa dem keine Beachtung. Seine Liebe war wie ein Zaun, in dessen Schutz wir zu völligem Übermut heranwuchsen. Den Unfug verzapften wir, doch die Schelte bekam immer der arme Iqbal ab. Papa hatte stets ein Auge auf Iqbal, damit der Junge nicht verdorben würde. Aber er wollte kein Wort von irgendwelchen Beschwerden über seine Töchter hören. Als es um eine geeignete Partie für uns ging, erschien ihm kein Mann dieser Welt gut genug für uns. Der eine hatte den falschen Stammbaum, der andere war zu klein, der eine zu dunkel, der nächste zu arrogant, wieder ein anderer ein Vielschwätzer. Sobald wir Papas kritischen Blick gedeutet hatten, verliehen auch wir den Heiratskandidaten alle möglichen Titel: Zwergenmännchen, Erdnuss, rabenschwarzer Kater, Araberhengst und so weiter. Kurz gesagt, aus welcher Ecke auch immer ein Heiratsangebot kam, machte er Gott-weiß-welchen Mangel aus und lehnte ab. Somit blieben wir in der Blüte unserer ­Dynastie, Fruchtbarkeit und Schönheit immer nur im Nur Manzil. Wir gingen niemals aus. Sieh mal Papa, ich bin immer noch hier im Nur Manzil. Du musst gar nicht erst nach meiner Adresse suchen.


Das hier ist das riesige umgrenzte Grundstück von Nur Manzil. Man kann jetzt in der Regenzeit den Pflanzen beim Wachsen zusehen; Blutegel, Tausendfüßler, rot-samtene Käfer und Fröschlein vergnügen sich. Nach einem langen Jahr kriechen die eingesperrten Schlangen aus ihren Löchern hervor, begrüßen sich windend den Regen, und das hohe Gras prescht vor wie grüne Flammen. Ja, inmitten des Trubels von Benares existiert noch immer dieser umfriedete Hof. Bis heute kann man sich hierher einen Weg durch das Gewühl bahnen.


Nur Manzil: Fast ein Meter dicke doppelte Wände aus flachen Lakhauri-Ziegeln, eine riesige Tür, zwei mit ­Eisennägeln beschlagene massive Tore, dahinter die lang gestreckte geschwungene Vorhalle, von welcher drei ­Treppen in den weiten offenen Innenhof führen. Genau in der Mitte des Innenhofs liegt ein Bassin, in dem das Wasser des Springbrunnens rastlos in die Höhe jagt, um das Licht zu erhaschen. Zu zwei Seiten des Hofes befindet sich die bogenförmige Säulengalerie, in deren Türen damals dicke, schwere Vorhänge hingen. Wenn die Vorhänge im Winter heruntergelassen wurden, drang nicht eine Spur von Kälte ein, und wenn sie im Sommer zurückgezogen wurden, blies eine frische Brise vom Hof hinein und löschte die Hitze. Entlang der Türen schlängeln sich die vier Ranken des Madhumalti-Jasmins, dessen Äste bestimmt älter und dicker sind als die einer Liane im tiefsten afrikanischen Dschungel. Der Jasmin war das Zuhause hunderter Spatzen. Tag und Nacht schlugen sie solch einen Lärm mit ihrem Getschilpe, dass man nichts anderes mehr hören konnte.


Von den Decken der inneren Räume hingen große Fächer mit Goldborten herab. Seit es elektrischen Strom gibt, sind die Fächer natürlich nutzlos geworden. Aber im großen Zimmer hängt bis heute einer. Ich erinnere mich an diese langen Nachmittage im Sommer, wenn Suggan stundenlang die Schnur des Fächers zog, die um ihren großen Zeh gebunden war. Manchmal kam es sogar vor, dass sie einnickte, der Zeh aber mit seiner Arbeit fortfuhr.


In einer Ecke des Innenhofs befindet sich ein breiter Treppenaufgang mit tiefen Stufen, der in der Dachkammer mündet. Diese weitläufige offene Dachterrasse von Nur Manzil! In Sommernächten schlugen wir hier unser Nachtlager auf. Welch ein Duft die Jasminblüten verströmten, die wir auf die Laken und Kissen gestreut hatten! Immer wenn es schwül war, und die Sonne erbarmungslos brannte, besprenkelten wir die Liegen aus Schilfgras mit Wasser oder auch mal mit Rosen- und Palmenwasser. Wenn der Regen prasselte, zogen wir die Liegen ins Innere der Dachkammer. Über dem Innenhof, unter dem Dachsims, befanden sich die Taubenschläge. Die Amme pflegte zu sagen, dass ein Haus, in dem es Tauben gibt, nie von Krankheiten heimgesucht würde. Laqqa, Shirazi, Kabuli und die edle Anardana mit Augen wie Kaiser Akbar sie hatte.


Doch jetzt ist mehr als die Hälfte der Zimmer unzugänglich. Ein Teil des Havelis steht mir zur eigenen Verfügung offen. Wenn man nahe dem hintersten Ende des Innenhofs vier Stufen hinabsteigt, kommt man in das Kellergewölbe, das selbst in der Sommerzeit noch kühl bleibt. Seitlich davon ist ein kleiner Raum, in dem ich mich im Winter aufhalte, neben dem sich eine Kammer befindet, die ich als Küche nutze. Gleich davor schläft Halima, außerdem noch deren Schwiegertochter und Enkel, während ihr nichtsnutziger Säufer-Sohn in den Gassen von Benares herumstreunt. Wenn nachts alle ihr Bettzeug in einer Bahn ausrollen, rutscht mir bei dem daraus aufsteigenden Muff aus Müdigkeit und Schweiß glatt das Herz in die Kniekehle. Aber ich kann nichts dagegen tun. Ich selbst war es ja, die denen befohlen hat, hier zu schlafen. Es ist ganz einfach so, dass ich diese Horde notgedrungen ertragen muss. Sollte ich eines Nachts stürzen und mir das Bein brechen, muss jemand da sein, der mir aufhilft.


Wobei es an Halimas Fürsorge keineswegs mangelt. Zeitweilig rückt sie mir wirklich auf die Pelle, mal mit „Tante, möchten Sie einen Tee?“, mal mit „Tante, soll ich Badewasser holen?“


Gott bewahre mich davor, von dem Weib gebadet zu werden! Wälze ich mich etwa die ganze Nacht im Dreck? Aber dass sie hier ist, ist auch eine Gnade Gottes. Ich gebe ihr ja wahrlich keine Perlen und Juwelen, sondern nur so viel wie sie zum Leben braucht, zwei Rotis und Dal. Sie selbst ist ja vom Pech verfolgt, deshalb bleibt sie hier; wie sollte ich heutzutage auch an Diener kommen?


Das restliche Haus ist verschlossen. Seitlich von meinem Raum im Innenhof führt ein breiter Treppenaufgang zum Dach hinauf. Auch dort gibt es einen lang gestreckten Korridor. Dieser Säulenflur trägt den Namen „Galerie des gefallenen Helden“. Spätnachts, wenn Totenstille herrscht, steigt der gefallene Held mit seinen Holzschuhen die Treppe herab. Ständig höre ich das Klackern der Holzschuhe. Aber irgendwie kommt er niemals unten an, sondern geht immer weiter. Schon seit zweihundert Jahren steigt er die Treppe hinab; das ist in unserer Familienchronik vermerkt. Wenn man aus dem offenen Fenster der Dachkammer in die Gasse schaut, sieht man drüben ein Grabmal, das für ihn errichtet wurde. Einige sagen, dass dieser Geist gut ist, wieder andere behaupten, dass es ein unheilbringender böser Geist ist. Nun, was wissen wir schon über Geister; ich lasse Halima jeden Donnerstag ein Lämpchen und Räucherstäbchen in der Galerie anzünden. Aber was schert mich schon der Geist, wo ich doch selbst gerade zu einem werde!


Allen habe ich schon Lebewohl gesagt. Vater, Mutter, Onkel, Tante. Auch meinen zwei Schwestern und einem Bruder. Alle drei waren jünger als ich. Im linken Teil des Havelis sind Onkels vier Kinder. Alle sind tot. Sie schlafen nun sorglos unter dem Neem-Baum. Die gelben Blätter des Neem-Baums fallen auf das Grab. Immer wieder kehre ich die Blätter mit der Hand beiseite, mache es sauber. Die Erde auf dem Grab schabe ich mit den Nägeln ab. Darunter kommt Marmor zum Vorschein, worauf Namen eingemeißelt sind. Außer den Namen gibt es sonst keine Spur mehr. Wozu auch Spuren von denen, die nicht mehr sind? Allein mich gibt es noch, mit einem Bein auf der Erde, dem andern schon darin – ich beherrsche beide Welten. Ich, Kulsum Bano. Es gibt niemanden mehr, der mich noch bei diesem Namen nennt. Ich habe sie alle besiegt, ich sterbe nicht! Nur achte ich jetzt auf jeden Schritt, ich habe ja gesehen, welch böses Ende es mit Mutter nahm, und meine Lektion gelernt. Jetzt will ich leben, die Lebenslust steckt in jeder Faser meines ­Körpers.


Früher stellte ich mich oft auf die Dachbalustrade vom Nur Manzil, die vor lauter Flechten ganz schwarz war, und schlug mit den Armen wie mit Flügeln. Der riesige Mond erschien dann wie ein gelber Teller am Himmel. In einem Anflug von Groll hüpfte ich ächzend und prustend hoch. Die silbrig leuchtenden Gebäude, Bäume, das Brunnengebälk, alle wahrten sicheren Abstand! Während ich die Luft mit den Armen durchpflügte, schaute ich mich einige Male nach dem Korridor um, der sich immer weiter entfernte. Und dieses Gefühl von Freiheit im Herzen. Wie ein Feuerwerk sprühte mein Herz vor Glück. Immer wieder, noch nach Jahren, tanzte dieser Traum auf der Leinwand meines inneren Auges. Ich ging zu Mutter und erzählte ihr davon. Sie war ans Bett ­gefesselt. Sie konnte sich nicht einmal bewegen, ­geschweige denn fliegen.


Meine Mutter. Ja, sie war auch manchmal so garstig wie ich. Nusrat Bano. Hier in der Vorhalle war sie gestürzt. Ihre Hüfte war so zertrümmert, dass sie nie wieder laufen konnte. Sie lag immer auf dem riesigen Teakholzbett in dem Kämmerchen im Innenhof. Das Wetter änderte sich, auf Sommer folgte Regenzeit, auf Regenzeit Winter, dann kam Frühling, dann Trockenzeit, dann wieder Sommer. An ihrer Lage änderte sich rein gar nichts. Durch das ständige Liegen war das Bettgeflecht schon ganz ausgeleiert. Ihr Leben neigte sich dem Ende zu. Ihre kühne Schönheit: Diese Augen wie Feuerströme, die Leidenschaft in ihrem Ausdruck. Ich habe gesehen, wie ihre Augen erloschen. Oh Gott, warum gabst du ihr überhaupt dieses Antlitz, wenn ihm solch eine Niederlage beschieden war?


Das alles sage ich heute, da ihr Bild, während ich im Labyrinth der Vergangenheit umherirre, vor meinen Augen auftaucht. Damals nahmen wir kaum etwas von ihrer Hilflosigkeit wahr, ja beinahe gar nichts. Sie lag eben immer in der Ecke des Havelis wie ein Ruhepunkt in der sich drehenden Welt, während wir den ganzen Tag selbstvergessen tobten. Immer wenn jemand an ihr vorbei lief, rief sie, worauf wir dem Folge leisteten, oder auch weghörten und weitergingen. Was muss das doch für ein schneller, reißender Strom gewesen sein, in dem wir vorantrieben, so dass ihre Stimme unsere Ohren nicht mehr erreichte?


Eines Nachmittags, als ich ihr Rufen hörte, und trotzdem vorbeiging, gab sie ein Zeichen, dass ich mich zu ihr setzen solle. Dann deutete sie auf die Sonnenstrahlen, die wie gesiebt durch den Hennastrauch fielen, der in einer Ecke des Innenhofes wuchs. Die hin und her wiegenden, miteinander ringenden Zweige des Hennastrauchs warfen gerade wieder Schatten an die gegenüberliegende Wand, die aussahen wie ein haarfeines Labyrinth. Wir ­betrachteten es gemeinsam, sie im Liegen, ich im Sitzen. Es hörte nicht auf, bis das Sonnenlicht am Nachmittag allmählich schwächer wurde. Obwohl diese von Mal zu Mal erscheinenden, schwindenden, schwankenden Schatten nur eine Sekunde existierten, sahen wir in diesem Spiel von Licht und Dunkel Inseln, im Wind zitterndes Gras und Bäume, von brennenden Blättern aufsteigenden Rauch, eine Kamelkarawane, die schon seit etlichen Tagen die Wüste durchquerte. Eine vergängliche Welt, die sich langsam verflüchtigte. Flüsternd fragte sie mich: „Siehst du, was dir das Kokosnussdickicht zeigt, das sich da im Wind wiegt? Diese riesigen Schiffe und die Schlangenbäume in der Wüste?“ Ihre ermattete Stimme klang wie das zarte Flattern eines Falters, dessen Flügel verletzt waren.


Doch meistens war es so, dass ich ihr Rufen ignorierte und in meinem Tun verharrte. Denn viel zu tun gab es damals immer.


Tahira war gerade angerannt gekommen.


„Schwester, Schwester, komm schnell. Der Milan ist ­wieder da!“


Tahira: Meine kleine Schwester, vier Jahre jünger als ich, meine ständige Begleiterin. Die Küken waren aus dem Käfig freigelassen worden, um im Hof Körner zu picken. Meine schwarzen Monarchen-Zöglinge! Seit zwei Tagen schon kreiste er über ihnen; einen Tag zuvor hatte er ein Küken geschnappt. Heute ist er zurückgekehrt. Soll ihn doch der Teufel holen!


Ich stürzte blitzschnell hinter Tahira her, barfuß, ich verschwendete keinen Gedanken daran, Schuhe anzuziehen. Über den Innenhof war das blaue Himmelszelt gespannt, mit weißen Wolkenwimpeln darauf. Plötzlich war alles klar und leer. Dann, bei genauem Hinsehen, konnte man in sehr großer Höhe einen schwarzen Punkt ausmachen, der immer größer wurde. Der Milan kam nun im Sturzflug herunter. Ich richtete meinen Blick auf die Küken, die gelben Wattebäuschlein, die noch mit der Unschuld ihres zwei Wochen alten Lebens erfüllt waren. Als ich den Milan damals anvisierte, packte mich die Wut. Plötzlich fiel der schwarze Schatten des Milans zu Boden, und mit gebieterischer Geste stürzte er sich auf die Küken. Und dann? Im Nu warf ich mich auf den Milan. Mit meinem ganzen Gewicht drückte ich ihn zu Boden. Seine warmen Flügel schlugen wie wild unter meiner Brust. Sie rochen nach Staub und luftigen Höhen.


„Suggan, Suggan!“, kreischte ich. „Bring schnell die ­große Schere.“


Vor lauter Wut stutzte ich dem Milan mit Suggans und Tahiras Hilfe die Flügel. Erst als ich ihn neben den Küken her laufen sah, beruhigte ich mich wieder.


Das hier ist der gleiche Hof wie damals. Abends lasse ich mir einen Stuhl hinausbringen und sitze dann hier im Freien. Ich beobachte die Umgebung so lange, bis sie sich von Erdfarben über Bleigrau zu Schwarz verfärbt hat. Wie dichter schwarzer Rauch breitet sich nun die Einsamkeit um mich herum aus. Auf einer Seite des Innenhofs ist Halimas Ziege an einen Ring angebunden, auch sie ist schwarz. Sie guckt mich mit ihren stumpfsinnigen Augen an und ich glotze wie idiotisch zurück. Verflucht soll sie sein, diese Halima. Hätte sie ihre Ziege nicht woanders anbinden können? Eines Tages, als sie frei herumlief, waren nachher alle Wunderblumen abgefressen. Was die Ziege angeknabbert hatte, erholte sich auch nicht wieder. Aber wenn ich erst den Mist sehe, dann könnte ich vor Wut platzen. Die kohlrabenschwarzen unheilvollen Köttel liegen überall verstreut. Diese Schreckschraube weiß nicht mal, wie man reinemacht, nur Dreck verteilen kann sie. Aber wie oft soll ich mir noch den Mund fusslig reden; also bleibe ich eben sitzen in diesem Misthaufen und rühre keinen Finger.


Als ich heute im Hof saß, hörte ich aus dem gegenüberliegenden großen Zimmer die Stimme Sakinas, meiner jüngsten Schwester. Ihre tragende Stimme glitt dahin, als ob die Melodie auf einem Band aus Öl aus ihrer Kehle glitt. Sakinas kluges Gesicht taucht vor meinen Augen auf, mit Ohranhängern aus Smaragd. Ihr türkisfarbener Dupatta flatterte in der seit Jahren unbewegten Luft des großen Zimmers. Früher pflegte sie in einen alten Kupferkessel hinein zu singen. Die im Kessel gefangene Stimme, die ihren Weg nach draußen suchte, tönte darauf noch pompöser. Dieser Topf polterte lange Zeit herrenlos im Haus herum, bis ihn jemand im Vorratslager abstellte, wo er seitdem sein Dasein in einem Haufen kaputter Töpfe fristet. Dann verschwand auch er genau wie meine Tanzschellen. Dank der schmarotzenden Diener in diesem Haus bleibt kein einziges Ding an seinem Platz. Ich hatte Sakinas Stimme ganz deutlich gehört. Sie sang gerade ihr Lieblingslied, welches sie früher so oft gesungen hatte:


„Jhukī āī re badariyā sāvan kī
sāvan kī manbhāvan kī…“
„Ei, herabgesenkt hat sich das Monsunwölkchen,
das herzerquickende Monsunwölkchen…“


Stundenlang blieben Sakina und ich in dem großen Zimmer. Sie sang, ich tanzte! Ich schwöre, es gab einfach kein Ende. Von welch einem Fieber ich doch damals getrieben wurde! Wer weiß, woher diese Leidenschaft für das Tanzen kam, die in meinem Herzen aufgekeimt war. War das vielleicht der Verdienst jener Tänzerinnen, die stets am Abend in das Haveli kamen, oder reichten die Wurzeln dieser Leidenschaft etwa bis zu einem anderen tiefen, geheimen Ort? Könnte es sein, dass in mir das Blut einer Tänzerin fließt, eines wunderschönen Tanzmädchens, das sich etwa, indem sie ihn mit duftendem Pan fütterte, einen Platz im Herzen meines Urgroßvaters oder Ururgroßvaters erobert hatte? Woher auch immer, jedenfalls geriet mein Blut in solch eine Wallung, dass nur eine Bewegung der Füße und des Körpers Abkühlung verschafften.


Mit geschlossenen Augen, einem Lächeln auf den Lippen, Herz und Verstand in einer anderen Welt, tanzte ich ohne Unterlass. Die Füße waren zwar wund, aber noch nicht müde. Unablässig drehte ich mich auf dem Steinboden des großen Zimmers im Kreis. Dann lupfte ich den Saum meiner weiten Garara-Hose etwas hoch und zog mich an einem Fleck wie ein Kreisel zusammen. Solange ich tanzte, war ich ganz woanders, ja, war ich jemand anderes. Schließlich, als ich keuchend inne hielt, tanzte die Empfindung der anderen Welt noch lange in meinem Kopf weiter!


Sehr fern, am Rande einer anderen Welt singt Sakina gerade in den Kessel hinein. Es ist Abend geworden. Vom rosa-goldenen Himmel senkt sich Sakinas Stimme herab und hallt in meinen Ohren nach. Das war auch ein Wunder, wie ich letzten Monat meine hinter der Wand verborgenen 80 Jahre alten Tanzschellen wiederfand, die verloren schienen. Ich nahm sie in die Hand und betrachtete sie von allen Seiten. Es sind wirklich dieselben Schellenbänder, nur haben Zeit und Feuchtigkeit grünliche Flecken darauf hinterlassen. Mit Müh und Not habe ich mein steifes Kreuz gebogen, um die Tanzglöckchen um meine klotzigen Füße zu binden. Dann machte ich genau hier mit der ungelenken Bewegung eines großen plumpen Vogels eine langsame, wacklige Umdrehung. Als hallte etwas im Herzen nach, lebte die Erinnerung auf. Den verrosteten Tanzglöckchen entglitt ein kaum hörbarer, dumpf schellender Klang. Mir war, als klangen sie fern von hier, irgendwo anders.

Diese Übersetzung erschien später als Teil des Buches: Sara Ra/Johanna Hahn, In der Wildnis, kommentierte Übersetzung und Interpretation moderner Hindi-Kurzgeschichten von Sara Rai, Regiospectra Verlag, Berlin 2013, 187 Seiten, 20,90 Euro. Weiteres unter www.regiospectra.de/fachbuch_pub_indien.htm


Aus dem Hindi übersetzt von Johanna Hahn


Zur Autorin
Sara Rai, Jahrgang 1956, lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Übersetzerin in Allahabad. Sie gewann den Katha Award (1993, 1997) und den A. K. Ramanujan Award für ihre Übersetzertätigkeit (2000). Rais Werk ist von Spannungen zwischen metaphernreichen Beschreibungen der Umwelt und innerem Erleben der Protagonisten geprägt. Die Geschichten nehmen den Leser auf eine Reise zwischen den Welten von Kultur, Natur und menschlicher Seele mit. – Die Erzählung „Labyrinth“ (im Original Bhūlbhulaiyā) erschien 2005 im Band „Biyābān me“ (In der Wildnis) beim Verlag Rajkamal Prakashan (Allahabad).

Südasien 1/2012