Salma
Die Stunde nach Mitternacht
Ein Auszug aus dem Roman der jungen tamilischen ­Autorin Salma

Kapitel 18
Rabi und Siddhi saßen in der Passage vor der Küche. Siddhi hockte auf ihren Schenkeln, während Rabi im Schneidersitz dasaß und ihren langen Rock im Schoß zusammengerollt hatte. Sainu brachte etwas Gopal-Zahnpulver heraus und schüttete eine kleine Menge in ihre hohle Hand. Sie langte nach oben und legte das Päckchen auf das Fenstersims außerhalb der Küche, dann lehnte sie sich vornüber zu den beiden Mädchen. Zuerst forderte sie Rabi auf, ihren Mund zu öffnen. Rabi kicherte auf ihre seltsame Art und öffnete den Mund weit. Sainu stippte ­ihren Zeigefinger in das Zahnpulver und scheuerte stark Rabis Zähne. Als Rabi versuchte, den Mund zuzumachen, stieß sie sie gegen den Kopf. „Saniyané, mach das nicht, wir sind jetzt fast fertig.“ Siddhi saß in der Nähe und weinte: „Amma wird böse werden, Amma wird böse werden.“


Sainu war erschöpft. Jeden Morgen, wenn sie es geschafft hatte, ihnen die Zähne zu putzen, sie auf die Toilette zu setzen und sie danach zu waschen, war sie fast tot. An den Tagen, wenn sie sie baden musste, brach ihr fast der Rücken in Stücke. Außerdem musste sie ihnen auch noch die Haare waschen, sie trocknen und kämmen! Sie murmelte vor sich hin, dass dieser Allah, der den Hunden etwas Gutes und den Hennen den Koran auf die Stirnen schrieb, ganz gewiss auf ihre Stirn ein besseres Schicksal hätte schreiben sollen. Sie sagte den Mädchen, sie sollten sich den Mund spülen, und brachte sie ins Haus, in die ­Küche.


Dort war Mumtaz und schnitt Gemüse klein. Ihr Gesicht drückte aus: Zwar ist jetzt ein Fastentag, aber wir müssen am Morgen trotzdem für diese beiden Blöden kochen! Sainu sagte: „Mumtaz, mach bitte für die beiden ein paar Dosais!“


„Mach ich sofort“, sagte Mumtaz, zündete das Holzfeuer an und stellte das Dosai-Backblech auf den Herd. Das Feuerholz war grün, sodass sie der Rauch davon in die Augen biss. Sie nahm die Flasche mit Kerosin und kippte vorsichtig etwas daraus über das Holz. Das Holz fing mit einem plötzlichen Aufflammen Feuer. Sie rührte den Backteig und goss etwas davon auf das Blech. Madina kam von irgendwoher angeflogen und setzte sich neben ihre Schwestern. Sie sagte: „Gib mir bitte auch Frühstück! Ich muss für mein Examen lernen.”


Sainu schnauzte sie an: „Du bist so groß wie ein Büffel geworden, aber dein Gehirn ist nicht gewachsen! Ob du vielleicht einen Teller und eine Tasse Wasser nimmst und vor dich hinstellst, eh du dich setzt, oder willst du dich lieber gleich hinsetzen wie ein Junge? Nimm jetzt auch für deine beiden Schwestern Teller und stelle sie ihnen hin. Du bist doch wohl ein Mädchen, oder nicht? Gehört es sich etwa, dass du dich so verhältst?”


Madina lief zum Schrank und griff nach drei Tellern, die darin standen. Sie nahm einen Krug und eine Tasse vom Regal über dem Küchenherd. Sie füllte den Krug aus dem Wasserbehälter und goss etwas Wasser in die Tasse, die vor Rabi stand. Dann stellte sie den Krug neben sich.
Von Siddhi und Rabi ging ein unangenehmer Geruch aus. Madina hielt den Atem an und rückte etwas von ihnen ab. Sie wusste, dass der Geruch daher kam, dass sie die ganze Zeit sabberten. Saniyané, konnten sie nicht wenigstens ihre Spucke runterschlucken? Sie wussten genau, was sie tun mussten, um ihr Essen zu schlucken, konnten sie das denn nicht auch lernen?


Mumtaz hatte darauf bestanden, dass sie selbstständig essen sollten. Sie erlaubte Sainu nicht, sie zu füttern. „Lass sie in Ruhe, Schwiegermama, lass sie alleine essen“, sagte sie immer wieder. Und tatsächlich hatten sie es gelernt. Manchmal war Mumtaz mit ihrer Schwiegermutter streng: „Wenn du ihnen nur beigebracht hättest, alles alleine zu machen, dann wäre es nicht so schwer mit ihnen, wie es jetzt ist. Es wäre ein wenig leichter für dich. Du machst dir all diese unnütze Arbeit, putzt ihnen die Zähne, wäschst ihnen den Hintern, badest sie und alles!“


Aber Sainu wollte ihr nicht zustimmen. „Für dich ist es leicht, das zu sagen. Wie hätte ich ihnen das alles beibringen sollen, da man mir doch gesagt hat, ihr Gehirn würde sich niemals entwickeln? Außerdem findet das alles nur zu meinen Lebzeiten statt. Solange ich lebe, will ich mich selbst um meine Kinder kümmern.“ Ihre Augen füllten sich dann mit Tränen. Die beiden Schwestern ließen es manchmal nicht zu, dass Farida oder Mumtaz Sainu bei ihrer Pflege halfen. Sie konnten sehr eigenwillig sein. Die größte Qual war es für Sainu, wenn sie ihre Periode hatten. Ihr Gehirn entwickelte sich offensichtlich nicht, aber von ihrer Periode konnte man nicht dasselbe sagen; sie kam regelmäßig jeden Monat. Dann hatte Sainu vier bis fünf Tage hintereinander zu kämpfen, musste sie mit Tüchern versorgen und diese waschen und trocknen. Sie verlor dann den Appetit bei all dem Hin und Her. Sobald die eine fertig war, fing die andere an, und dann war sie selbst an der Reihe. Der halbe Monat war damit ausgefüllt. Und die ganze Zeit über hörte sie in ihrer Verzweiflung niemals auf, Allah zu schelten. „Bitte nimm sie zu dir!“, bat und betete sie. Sie zog einigen Trost daraus, dass ihr Mann gestorben war, ohne dass er das alles miterlebt hatte. Wozu nützte das viele Geld? Wozu nützten schließlich Annehmlichkeiten und Entscheidungsfreiheit? Es gibt weder eine Möglichkeit, die beiden zu heilen, noch eine Möglichkeit, auch nur etwas Frieden zu finden, weinte sie.


Für Madina war es fast schon Zeit, zur Schule aufzubrechen. Sie bat Mumtaz: „Bitte, gib mir zuerst mein Frühstück. Die Schulglocke läutet bald!“


„Hier, es ist fertig.“ Mumtaz legte den ersten Dosai auf ihren Teller und goss ihr etwas Chutney darüber. Sofort nahm Madina ihren Teller und lief damit in die Halle, um sich dort zum Essen hinzusetzen. Sie wurde vom Rauch in der Küche und dem üblen Geruch ihrer Schwestern vertrieben.


Sainu saß auf einer Bank im Hof und rief: „Warum gehst du in die Halle, Kind? Du wirst dort überall dein Essen verkleckern. Denk daran, dass wir dort beten!“


„Nein, Amma, ich verspreche dir, dass ich nichts verkleckere. Mich beißt der Rauch dort in die Augen.“


Natürlich taten Madina ihre Schwestern leid. Aber es schien keine Möglichkeit zu geben, diesen furchtbaren Geruch loszuwerden. Amma tat ihr Bestes: Sie wusch sie jeden Tag mit teurer Ceylon-Lux-Seife. Aber der Geruch ließ nie nach. Was konnte man da machen? Madina brachte niemals ihre Schulfreundinnen mit nach Hause, nicht einmal im Vorbeigehen. Rabia konnte ruhig ins Haus kommen. Aber wie war es mit den anderen? Wenn sie kämen und die beiden sähen, dann würden sie früher oder später, wenn einmal ein Streit entstanden war, auf die beiden anspielen, nur um Madina zu ärgern. Außerdem dachte sie, dass ihre Freundinnen, wenn sie ihre Schwestern ­sähen, sie selbst nicht mehr respektieren würden.


Ihre Mutter, die Arme, liebte die beiden mehr als ihr ­Leben. Sie konnte nicht ertragen, wenn irgendjemand auch nur ein Wort gegen sie sagte. Mumtaz’ Mutter hatte sie einmal vor jemandem geneckt und gesagt: „Ja, Mumtaz, wird Sainu für deine beiden irren Schwägerinnen ­Männer finden?“ Eine andere Frau hatte gefragt: „Wie wird sie es denn wohl fertigbringen, die beiden zu verheiraten?“ Dann hatte sich noch eine Dritte eingemischt und gesagt: „Wie denn wohl? Sie hat ihre Arme und ihre Hälse mit Schmuck umwickelt! Verstehen die beiden überhaupt, was Schmuck ist? Kein Mann ist bereit, sie zu heiraten, nicht einmal für all den Schmuck!“


Dieselben Frauen, die an all diesem Geschwätz und Spott teilgenommen hatten, kamen zu Sainu, um ihr alles zu erzählen, was gesagt worden war. Sainu weinte so laut, dass das Haus bis in die Grundmauern erbebte. Mumtaz tat den Mund nicht auf. Es war Farida überlassen zu versuchen, sie zu beruhigen.


Mumtaz’ Mutter war natürlich traurig darüber, dass sie ihre Tochter in diese Familie verheiratet hatte. Sie hatte es getan, bevor ihr deren Probleme bekannt geworden waren. Irgendeine hatte sie wohl gefragt: „Wie konntest du deine Tochter in diese Familie geben? Da wollen wir mal hoffen, dass sie nicht auch verrückte Kinder bekommt. Sie sagen, es ist erblich und wird von einer Generation in die nächste weitergegeben.“ Auch darüber weinte Sainu. „In der Stadt sagen sie, dass die Kinder meines Sohnes ebenso sein werden. Oh Allah! Rabbi! Hör dir das an! Bereite diesen Leuten dasselbe Schicksal, wie meins ist! Bitte schenke meinen Kindern ein besseres Leben!“


Natürlich wusste sie, wie die Dinge lagen. Sie wusste, dass das der Grund dafür war, dass niemand Farida zur Frau haben wollte. Die junge Wahida würde bald heiraten. Ihre Tochter Farida würde schon achtzehn, sobald der ­Ramadan vorüber wäre. War sie in irgendeiner Hinsicht weniger gut ausgestattet als Wahida? Hatte sie etwa nicht viel Schmuck? Hatte sie etwa kein Geld? War sie nicht ebenso schön? Sie konnte keinen Mann aus ihrer Familiengruppe bekommen. Wie ihr Sohn Suleiman sagte, seien sie gezwungen, sich anderswo umzusehen. Aber sie konnte ja nicht in ein Auto steigen und herumfahren! Sie konnte ja diese Mädchen nicht allein zu Hause lassen! Sie hatte ihrem Sohn gesagt, er solle diesen Gedanken aufgeben. Wir sehen mal, was kommt, tröstete sie sich. Irgendwo musste es doch schon einen Mann für Farida geben, er müsste ja nicht erst geboren werden.


An diesem Tag war Sainu außergewöhnlich traurig. Unwillkürlich strömten ihr die Tränen aus den Augen. Sie wischte sie mit dem Sari weg. Madina hatte gefrühstückt und war zur Schule gegangen. Die Hitze wurde schlimmer. Sainu stand auf und ging ins Haus. Ihre Knie schmerzten. Sie rief: „Farida, Farida!”


Farida kämmte sich gerade das Haar und kam auf das Rufen ihrer Mutter heraus. Ihr langer Rock und Davani hoben ihre Größe hervor. Sie besaß das breite runde ­Gesicht und die rosa Hautfarbe ihres Vaters. Ihr Alter war genau richtig, um sie in die Ehe zu geben. Sainu machte sich Sorgen, dass das aufgeschoben werden musste. Sie sagte: „Geh zu deinen Schwestern, kämme ihnen das Haar und mach ihnen Zöpfe. Achte darauf, dass du genug Öl nimmst. Ich lege mich ein bisschen hin.“


„Wenn ich ihnen schließlich die Haare gekämmt habe, tun mir die Arme weh, Amma. Sie halten den Kopf nicht still, sondern wackeln ständig damit. Außerdem haben sie Läuse. Warum müssen sie auch unbedingt so langes Haar haben? Warum schneiden wir es ihnen nicht kurz?“ Farida sprach in belehrendem Ton zu ihrer Mutter. Sainu traten die Tränen in die Augen. „Sie haben beide so dickes Haar, das in schönen Locken bis über ihre Taille fällt. Wie kannst du so gefühllos sein vorzuschlagen, wir sollten es ihnen abschneiden? Wie könnte ich das jemals tun, Kind?“


„Warum weinst du über so etwas? Schließlich musst du damit kämpfen und es jede Woche waschen! Du bist jedes Mal völlig erschöpft, wenn du es geschafft hast. Wenn du es endlich frottiert und getrocknet hast, bist du alt und grau geworden!“


Sainu verstand, dass Farida das alles aus Zuneigung und Besorgnis sagte, und schwieg. Wenn jemand ­anderes dasselbe gesagt hätte, hätte sie es nie durchgehen lassen. Sie stimmte ihr ruhig zu: „Ja, Liebe. Wir ­wollen noch warten, bis das Fest vorüber ist, und dann tun wir es.“


Sainu ging hinein, um sich hinzulegen. Das Zimmer war hell vom Sonnenlicht. Sie zog die Vorhänge vor die Fenster und legte sich auf das Bett. Sie fragte sich eine Zeit lang, warum die Traurigkeit sie gerade an diesem Tag so überwältigte. Dann wurde ihr klar, dass es nicht nur an diesem Tag so war, sondern dass sie sich in der ganzen letzten Woche ebenso gefühlt hatte. Seit sie von Wahidas Heirat gehört hatte, war ihr das Herz schwer. Es war Besorgnis und Bedauern, dass sie nicht in der Lage gewesen war, eine Hochzeit für Farida zu arrangieren. Sie hatte Sorge, dass Farida tief gekränkt sein müsste. „Wir hatten gehofft, sie Salaam, dem Sohn meiner Schwägerin, zu geben“, dachte sie. „Aber seine Mutter Zeenat war damit nicht einverstanden und deshalb verheiratete sie Sherifa mit ihm. Aber ­Allahs Pläne waren anders als ihre: Sie hatte nicht verhindern können, was kommen musste!“


Sie erinnerte sich schaudernd daran, wie Zeenat sich an sie gehängt und viele Tränen vergossen hatte, als die Nachricht kam, dass Salaam bei einem Unfall in Dubai gestorben sei. Zeenat schrie vor Schmerz: „Was für einen großen Fehler habe ich da gemacht! Ich hatte Angst, dass mein Sohn geistesschwache Kinder bekommen würde, wenn er deine Tochter heiraten würde, und deshalb habe ich ihn mit der Tochter meiner ältesten Schwester verheiratet. Jetzt ist sie hilflos und noch dazu schwanger!“


Sainu hatte ihren Groll gut verborgen und ihn niemals verraten. Manche Leute versuchten, sich auf ihre Seite zu schlagen, und sagten: „Warum mussten sie sich auch anderswo nach einer Braut umsehen, wo doch deine Tochter hier vor ihrer Nase ist?“ Aber Sainu sagte nur: „Ja und? Zeenat hat nach einer Braut gesucht, die zu ihnen passte, und ebenso muss ich nach einem Jungen suchen, der zu uns passt. Außerdem solltet ihr daran denken, wer Sherifa ist. Sie ist auch eine Nichte. Zeenat ist ja schließlich innerhalb der Familie geblieben!“ Es demütigte Sainu, dass alle wussten, dass Farida zurückgewiesen worden war. Das warf ein schlechtes Licht auf Farida! Wenn Sainu an ihren Mann Latif Rowther dachte, schnürte sich ihr die Kehle zusammen. „Wenn er am Leben wäre, dann wäre das nie passiert!“, dachte sie.


Ihr Kummer über Salaams Tod hatte sie für viele Tage in die Knie gezwungen. Er war der Sohn der Schwester ihres Mannes. Seit seiner Kinderzeit hatte sie ihn Schwiegersohn genannt. Der war er immer für sie gewesen. Der einzige Trost war, dass Farida, wenn sie ihn geheiratet hätte, jetzt als Witwe zurückgeblieben wäre. Allah hatte wenigstens insofern auf sie aufgepasst. Sonst wäre aus einem neuen Topf ein gebrauchter geworden. Warum sollte sie an den gebrauchten denken, wenn es keine Möglichkeit gab, für den neuen Topf einen Deckel zu finden? Hätte sie den gebrauchten Topf jetzt zudecken können? Aber die arme Sherifa! Was nützten ihr jetzt Schönheit und Jugend? Sie war mit ihrem Kind allein. Sainu fragte sich verwirrt, welche Zukunft Sherifa haben werde. Vielleicht würden sie sie mit Salaams jüngerem Bruder Asik verheiraten. Aber Sherifa lehnte hartnäckig ab, an eine neue Heirat zu denken. Was war da zu tun?


Salma, Die Stunde nach Mitternacht, Roman, Draupadi Verlag, Heidelberg 2011, 359 Seiten, 19,80 Euro.

Aus dem Englischen übersetzt von Ingrid von Heiseler


Endnote

1 Sie finden hierzu auch eine Rezension von Reinhold Schein in ­diesem Heft

Südasien 1/2012