Claudia Koenig
Editorial Südasien 2/2012

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass weltweit eine Milliarde Menschen mit einer Behinderung leben. Die große Mehrheit davon lebt in Südasien, und zwar unterhalb der Armutsgrenze. Dort herrscht ein enger Zusammenhang zwischen Armut und Behinderung: Wer keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat oder unter Mangelernährung leidet, ist eher dem Risiko einer Behinderung ausgesetzt. Wo es keine barrierefreien Schulen, keine Lehrer für Braille oder Gebärdensprache gibt, können viele Menschen mit Behinderung keine Ausbildung machen. Wer keine Bildung und damit weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, ist von Armut bedroht.


Lange Zeit schenkte die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) den Menschen mit Behinderungen in den Ländern des Südens wenig Aufmerksamkeit. Das hat sich mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen geändert. 2009 wurde sie auch von Deutschland ratifiziert und ist seither geltendes Recht.


Wichtig ist der Perspektivenwechsel: Nicht mehr nur die Beeinträchtigung des Einzelnen, sondern vor allem soziale Diskriminierung und vielfache Barrieren hindern die Betroffenen am gleichberechtigten Dabeisein und Mitentscheiden. Disabled People’s Organisations (DPO) fordern weltweit, dass zivilgesellschaftliche Hilfswerke und staatliche Akteure sie als Experten in eigener Sache ernst nehmen.


Die Weichen zu einem inklusiven, menschenrechtlich orientierten Entwicklungsansatz sind gestellt: Menschen mit Behinderungen haben erstmals einen Rechtsanspruch auf Teilhabe an Entwicklungsvorhaben. In drei unterschiedlichen Artikeln geht diese Ausgabe von SÜDASIEN darauf ein:

  • Die Herausforderungen für die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in der Umsetzung in Indien und die besonderen Chancen, die in Versicherungssystemen liegen, schildert der Beitrag der GIZ-Mitarbeiterinnen Sandra Kissling und Ingar Dühring.
  • Die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen in Pakistan, ihre besondere Ausgrenzung in Nothilfesituationen und die Selbstvertretungsorganisation Milestone stehen im Mittelpunkt eines Beitrags von Benedikt Nerger, der bei bezev in Essen arbeitet. Auf deren Website finden junge Leser übrigens auch wissenswertes über das Projekt "weltwärts alle inklusive!" sowie über die ausleihbare Wanderausstellung „Entwicklung ist für alle da“.
  • Viele neue Polio-Erkrankungen in Pakistan schreckten im April 2012 Südasien auf; Altaf U. Khan geht darauf ein, warum die UNICEF-geförderte Impfkampagne bei der Bevölkerung auf Widerstand stößt.


Welche Wirkungen hatte die Umsetzung der Kinderrechtskonvention, der Indien 1992 zugestimmt hat, auf das Leben – oftmals das Arbeitsleben – indischer Kinder? Terre des hommes Deutschland (tdh) gab eine Studie in Auftrag, die Anfang 2012 die Veränderungen in Gesetzgebung und Wirklichkeit untersuchte. Bharti Ali, eine der Leiterinnen der tdh-Partnerorganisation Centre for Child Rights in New Delhi, zieht nach 20 Jahren Bilanz.


Am 27. Mai 2012 wurde die Verfassungsgebende Versammlung in Nepal aufgelöst, mit der sich viele Erwartungen im Hinblick auf eine stabilere politische Entwicklung verbunden hatten. Streiks, politische Demonstrationen und bewaffnete Sicherheitskräfte auf den Straßen bestimmten das Bild. Mit dieser Verfassungskrise steht auch der erhoffte baldige Abschluss des Friedensprozesses auf dem Spiel. Thomas Döhne meldet sich mit einer Einschätzung der turbulenten letzten Wochen zu Wort.


Diese und weitere spannende Artikel, unter anderem zur CERI-Kampagne für eine Wahlrechtsreform in Indien, zu den Implikationen des geplanten Abzugs der NATO-Truppen aus Afghanistan, zu den sozialen Dynamiken der Paschtunen im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet, zu Arundhati Roys jüngstem Essay Capitalism – a Ghost Story sowie unsere Rubrik zur Gegenwartsliteratur und vier Rezensionen warten in diesem Heft auf Sie.

Südasien 2/2012