Emanuel Marin Gerth
Internationale Migration als Wirtschaftsmotor
Rücküberweisungen von Arbeitsmigranten sind für die Familien zu Hause eine wichtige finanzielle Unterstützung

Auch in Nepal gehen viele Menschen ins Ausland, um mehr Geld zu verdienen und damit ihre Familien zu unterstützen. Nach offiziellen Angaben erhielten im Jahr 2001 in Nepal 32 Prozent aller Haushalte Rücküberweisungen aus dem Ausland – Geld, auf das die Familien angewiesen sind. Doch die Migranten im Ausland schuften oft unter sehr schlechten Bedingungen und noch ist unklar, welche Auswirkungen die lange Abwesenheit von Familienmitgliedern auf die Familien hat.

Nepalesische Migrantenkinder (c) Emanuel Marin Gerth

Nepalesische Migrantenkinder: Bildung ist häufig der einzige Weg aus der Armut, da sie die Chance auf Einkommen erhöht © Emanuel Marin Gerth

In Zeiten, in denen Europa und Nordamerika hauptsächlich damit beschäftigt sind, sich selbst zu retten, helfen sich die Menschen in den Ländern des Südens selbst. Und dies mit einer effizienten Entwicklungshilfe, die es durch internationale Hilfsorganisationen nie geben könnte. Das Geld geht auf direktem Weg an die Menschen. Keine Verwaltung, keine Antragsstellung und keine teuren Experten. Wie das?


Die Weltbank schätzt, dass die Summe der Rücküberweisungen von Migranten und Migrantinnen, die überwiegend innerhalb der Länder des Südens migrieren, in ihre Heimatländer die offiziell geleistete Entwicklungshilfe um annähernd das Dreifache übersteigt.1 Nach offiziellen Angaben wurden im Jahr 2010 weltweit 440 Mrd. US$ von Migrantinnen und Migranten in ihre Heimatländer überwiesen.2 Allein 325 Mrd. US$ davon gingen in die Länder des Südens.3 Im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt zählen Tadschikistan, Moldau, Tonga, Nepal und Lesotho zu den Top-Empfängerländern.4 Besonders für die privaten Haushalte in Entwicklungsländern spielen die Rücküberweisungen eine extrem wichtige Rolle, da sie direkte Empfänger sind und die Ausgaben an ihre Bedürfnisse anpassen können. Nicht zu übersehen bleibt jedoch, dass ein Betrag von circa 15 Prozent des Finanztransfers von den Banken einbehalten wird und somit nicht beim Empfänger landet.5


Internationale Migranten auf dem Vormarsch
Migration ist ein kontrovers diskutiertes und komplexes Phänomen mit signifikanten Auswirkungen auf fast alle Bereiche des Lebens, der Politik und der Gesellschaft sowohl in den Entsende- als auch in den Aufnahmestaaten. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) definiert Migration als „a process of moving, either across an international border, or within a state. It is a population movement, encompassing any kind of movement of people, whatever it’s length, composition, and causes; it includes migration of refugees, displaced persons, uprooted people, and economic migrants.“ 6


Die Ursachen und Auswirkungen internationaler Migration sind sehr unterschiedlich. Auslöser sind Einkommensunterschiede zwischen Ländern, demographischer Wandel oder bewaffnete Konflikte. Die internationale Migration hat seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges massiv zugenommen und wird es Prognosen zufolge auch in Zukunft weiter tun.7 Die im Ausland aufgenommenen ­Arbeiten sind sehr unterschiedlich, beschränken sich jedoch zumeist auf unqualifizierte Arbeiten, häufig sogar lediglich im informellen Sektor. Von einem entwicklungspolitischen Standpunkt aus gesehen ist dieser Trend nicht nur für jene Länder, die Migranten und Migrantinnen aufnehmen von Bedeutung, sondern auch für die in den Heimatländern verblie­benen Familienmitglieder. Das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben der Menschen in den Entwicklungsländern ändert sich zunehmend durch die Abwanderung von Familienangehörigen und durch deren Rücküberweisungen.8


Die wirtschaftliche Situation von privaten Haushalten kann sich zwar verbessern, wenn ein Familienmitglied Geld nach Hause sendet, jedoch führt die fehlende Arbeitskraft zu einer höheren Arbeitsbelastung für alle anderen Haushaltsmitglieder. Darüber hinaus ist ungeklärt, wie sich die Veränderung im Familiengefüge auswirkt, wenn zum Beispiel ein Elternteil für längere Zeit die Familie verlässt, um im Ausland zu arbeiten.


Nepal – Ein kleines Land in großen Schwierigkeiten
Im Human Development ­Index (HDI) von 2010 belegt Nepal den 138. von insgesamt 182 Plätzen und zählt somit zu einem Land mit ­niedriger Entwicklungsstufe. Nach Angaben der Vereinten Nationen gehört das Land zu den 48 am wenigsten ­entwickelten Ländern weltweit (Kategorie: Least Developed Countries – LDC).9 Die entwicklungsbezogenen Schwierigkeiten des Landes lassen sich auf geographische, geschichtliche, politische und wirtschaftliche Faktoren zurückführen. Nepal ist ein relativ kleines und isoliertes Land umgeben von den zwei wirtschaftlich starken Staaten Indien und China.


Die topographische Lage ist ein wichtiger Gesichtspunkt, denn Nepal ist ein Binnenland mit schlechter ­Infrastruktur, wodurch zahlreiche abgelegene Bergregionen nur schwer erreichbar sind und die Mobilität der Bevölkerung äußerst eingeschränkt ist. Die entwicklungsbezogenen ­Probleme verschärfen sich durch die ethnische Diskriminierung, das hohe Bevölkerungswachstum, das zu Landmangel führt und durch die politische sowie wirtschaftliche Abhängigkeit von den Nachbarn China und Indien. Da die Strategien des nepalesischen ­Staates zur wirtschaft­lichen Entwicklung nicht pro-poor sind, also nicht breitenwirksam, wachsen die ­Unterschiede zwischen Arm und Reich stetig an. Die Armutsrate in den städtischen Gebieten des Landes ist zwar um das Dreifache gesunken, was aber nicht für die ländlichen Gebiete gilt.10 Armut in Nepal ist ein überwiegend ländliches Problem: fast 95 Prozent der Armen in Nepal leben in ländlichen Gebieten.11 Darüber hinaus sind es speziell Frauen und Mädchen, die besonders was Bildung angeht, benachteiligt werden.


Nepal – Der Spezialist in Sachen Migration
Nach offiziellen Angaben erhielten im Jahr 2001 in Nepal 32 Prozent ­aller Haushalte Rücküberweisungen aus dem Ausland.12 Dieser Prozentsatz dürfte mittlerweile um einiges höher sein. Die Weltbank schätzt, dass die Rücküberweisungen zu einem Anteil von einem Drittel bis zur Hälfte für die Armutsreduzierung zwischen 1996 und 2005 in Nepal verantwortlich sind.13 Vor allem für ländliche Regionen sind die Geldüberweisungen von immenser Bedeutung, denn das wirtschaftliche Überleben der Familie hängt sehr häufig davon ab. Nach offiziellen Angaben empfingen Haushalte in Nepal im Jahr 2010 insgesamt rund 3,5 Mrd. US$ von im Ausland lebenden Familienmitgliedern.14 Ausländische Direktinvestitionen und ­offiziell geleistete ­Entwicklungshilfe (siehe Grafik) stellen sich im Vergleich als geringfügig dar.


In einer vom Autor durchgeführten Studie in einem abgelegenen nepalesischen Bergdorf im Himalaya-Gebirge wurde deutlich, dass mehr als 70 Prozent der befragten Haushalte vor Ort Geldüberweisungen von Familienmitgliedern aus dem Ausland empfingen. Die Rücküberweisungen betragen teils bis zu 80 Prozent des gesamten Bar­einkommens der Haushalte. Die Höhe der Rücküberweisungen ist abhängig davon, in welches Land die Menschen migrierten. Der überwiegende Teil migriert laut Studie nach Indien und arbeitet dort als Hilfskraft im Servicesektor. Dies deckt sich mit nationalen Statistiken. Dabei sind die nach Indien auswandernden Migranten und Migrantinnen diejenigen, die die geringsten Rücküberweisungen mit durchschnittlich umgerechnet 450 Euro im Jahr aufbringen. Der zweitgrößte Teil der Abwandernden geht in die arabischen Länder nach Dubai, die Emirate oder Katar und überweist im Schnitt etwas mehr als 1000 Euro jährlich. Die höchsten ­Beträge stammen von Migranten in Japan: Trotz einer sehr restriktiven Einwanderungspolitik schaffen es einige Nepali nach Japan zu migrieren und senden von dort durchschnittlich mehr als 2000 Euro im Jahr. Für die Dörfer in Nepal, wo das Durchschnittseinkommen laut nationaler Daten umgerechnet 900 Euro im Jahr 15 beträgt, sind diese Geldüberweisungen immense Beträge, die sich unweigerlich auf die Wirtschaft und damit auch auf die Kaufkraftparität der gesamten Dorfgemeinschaft auswirken.


Migration bewirkt Migration
Doch was passiert mit diesem Geld? Im untersuchten Bergdorf im Gulmi-Distrikt hat sich herausgestellt, dass ein Großteil des Geldes in die Bildung der Kinder investiert wird! Dieser Posten ist gefolgt von direktem Konsum und Landkauf. Doch Bildung ist mit Abstand die wichtigste Investition für die privaten Haushalte. Auch wenn die Analphabeten-Rate der schulpflichtigen Kinder in den im Forschungsgebiet befragten Haushalten bei nahezu null lag, wurde die staatliche Dorfschule von den Einwohnern als drittklassig wahrgenommen. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf eine Privatschule in der nächstgelegenen Stadt. Dies ist natürlich mit immensen Kosten verbunden. Auch ein Studium würden die meisten Eltern begrüßen. Doch einen direkten Nutzen hätten die Akademiker für das Dorf nicht, sie könnten lediglich in Städte oder andere Länder migrieren, in denen sie ihre Ausbildung nutzen und weitaus besser verdienen.


Die Menschen in Nepal wissen sehr gut, dass man mit einer guten Ausbildung erheblich bessere Chancen auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz hat, speziell in Ländern Europas und Nordamerikas, in denen man als Einwanderer ein vielfach höheres Einkommen erreichen kann. Ein Dachverband der Vermittlungsagenturen berichtete kürzlich, dass sie erstmals auch hochqualifizierte Fachkräfte aus Nepal auf dem internationalen Arbeitsmarkt anbieten können und dass dies künftig vermehrt der Fall sein wird. Die vom Autor erstellte Felduntersuchung kommt zu den gleichen Prognosen.


Wo es sich für Coca Cola nicht mehr lohnt Werbung zu machen, fängt Western Union erst an
Doch nicht nur in ländlichen Gebieten kurbeln Rücküberweisungen die Wirtschaft an. In den nepalesischen Städten ist eine ganze „Migrationsindustrie“ entstanden. Neben zahl­losen Banken, die den Geldtransfer aus dem Ausland oder aus den Städten in die ländlichen Gebiete anbieten, gibt es immer mehr Man Power Agencies – eine Art Vermittlungsagentur für Migranten und Migrantinnen.


Potentielle Migranten können dort vom Visum bis hin zur Vermittlung von Arbeitsstellen im Ausland alles erhalten. Dies ist natürlich mit hohen Kosten verbunden. Die vom Autor durchgeführte Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Abwanderung die befragten Haushalte im Studiendorf zunächst in eine Situation der Verschuldung bringt. Hierbei sind, je nach Zielland, hohe Preisunterschiede und je nach Wahl der Agentur hohe Qualitätsunterschiede auszumachen. Ist eine Migration nach Indien im Vergleich sehr kostengünstig, stellt sich eine Abwanderung in die arabischen Länder als wesentlich teurer heraus. Die befragten Haushalte investierten hierfür im Schnitt 1000 Euro. Am kostspieligsten ist ein aus Visum, Sprachkurs, Arbeitsplatz, Tickets und Unterkunft bestehendes „Ausreisepaket“ nach Japan. Der Preis liegt hier im Schnitt bei fast 8000 Euro. Diese preislichen Unterschiede erklären auch zu einem Teil die hohen Migrationszahlen nach Indien und die eher geringen nach Japan, obwohl von dort wesentlich höhere Rücküberweisungen zu erwarten sind.


Neben der anfänglichen Verschuldung der Familien ist das Problem unmenschlicher Lebens- und Arbeitsbedingungen der Migranten von großer Bedeutung. So klagen viele über unzumutbare Wohnstätten und Beschäftigungskonditionen in der neuen Heimat. Als Antwort darauf haben sich die Vermittlungsagenturen zu Dachverbänden zusammengeschlossen, die für Qualitätsstandards sorgen sollen. Darüber hinaus wurde eine eigens für die Bedürfnisse von Migranten zuständige Behörde (Department of Foreign Employment) vom nepalesischen Staat eingerichtet. Ob deren Bemühungen wirkungsvoll sein werden, bleibt zu beobachten.


Migration ist oft der einzige Ausweg
Nichts deutet darauf hin, dass angesichts unterschiedlicher Krisen die internationale Migration rückläufig werden wird. Im Gegenteil: Abwanderung wird auch in Zukunft immer mehr zunehmen. Sowohl lang- als auch kurzfristig gesehen hat dies natürlich massive Auswirkungen auf die Senderländer. Hierbei gibt es sowohl positive als auch negative Wirkungen internationaler Migration.


Die Geschichte hat gezeigt, dass eine restriktive Ein- und Auswander­ungspolitik der Staaten kaum Wirkungen zeigt. Stattdessen sollte es Möglichkeiten geben, die Motivation zu erhöhen, im Heimatland zu bleiben. Doch gerade in den abgelegenen Bergregionen Nepals ist dies oft schwierig. Dort ist Migration häufig der einzige Weg, das Haushaltseinkommen zu sichern und zu diversifizieren. Was dies langfristig für diese Dörfer bedeutet, muss weiter untersucht werden.


Endnoten

1  WORLD BANK 2011, p. x
2  ebd., p. xi
3  ebd.
4  Ebd., p. x
5  IOM 2011b
6  IOM 2004, S. 41
7  Pritchett 2006, S. 13 / Altramirano 2011, S. 17
8  Gartaula 2009, S. 1
9  UN 2011,Klassifizierungsliste unter: http://unstats.un.org/unsd/methods/m49/m49regin.htm, aufgerufen am 01.11.2011
10 CBS 2005, S. 40
11 WORLD BANK 2006a, S. 20
12 CBS 2004b, S. 77
13 WORLD BANK 2006a, S. ii
14 WORLD BANK Data Base (http://datacatalog.worldbank.org, aufgerufen am 12.12.2013)
15 CBS 2004b, S. 37

Zum Autor
Emanuel Marin Gerth hat 2011 sein Masterstudium in einem Programm der Ruhr-Universität Bochum in Kapstadt abgeschlossen und seine Masterarbeit zu Auswirkungen von internationaler Migration auf abgelegene Bergregionen in Nepal erstellt. Die Arbeit kann vom Autor angefordert werden: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.

Südasien 1/2012