Gisela Burckhardt und Steffi Holz
Schuften zum Hungerlohn
Die asiatische Textilindustrie am Beispiel Bangladesch

Dass unsere Kleidung in Asien, Mittelamerika und Osteuropa hergestellt wird, ist längst kein Geheimnis mehr. Seit den 1970er Jahren wird die Produktion ver­stärkt in Länder mit niedrigen Lohnkosten und schwachen Arbeitsrechten ausgelagert. Von den weltweit rund 27 Millionen Arbeitern in den Fabriken sind 80 bis 90 Prozent Frauen. Am Beispiel Bangladesch beschreiben die Autorinnen die miserablen ­Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie Asiens – und was das mit uns zu tun hat. Beide Autorinnen sind in diesem Bereich für Nichtregierungsorganisa­tionen tätig.

Näherin in Dhaka (c) Gisela Burckhardt

Näherin in Dhaka © Gisela Burckhardt

China, Indien und Bangladesch sind die großen Produzenten von Bekleidung in Asien; zunehmend auch ­Vietnam und Kambodscha. Im vergangenen Jahr importierte Deutschland allein aus China Kleidung mit einem Warenwert von über acht Milliarden Euro. Aus der Türkei kamen Kleidungsstücke für rund drei Milliarden Euro, aus Bangladesch für rund zwei und aus Indien für etwa eine Milliarde Euro.1


Da die Lohnkosten in China in den letzten Jahren gestiegen sind und sich der Arbeitskräftemängel vor allem in den Produktionszentren an der Ostküste verschärft, lassen immer mehr Unternehmen in Ländern wie Bangladesch und Vietnam produzieren.


Dabei sind Bangladeschs Voraussetzungen im Vergleich zu den „großen“ Textilexporteuren, wie Indien oder China relativ schlecht. Während Indien und China die gesamte textile Wertschöpfungskette im eigenen Land haben – vom Baumwollanbau bis zur Konfektion –, besitzt Bangladesch kaum Vorleistungsindustrien und muss Garne oder Stoffe aus dem Ausland importieren. Dennoch kann Bangladesch seine Jeans günstiger anbieten als China. Hauptgrund dafür sind die niedrigen Lohnkosten.


Laut Statistischem Bundesamt kamen im Jahr 2008 über die Hälfte (54,5 Prozent) aller nach Deutschland eingeführten Jeans aus China und Bangladesch: Fast 50 Millionen Jeans im Wert von rund 340 Millionen wurden aus China importiert; Bangladesch lieferte rund 30 Millionen Hosen für 135 Millionen Euro. Während die Jeans aus China im Durchschnitt 6,93 Euro kostete, war die aus Bangladesch im Einkauf der hiesigen Modeunternehmen für einen Durchschnittspreis von nur 4,72 Euro zu haben.2


Selbst wenn Bangladesch seine Mindestlöhne erhöhen würde, was dringend nötig wäre, bliebe es noch immer mit Abstand das Land mit den niedrigsten Löhnen weltweit in der Bekleidungsindustrie. Die Fertigung und der Einkauf von Bekleidung erfolgt also auf Kosten der Arbeiterinnen, die mit Löhnen unter dem Existenzniveau die billigen Jeans in Europa ermöglichen. Nur 0,5 bis 1 Prozent vom Verkaufspreis eines ­T-Shirts in hiesigen Läden erhält die Näherin in Asien im Schnitt.


Made in Bangladesch
Bangladesch ist mit seinen 158 Millionen Einwohnern der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt. Das Land am Indischen Ozean ist nur halb so groß wie die alte Bundesrepublik. 64 Millionen Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze und ­haben unter 2.100 Kalorien am Tag zur Verfügung.


Die Bekleidungsindustrie ist der größte Devisenbringer Bangladeschs, rund 78 Prozent seiner Exporterlöse stammen aus diesem Bereich. Hauptauftraggeber sind deutsche und US-amerikanische Unternehmen. Seit 1990 hat sich der Sektor stark entwickelt. Lag der Wert der Exporte 1990 noch bei 600 Millionen US-Dollar, stieg er bis 2008 auf knapp 10 Milliarden US-Dollar. Da Bangladesch zur Gruppe der ärmsten Länder der Welt gehört, darf es unter bestimmten Bedingungen zollbegünstigt Kleidung nach Europa und in die USA ausführen. Diesen Handelsvorteil nutzte das Land, um sich im Schatten der Textilriesen China und Indien auf dem Weltmarkt zu etablieren.


In den letzten Jahren boomten die Exporte weiter. Bangladesch hat kürz­lich Indien als zweitgrößten Strickwarenexporteur der Welt nach China überholt. Laut der Tageszeitung Daily Star aus Dhaka stieg im Steuerjahr 2010/11 der Export von Strickwaren allein nach Europa gegenüber dem Vorjahr von 4,71 auf einen Wert von 6,9 Milliarden US-Dollar. Im ­Bereich der Webwaren kletterten die Umsätze von 2,48 auf 3,6 Milliarden US-Dollar.3


Gründe für diese enormen Steigerungen liegen zum einen in der Verteuerung Chinas als Produktionsstandort und der daraus folgenden Abwanderung von Einkäufern nach Bangladesch, zum anderen an den veränderten Zollbestimmungen der EU für Entwicklungsländer. Seit Januar 2011 entfällt die Auflage, dass ein bestimmter Anteil an Vorprodukten der Kleidung auch aus dem exportierenden Land selbst stammen muss. Für Bangladesch, das wenig Baumwolle anbaut und den Stoff aus China und Indien importiert, ergaben sich damit weitere Marktmöglichkeiten.

14 Arbeitsstunden täglich, ­sieben Tage die Woche
Die Bekleidungsindustrie in Bangladesch beschäftigt in ihren rund 4.000 Fabriken etwa 2,2 Millionen Menschen, etwa 87 Prozent davon sind junge Frauen. Frauen über 30 Jahre werden ungern eingestellt, da sie als zu alt gelten, um den ungeheuren Arbeitsdruck auszuhalten. Die jungen Frauen stammen zumeist aus ländlichen Regionen, verfügen nur über eine geringe Schulbildung und sind aufgrund der Arbeitslosigkeit in ihren Dörfern gezwungen in die Städte zu ziehen, um dort Geld zu verdienen. Trotz größtenteils miserabler Arbeits- und Sozialstandards bietet die Bekleidungsindustrie für die Frauen oft die einzige Möglichkeit, ein Einkommen zu erzielen. Mit dem Lohn unterstützen die jungen Frauen ihre Eltern auf dem Land und ernähren zudem oftmals allein ihre Kinder und Ehemänner.


In der Gesellschaft Bangladeschs bedeutet die Arbeit in einer Fabrik für die Frauen einen Gesichtsverlust. Denn dort sind sie den Blicken der Männer ausgesetzt, sie werden häufig sexuell belästigt, gedemütigt und beschimpft. Zugleich gewinnen die Arbeiterinnen durch ihr Einkommen, das häufig nicht nur ein „Zuverdienst“, sondern die Haupteinkommensquelle der Familie ist, eine gewisse ökonomische Unabhängigkeit, die wiederum ihr Ansehen und Selbstbewusstsein stärkt.


Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken sind oft menschenunwürdig- nicht nur in Bangladesch: Viele Frauen müssen an sieben Tagen in der Woche bei einer Bezahlung unter dem Existenzminimum schuften. Im fragmentierten Herstellungsprozess wird stückweise abgerechnet. Da das täg­liche Soll unrealistisch hoch angesetzt ist, ist es die Regel und nicht die Ausnahme, zehn statt acht Stunden am Tag zu arbeiten, also mindestens zwei Überstunden pro Tag zu machen.


Die tägliche Arbeitszeit in Bangla­deschs Nähfabriken liegt jedoch bei bis zu 14 Stunden. Selbst das reicht meist nicht aus, um die Vorgaben zu erfüllen. In vielen Fabriken arbeiten die Frauen sogar länger, bei Stoßzeiten bis in die Nächte hinein oder bis zum Morgen, wie zahlreiche Untersuchungen belegen.4 Trotz dieser erzwungenen Überstunden reicht der Lohn nicht aus. Die Überstunden werden oft zu spät und nicht korrekt bezahlt. Viele Frauen fühlen sich betrogen, denn Aufstellungen der Überstunden werden in der Regel nicht geführt und die Abrechnungen sind insgesamt intransparent. Auch Lohnzurückhaltung ist ein gängiges Druckmittel der Fabriken gegen die Arbeiterinnen.


Die jahrelange Arbeit in stickigen und überfüllten Räumen mit schlechter Beleuchtung, Staub und giftigen Chemikalien, die Überarbeitung in ungesunder Haltung und bei mangelhafter Ernährung, fordert ihren ­Tribut. Arbeiterinnen, die nicht mehr Schritt halten können oder aufgrund von Alter, arbeitsbedingten Unfällen und Krankheiten gezwungen sind, ihren Arbeitsplatz aufzugeben, finden sich völlig mittellos und ohne Absicherung oder eine Grundsicherung wieder. Feste Arbeitsverträge und ­Sozial­ver­- sicherungen gibt es ohnehin kaum.


Erschöpfungsbedingte Krankheiten sind weit verbreitet: Im Mai 2009 wurde aufgedeckt, dass in einer Fabrik, in der Metro produzieren lässt, eine 18-jährige Frau wegen Erschöpfung starb. Eine beantragte Krankschreibung war ihr vom Fabrikmanagement verwehrt worden. In dieser Fabrik mussten Näherinnen sieben Tage und bis zu 97 Stunden pro Woche arbeiten.5

Todesfalle Fabrik
In Bangladesch ist die Sicherheit der Arbeiter durch Feuer oder einstürzende Gebäude besonders gefährdet. Bei einem Brand in der Fabrik Eurotex starben Anfang Dezember 2011 zwei Frauen. Im Dezember 2010 brach ein Feuer in der Hameem-Fabrik aus, bei dem 29 Arbeiter ums ­Leben kamen. Im gleichen Monat kamen in der That‘s It Sportswear Ltd weitere 28 Personen in den Flammen um. In der Garib & Garib Fabrik waren im Februar 2010 bei einem Brand 21 Opfer zu beklagen. Die meisten Toten und Verletzte gab es im April 2005 beim Einsturz der SPECTRUMFabrik, die 64 Näherinnen unter sich begrub und dabei weitere 80 zum Teil schwer verletzte.

Die große Zahl an Bränden und die vielen Toten in den Textilfabriken in Bangladesch haben mit der laxen Handhabung der Sicherheitsmaßnahmen zu tun. Elektrokabel hängen oft frei im Raum, Feuerlöscher sind nicht vorhanden, Fluchtwege versperrt und/oder Notausgänge häufig verschlossen.7


Lohnkämpfe und Verfolgung von Gewerkschafter/-innen
Im Sommer 2010 gab es zahlreiche Unruhen. Die Fabrikarbeiter protestierten gegen die Hungerlöhne. Die Regierung erhöhte schließlich den Mindestlohn auf 3.000 Taka (umgerechnet 30 Euro), die Gewerkschaften hatten allerdings 50 Euro als Minimum zum Überleben gefordert. Laut Asia Floor Wage (AFW) ist allerdings ein Grundlohn von 116 Euro nötig, um eine vierköpfige Familie zu ernähren.8


Derzeit verlangen Gewerkschaften subventionierte Nahrungsmittel, wie Reis, Linsen, Weizen, Speiseöl und Zucker für Näherinnen, weil die Löhne inzwischen wieder zu niedrig sind, um die stetig steigenden Preise ausgleichen zu können.9


Arbeiter, die sich für bessere Bedingungen einsetzen, drohen Entlassung, Diskriminierung und Bedrohung. Deshalb ist auch nur ein kleiner Teil der Näherinnen gewerkschaftlich organisiert. Die Angst, die Arbeit zu verlieren, ist zu groß. Zudem bleibt nach Feierabend kaum Zeit für gewerkschaftliches Engagement, wenn man bis in die Nächte hinein schuftet. Dennoch sind die Gewerkschaften sehr aktiv, organisieren Sit-ins und Streiks. Sie sind allerdings auch in viele Gruppen zersplittert, was ihre Schlagkraft schwächt.


Gewerkschafter riskieren auch ihr Leben. Im Juni 2009 wurden bei Zusammenstößen zwischen der Polizei und streikenden Textilarbeiterinnen zwei Menschen getötet, als die Sicherheitskräfte mit Tränengas und Gummigeschossen gegen Demonstranten vorgingen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen hatten gegen Lohnkürzungen protestiert.


Die bekannte Arbeitsrechtsaktivistin Kalpona Akter vom Bangladesh Centre for Worker Solidarity wurde 2010 zusammen mit elf anderen Aktivisten und Aktivistinnen verhaftet. Während ihrer 30-tägigen Haft wurde sie geschlagen. Nachdem sie auf Kaution frei gelassen wurde, muss sie seitdem regelmäßig zu Gerichtsverhandlungen erscheinen. Sie und die anderen erwartet ein Prozess wegen des Vorwurfs der Unruhestiftung. Kalpona Akter ließ sich dennoch nicht einschüchtern und setzt sich weiter für höhere Löhne und mehr Rechte ein.

Rechte auf dem Papier
Dabei ist die rechtliche Situation in Bangladesch nicht einmal schlecht: Die Rechtsordnung enthält eine Vielzahl von Schutzmaßnahmen. Das Land hat sieben der acht ILO-Kern­arbeitsnormen (der ­Internationalen Arbeiterorganisation) ratifiziert, ebenso die drei wichtigsten internationalen Menschenrechtsabkommen mit arbeitsrechtlichen Bezügen. Seit dem Erlass des nationalen Arbeitsgesetzes im Jahr 2006 hat sich der Arbeitnehmerschutz leicht verbessert. So deckt das Arbeitsgesetz etwa die Bereiche Belästigung und Diskriminierung, Kinderarbeit, Mitgliedschaft in Gewerkschaften, Urlaubsregelungen und Sicherheit am Arbeitsplatz vollständig ab. Gleichzeitig enthält es noch Schwachstellen im Hinblick auf Mindestalter und Niedriglöhne. Das Problem liegt vor allem in der mangelnden Durchsetzung der Rechtsordnung durch die Behörden. Einen wirksamen Rechtsschutz für die Betroffenen gibt es nicht. Fehlende Kontrollen, schwach ausgebildete Rechtsstaatsstrukturen, unterbesetzte und unterfinanzierte Gerichte, Korruption und Vetternwirtschaft sind weit verbreitet.10

Die Kampagne für Saubere Kleidung
Arbeitsrechtsverletzungen wie in Bangladesch werden immer wieder von der Kampagne für Saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign, kurz: CCC) dokumentiert und öffentlich gemacht. Die Kampagne setzt sich für würdige Arbeitsbedingungen in der Bekleidungs- und Sportschuhindustrie ein. 1990 in den Niederlanden gegründet, ist sie heute in 15 europäischen Ländern aktiv. Sie wird durch ein Netzwerk von mehr als 300 Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen, Solidaritäts- und Kirchengruppen sowie Weltläden und Forschungsinstituten getragen, die mit Partnerorganisationen in Entwicklungs- und Transformationsländern eng zusammenarbeiten.


Die deutsche CCC ist ein Netzwerk von 20 Trägerorganisationen. Sie führt vor allem Kampagnen an die Adresse der Unternehmen und neuerdings auch der Politik durch und ­betreibt Öffentlichkeitsarbeit, um Verbraucher und Verbraucherinnen zu informieren und zu mobilisieren. So ist es der CCC mit ­Straßenkampagnen, Protestbriefen und ­einem Eilaktions-Netzwerk möglich, Arbeitnehmerorganisationen in Entwicklungsländern in Konfliktfällen zu unterstützen, so zum Beispiel bei Streiks, Personalabbau oder Entschädigungsansprüchen.


Unter dem Motto „Rechte für Menschen, Regeln für Unternehmen“ fordert die CCC zum einen Unternehmen dazu auf, ihrer sozialen Verantwortung entlang der gesamten Produktionskette gerecht zu werden. Deshalb sollten sich Unternehmen ­einer Multi-Stakeholder-Initiative ­anschließen, die Sozialstandards extern und unabhängig kontrollieren. Solche Initiativen setzen sich aus drei Interessensgruppen zusammen: Gewerkschaften, Unternehmen und NGOs. Vor allem aber müssen Unternehmen ihre Einkaufspolitik ändern, denn nur wenn sie faire Preise für die Ware zahlen, können auch bessere Löhne an die Beschäftigten gezahlt werden.


Entsprechend dem Wunsch von immer mehr Verbraucherinnen nach ethisch sauberen Produkten, werben Modehäuser und Discounter gerne damit, auf Sozialstandards zu achten. CCC kritisiert, dass sie es entweder bei freiwilligen Selbstverpflichtungen belassen oder beschönigte Über­prüfungen durchgeführt würden. Denn obwohl die Anzahl solcher ­(externen) Überprüfungen in den vergangenen Jahren gestiegen ist, haben sich die Arbeitsbedingungen in den Zulieferfabriken kaum verbessert. Deshalb fordert die CCC auch die Bundesregierung auf, der Schönfärberei der Unternehmen einen Riegel vorzuschieben und die Tätigkeit von Unternehmen stärker zu regulieren, z.B. durch Verpflichtung zu mehr Transparenz in Form von Offenlegung von Informationen über Lieferanten und Produktionsorte. Die Unternehmen müssen dafür sorgen, dass in ihren Zulieferfabriken international gültige Arbeitsstandards eingehalten werden.

Bildungsprojekt Fair-Schnitt
Damit die deutschen Modemacher und -macherinnen sowie die Ingenieure von morgen sich innerhalb der Unternehmen für eine nachhaltige, ökologische und sozial faire Produktionsweise einsetzen, wurde im Juni 2011 das Projekt „Fair-Schnitt – Studieren für eine sozial gerechte Modeindustrie“ vom Frauenrechtsverein FEMNET e.V., Mitglied der deutschen CCC, ins Leben gerufen.


Deutschland ist trotz ausgelagerter Produktion ein wichtiger Modestandort. Hier werden nicht nur die neuen Kollektionen entworfen und wird entschieden, welcher Zulieferbetrieb den Zuschlag für die Produktion bekommt. An rund 100 Einrichtungen wird bundesweit auch der Nachwuchs in Fächern wie Design oder Schnitt- und Bekleidungstechnik ausgebildet.


Durch Information über ­globale Produktionsketten in der Bekleidungsindustrie und die Arbeits­bedingun­-gen sowie Sozial- und Umweltstandards in den Ländern des Südens werden Studierende und Lehrende in ­mode­be­zogenen ­Studiengängen für das Thema ­„globale Verantwortung“ sensibilisiert. Langfristig soll das Thema soziale Nachhaltigkeit Eingang in die Curricula finden. Das Angebot umfasst Vorträge und Workshops an den Hochschulen, Hochschullehrerfortbildung, Begleitung von Projekten der Studenten und Studentinnen und Beratung von Abschlussarbeiten.


Mehr Infos: www.femnet-ev.de

Zusatzinformationen

Porträt einer Näherin: Suhada6, 25 Jahre

„Im letzten Jahr arbeitete ich als Näherin in einer Fabrik. (…) Mein Lohn ­wurde trotz Versprechungen das ganze Jahr über nicht angehoben. Die Überstunden haben sie nicht bezahlt, wie es ausgemacht war. Sie bestraften uns, indem sie den Lohn von zwei Arbeitstagen einbehielten, wenn wir ­einen Tag gefehlt hatten. Der Fabrikbesitzer erlaubte uns zu gehen, aber der anfallende Lohn wurde nicht ausgezahlt. Die Arbeiter/-innen bekamen nie einen Bonus.
Für gewöhnlich bevorzugen sie junge und hübsche Mädchen und zahlen ­ihnen mehr als uns. Sie sind kaum bereit, ältere Frauen einzustellen. Ich hörte, dass ein Vorarbeiter ein Mädchen während der Nachtschicht ­belästigt hat. Deshalb haben Frauen Angst, in der Nachtschicht zu ar­beiten.
Meistens arbeite ich von 7 bis 19 Uhr, aber teils auch bis 22 Uhr. Wir arbeiten auch in der Nacht. Ich arbeitete kürzlich sechs Nächte hintereinander mit einer kleinen Ruhepause von 3.30 bis 8 Uhr. Mein Magen und meine ­Augen schmerzten vor Anstrengung. Ich war todmüde. Wir wurden schwer ­bestraft für jeden Fehler. Einmal war ich abwesend für einen Tag wegen ­meiner ­Magenschmerzen, am nächsten Tag wurde ich ausgerufen und musste eine Stunde Strafe stehen – vor allen anderen Arbeiter/-innen. An einem ­anderen Tag, als es mir wieder so schlecht ging, war ich vielleicht ein bisschen länger auf der Toilette. Sofort wurde ich bestraft, sie zogen mir den Lohn für einen ganzen Tag ab. Der Vorarbeiter hat des Öfteren versucht, mich zu schlagen. Regelmäßig werde ich vom Aufseher heruntergemacht.
Vor zwei Monaten hatte ich zwei Tage ohne Nahrung gearbeitet. Natürlich war ich müde, hungrig und schwach, ich konnte mich nicht konzentrieren und prompt unterlief mir ein Fehler. Der Vorarbeiter spielte sich fürchterlich auf wegen des Fehlers und entließ mich auf der Stelle. Ich flehte ihn an und weinte sogar, mich nicht zu entlassen, aber es half nichts. Ich habe dort ein Jahr lang gearbeitet. Sie gaben mir meinen Lohn ohne jeden Bonus, wie er mir zugestanden hätte. So bin ich jetzt seit zwei Monaten ohne Stelle.“

Brände und Fabrikeinstürze in Bangladesch
Datum Fabrikname
Einkäufer Tote Verletzte
Dez. 2011 Eurotex (Continental) Zara, Gap, Tommy Hilfiger 2 -
Dez. 2010 Hameem Fabrik Target, Gap, JC Penney 29 -
Dez. 2010 That‘s It Sportswear Ltd Gap, Wrangler, BF Fashion 28 -
Feb. 2010 Garib&Garib H&M, Teddy, El Corte Inglés, Provera,
Ulla Popken
21 50
Aug. 2009 Garib&Garib s.o. 1 -
April 2005 SPECTRUM Arcandor, New Yorker, Steilmann,
Kirsten Mode, Bluhmod, Zara
64 80


Presseerklärung

Am 27. Januar 2012 gab die Gewerkschaft der Arbeiter/-innen in der Bekleidungsindustrie von Bangladesch ihre vier Hauptforderungen bekannt:

„Heute, am 27. Januar 2012, forderten die Textilarbeiter/-innen die Regierung auf, die vorgeschlagenen Ergänzungen zum Arbeitsrecht in der laufenden Parlamentsperiode als Gesetzesvorlage einzubringen. Ansonsten, so kündigten sie an, werde man zu härteren Kampfmaßnahmen übergehen.

Die Arbeiter/-innen machten diese Ankündigung vor dem Nationalen Presse Club im Zuge eines Hunger-Warnstreiks, der von der National Garment Workers Federation (NGWF) organisiert worden war. Einige hundert Arbeiter/-innen für Konfektionskleidung waren daran beteiligt. (…).
Unter der Leitung von NGWF Präsident Amirul Haque Amin erhoben die Gewerkschaftsführer in der Veranstaltung vier konkrete Forderungen:

  1. Die Änderungen zum Arbeitsrecht von 2006 müssen in der aktuellen Parlamentsperiode als Gesetzesentwurf vorgelegt werden.
  2. Der Entwurf soll dem Parlament in derjenigen Form zur Diskussion vorgelegt werden, die anhand der Vorstellungen der Repräsentanten der Arbeiter erstellt wurde. Es sollten keine Änderungen an diesem Originalentwurf vorgenommen werden.
  3. Die Regierung hat die Initiative ergriffen, eine Labour Welfare Foundation zu gründen. Das ist gut. Aber die Hauptforderung der Arbeiter ist die Änderung des Arbeitsrechts von 2006. Hier sollte es keine Verzögerungstaktiken geben.
  4. Das Vorhaben, neue Verordnungen herauszugeben, welche Industriegebiete zu wirtschaft­lichen Sonderzonen erklären, muss beendet werden. Das Beispiel der Export Processing Zones (EPZ) hat gezeigt, dass dabei Arbeiterrechte Schaden nehmen.

Während der Veranstaltung sprachen:

Die Gewerkschaftsführer Abdul Kader Hawlader und Mohammad Faruk Khan, Rechtsanwalt Selim Newaz Chowdhury, der Leiter des Bangladesh Garment Workers Unity Council Salauddin Swapan, der Vorsitzende der Jatiya Garment Sramik Karmachary Federation (M) Delwar Hossain, der Vorsitzende der Textile Garment Workers Federation Rechtsanwalt Mahbubur Rahman Ismail, der Leiter des Bangladesh Garment Workers Action Committee Baharane Sultan Bahar, der Vorsitzende der Sammilito Garment Federation Rafiqul Islam Pathik und die NGWF Gewerkschaftsführerinnen Safia Parvin, Arifa Akter und Jesmin Akter“.

Endnoten
1 Ranglisten für den Außenhandel Deutschlands nach Warenkategorien, www.een-bayern.de (Zugriff am 04.12.2011).
2 Statistisches Bundesamt 2008.
3 Daily Star vom 3. Oktober 2011. Laut ­McKin­sey haben sich in den letzten 15 Jahren die ­Bekleidungsexporte Bangla­deschs nach Europa und in die USA mehr als ­verdoppelt. Damit ist das Land drittgrößter ­Exporteur in die EU und viertgrößter in die USA. Vgl. McKinsey CPO Survey, Sept.-Nov. 2011.
4 Kampagne für Saubere Kleidung (Hg): Wer bezahlt unsere Kleidung bei Lidl und KiK?, 2008; Clean Clothes Campaign: Cashing in, 2008; G. Burckhardt (Hg): Die Schönfärberei der Discounter, Klage gegen Lidls irreführende Werbung, 2010.
5 www.ci-romero.de/metro
6 Name geändert. Quelle: Kampagne für Saubere Kleidung (Hg): Wer bezahlt unsere Kleidung bei Lidl und KiK?, 2008.
7 Vgl. zahlreiche Studien der CCC.
8 www.asiafloorwage.org/asiafloorwage-media.htm (Zugriff am 05.12.2011).
9 Angaben laut National Garments Workers ­Federation (NGWF). Vgl. www.laborrights.org
10 Ausführungen hierzu in Burckhardt, ­Gisela (Hg): Mythos CSR-Unternehmensverantwortung und Regulierungslücken, 2011.

Zu den Autorinnen
Dr. Gisela Burckhardt ist langjähriges Mitglied der deutschen CCC, leitet dort die ­Arbeit der Discounter AG und ist Vorstandssprecherin von FEMNET e.V. Sie arbeitet als entwicklungspolitische Gutachterin.

Steffi Holz, Journalistin und Ethnologin, arbeitet u. a. zum Thema Bekleidungsindustrie und ist Projektreferentin von Fair-Schnitt.

Südasien 1/2012