Krishna Baldev Vaid
Aus dem Tagebuch eines Dienstmädchens
Originaltitel: Ek naukrani ki diary (2000)

Romanauszug. Der Roman von Krishna Baldev Vaid, Tagebuch eines Dienstmädchens, erscheint in vollständiger Übersetzung von Anna Petersdorf Anfang Juli 2012 im Draupadi-Verlag, Heidelberg.

Die Fette meckert ohne Pause. Ich hätte Lust, sie mal richtig anzuschreien. In Gedanken tue ich das auch. Irgendwann schleuder ich ihr noch den Staublappen ins Gesicht! Ma versucht mich zu beruhigen: Wenn sie so gerne an dir rummäkelt, dann lass sie doch! Bleib ruhig und mach deine Arbeit. Sobald du ein anderes Haus findest, hörst du bei ihr auf. Ma sagt, alle Memsahibs meckern für ihr Leben gern. Manche mehr, manche weniger. Manche im Stillen, manche laut. Sie hat Recht. Die Memsahibs sind alle gleich. Misstrauischer und knausriger, als man es sich vorstellen kann! Und die Sahibs sind Lustmolche. Aber die Fette quatscht schon extrem viel. Wenn sie mal krank ist, bin ich richtig froh. Obwohl sie selbst im Bett noch nervt! Ihr Mann tut mir leid. Der Arme ist ein richtiger Jammerlappen. Ein dünnes Hemd. Mir ist aufgefallen, dass dicke Frauen oft dünne Männer haben. Und dünne Frauen dicke Männer. Keine Ahnung, warum. Ma sagt, das ist das Spiel der Natur. Mir kommt es eher wie ein schlechter Scherz vor. Dünne Männer sind oft Schwächlinge, dicke Männer herrisch. Dicke Frauen auch.


Die Fette ist neidisch auf mich, weil sie weiß, dass ich schöner bin als sie. Ihr Mann weiß das sicher auch. Das arme Würstchen. Alle Memsahibs sind auf ihre jungen Dienstmädchen eifersüchtig. Sie sehen in uns Konkurrentinnen und haben Angst, wir könnten ihnen die Männer ausspannen. Ma meint, manche Dienstmädchen tun das auch. Sie sagt auch, ich muss mich vor den Sahibs in Acht nehmen. Und vor ihren Söhnen. Ich habe keine Ahnung, was Ma in ihrem Leben alles gesehen und durchgemacht hat. Nach dem, was sie so andeutet, muss es einiges sein. Vielleicht sogar alles. Mal sehen, was ich noch alles durchmachen muss. Einmal, als ich gerade das Badezimmer der Fetten putzte, ging plötzlich die Tür auf und ihr Mann kam rein. Der Arme hat wohl nicht gewusst, dass ich dort war, denn als er mich sah, prallte er zurück und stürzte raus. Ich habe die Tür wieder zugedrückt, weil die Fette sich immer aufregt, wenn beim Putzen Wasser aus dem Badezimmer spritzt. Vor der Tür legte sie gleich los: Sag mal, hast du überhaupt keinen Anstand! Was hast du da im Badezimmer zu glotzen? Dieses Luder kennt wirklich keine Scham und du erst recht nicht! Aber damit ist jetzt genug. Ich schmeiß die kleine Hure raus!



Bei der bengalischen Familie gab es heute ein Riesendrama. Eigentlich ist die bengalische Familie gar nicht mehr richtig bengalisch. Sie leben seit Ewigkeiten hier und sind inzwischen halbe Hindustanis. Sogar ihre Sprache ist ein komisches Mischmasch aus Bengali und Hindi. Bei dem Streit heute ging es um Jharna, die älteste Tochter. Anscheinend hat sie was mit einem Muslim-Jungen angefangen. Und jetzt hat Lakshmi, ihre Mutter, Wind davon bekommen. Keine Ahnung, wie. Auf jeden Fall ist sie richtig ausgeflippt. Die anderen flehten sie an, vor Shanti (das bin ich) nicht so ein Drama zu machen, aber sie war außer sich. Jharna war gar nicht zu Hause, sie hat woanders übernachtet. Wahrscheinlich war sie mit dem Muslim-Jungen unterwegs. Die Bengalin schrie immer wieder einen Satz auf Bengali, den ich nicht richtig verstanden habe. Garantiert ging es darum, dass Jharna die Familienehre in den Schmutz gezogen hat. Oder so was in der Art. Jharnas kleine Schwester Devi versuchte, ihre Mutter zu besänftigen: Schick doch wenigstens Shanti nach Hause, wenn du dich so aufregst, Mama. Aber Mama war nicht zu beruhigen. Devi und Jharna können kaum Bengali. Sie sprechen meistens Hindi, deswegen verstehe ich sie besser. Die Bengalin hörte nicht auf zu toben, und dann kam Jharna nach Hause. Als die Bengalin ihre Tochter sah, fing sie plötzlich an, sich mit der flachen Hand vor die Stirn zu schlagen. Ich war ganz erschrocken. Eigentlich hatte ich die Bengalen immer für friedliche und anständige Leute gehalten. Sie schreien mich nie an. Aber jetzt weiß ich, dass in jedem von ihnen eine Bombe tickt. Die Bengalin schlug sich so vor die Stirn, wie Ma es manchmal tut. Na ja. Ich schaute zu und amüsierte mich, bis die Bengalin plötzlich begriff, dass ich da war. Sie muss mich schon vorher gesehen, aber nicht richtig wahrgenommen haben. Devi und der Sahib hatten sie zwar immer wieder gebeten, vor mir nicht so eine Szene zu machen, aber sie hatte gar nicht zugehört. Als sie mich nun plötzlich bemerkte, kam sie endlich zu sich und hörte mit dem Geschrei auf. Was stehst du da so blöd und glotzt? schrie sie, warum hast du deine Arbeit nicht schon längst fertig und bist gegangen? Langsam entpuppt sie sich als Seelenverwandte der Fetten, dachte ich mir, habe meine Wut aber lieber runtergeschluckt und mich aus dem Staub gemacht. Nach diesem Theater hatte ich keine Lust mehr, zum Zeitungssahib zu gehen. Was soll’s? Morgen denke ich mir irgendeine Entschuldigung aus. Der Zeitungssahib ist total naiv. Er glaubt alles. Mir ist aufgefallen, dass ältere Leute oft so gutgläubig sind. Manchmal auch dumm. Aber nicht alle. Einige sind auch aufdringlich. So wie unser Dorfarzt, der Hakim. Der Zeitungssahib ist sehr gebildet, aber er hat trotzdem keine Ahnung. Jede Ausrede nimmt er mir ab, glaubt alles, was ich ihm erzähle. Ma sagt, seine Frau hat ihn verlassen. Sie sagt auch, er kann nicht dumm sein, weil Zeitungsleute nie dumm sind. Sie sollten es vielleicht nicht sein, aber er ist es trotzdem. Im Stillen nenne ich ihn Onkel. Ma sagt, die alten Männer von heute sind richtige Flegel. Und Zeitungsleute erst recht. Eigentlich sind sie auch nicht alt, ihre Haare werden vom Denken so weiß.



Ich arbeite gerne beim Zeitungssahib. Trotzdem hab ich immer Angst, er könnte mir eines Tages dumm kommen. Seine Nachbarn malen sich bestimmt sonst was aus. Die anderen Dienstmädchen auch. Ma sagt nur, ich soll vorsichtig sein, weil Zeitungsleute von Natur aus verdorben sind und alleinstehende Männer von einer Sekunde zur anderen auf komische Ideen kommen können. Lass die anderen reden. Ich mach mir ja selbst dauernd komische Gedanken – über den Zeitungssahib, über mich – und dann werde ich rot. Obwohl der Zeitungssahib bestimmt älter ist als mein Bapu. Das habe ich auch Ma gesagt, aber sie meinte bloß: Ob alt oder jung ist ganz egal, Männern kann man nie vertrauen!


Ich mache mir Gedanken darüber, was der Zeitungssahib über mich denkt, und dann kommen mir selbst solche Gedanken über den Zeitungssahib. Also bin ich unschuldig. Was den Zeitungssahib angeht, keine Ahnung, was der im Sinn hat. Wahrscheinlich denkt er gar nicht an so was. Ich höre einfach zu viele Geschichten von Ma und mache mich verrückt.


Zum Tee hab ich mir auch zwei Kekse genommen. Ohne den Sahib zu fragen. Und es fühlte sich nicht so an, als würde ich was klauen, sondern eher, als würde ich mir in seiner Gegenwart ohne groß drüber nachzudenken ein, zwei Kekse nehmen, und er würde sagen: Was, nur zwei? Nimm dir doch noch zwei mehr!
Der Zeitungssahib ernährt sich nur von Keksen und Brot. Reis mit Linsen oder Gemüse mit Chapatis macht er sich fast nie. Deshalb tut er mir ein bisschen leid. Warum hat seine Frau ihn bloß verlassen? Ma sagt, sie wohnt irgendwo hier in der Stadt, mit einem Freund vom Sahib. Sie weiß alles über die Leute. Warum verlassen Frauen ihre Männer? Was für eine Frage! Ich bin ein Idiot.


Wenn Ma unglücklich ist, schlägt sie sich mit der Hand vor die Stirn und ruft: Wenn die leidigen Kinder nicht wären, hätte ich diesen Nichtsnutz von einem Mann schon längst verlassen!


Ich heirate nie und bekomme auch keine Kinder! Ma sagt, Frauen sind Gebärmaschinen. Was geht in ihr vor? Wenn ich so alt bin wie sie jetzt, geht in mir bestimmt das Gleiche vor. Aber ich werde mir nie Luft machen können, weil ich nicht heirate und keine Kinder bekomme, an denen ich meinen Ärger auslassen kann.


Soll ich wirklich mein ganzes Leben ohne Mann verbringen? Die Ärztin hat das gemacht. Heutzutage gibt es viele Frauen, die nicht heiraten. Meistens sind es gebildete, berufstätige Frauen. Ich kann lesen und schreiben, und ich bin berufstätig. Durch die achte Klasse durchgefallen. Wenn ich die Achte geschafft hätte, hätte ich vielleicht Lust auf die Zehnte bekommen, und wenn ich dann die Zehnte geschafft hätte, hätte ich Lust auf die Zwölfte bekommen. Was nach der Zwölften passiert wäre, kann ich mir nicht vorstellen. Aber warum nicht? Ich bin nicht blöd. Mrs. Varma meint: Shano, du solltest eine Ausbildung machen, schlau, wie du bist! Die Ärztin hat dasselbe gesagt. Der Zeitungssahib sagt zwar nichts, aber er denkt bestimmt: Das Mädchen ist nicht dumm!


Nur, dass ich kein Mädchen mehr bin. Ich habe Brüste wie eine richtige Frau. Sie wippen, wenn ich gehe. Ich sollte einen BH tragen. Ich werd mir auf dem Samstagsmarkt einen kaufen. Aber Ma muss mit. Einmal bin ich alleine hin und hab mich gleich mit dem BH-Verkäufer angelegt. Bevor ich abgezogen bin, hab ich ihm noch ordentlich die Meinung gesagt. Vor Staunen ist ihm die Kinnlade runtergefallen. Mit seinen ekligen Witzen und seinem dreckigen Maul! Was denken diese Männer eigentlich, wer sie sind? Ich hab eine richtige Wut auf Männer, auf alle Männer! Ma hat Recht, wenn sie sagt, jeder einzelne von diesen Bastarden ist ein Tier! Ein Schwein. Schweinehunde! Wenn das jemand liest! Was würde er denken?


Auf dem Nachhauseweg von Mrs. Varma hat sich gestern ein Typ an meine Fersen gehängt. Wie ein Hund. Erst hab ich nichts gesagt. Es war schon dunkel, und auf der Straße trieben sich nur noch ein paar Hunde rum. Ich war nervös, aber dann dachte ich mir, der kann mir gar nichts. Also hab ich mich umgedreht und gerufen: Alter, ich kann Karate. Schon beim ersten Wort hat er den Schwanz eingezogen und ist abgezischt. Bestimmt kommt er aus einer reichen Familie. Ein Bediensteter wäre nicht so feige gewesen, sondern hätte zurückgerufen: Spiel dich nicht so auf, oder hat dein Vater etwa die Straße gepachtet?



Wenn ich weiter so ein Heft nach dem anderen vollschreibe, fange ich womöglich noch an, wie Mrs. Varma Geschichten zu schreiben! Das Geschichtenschreiber-Dienstmädchen! Früher hat ein anderer Bediensteter beim Zeitungssahib gearbeitet – ein Mann. Ma sagt, er hat Geschichten geschrieben. Anscheinend hat der Zeitungssahib sogar zwei oder drei davon irgendwo veröffentlicht! Das stieg dem Ärmsten so zu Kopf, dass er den Job beim Zeitungssahib sausen ließ und nach Bombay verschwand, um Drehbücher zu schreiben. Dort sitzt er jetzt garantiert auf der Straße und bettelt und stiehlt. Wenn ich zwei, drei Geschichten schreibe und der Zeitungssahib oder Mrs. Varma sie veröffentlichen, würde mir das auch zu Kopf steigen! Ich würde sofort nach Bombay abhauen, um Drehbücher zu schreiben und mich herumschubsen zu lassen. Dann würde ich wie er den ganzen Tag betteln und stehlen und mich danach zum Schlafen an den Straßenrand legen. Eines Tages laufen wir uns über den Weg. Ich erkenne ihn an seinen Erzählungen, und wir fangen an, über den Zeitungssahib zu reden. Wenn er Mrs. Varma kennt, reden wir auch über sie. Wir reden und reden, und plötzlich fängt er an zu weinen. Oder ich. Oder wir beide. Dann trösten wir uns gegenseitig, trocknen uns die Tränen, verlieben uns ineinander, gehen zusammen betteln und stehlen und schreiben Geschichten. Vielleicht fahren wir nach Delhi zurück und zeigen dem Zeitungssahib und Mrs. Varma unsere Geschichten. Die wären total beeindruckt! Ma auch. Er hätte auch Familie in Delhi. Oder nein, er ist nicht aus Delhi, sondern aus Gonda. Gonda ist berüchtigt für seine Gangster. Ich heirate ihn. Ma sagt: Du hast doch immer gesagt, du willst nicht heiraten und keine Kinder bekommen! Ich werde rot. Dann fahre ich mit meinem Mann nach Gonda. Seine Mutter ist überglücklich. Was für eine schöne Frau du mit nach Hause gebracht hast! ruft sie. Aber wir bleiben nicht in Gonda, sondern gehen zurück nach Delhi oder Bombay. Ich arbeite bei Mrs. Varma und er beim Zeitungssahib. Nebenbei schreiben wir Geschichten. Und was ist mit Kindern? Über Kinder denke ich ein andermal nach. Mrs. Varma sagt: Na, Shano, verstehst du jetzt, warum du alles aufschreiben sollst? Der Zeitungssahib sagt: Hör mal, Shano, wenn du schreiben willst, muss du ordentlich schreiben. Nachts denke ich an Bombay. An unser Bett am Straßenrand.



Heute hab ich mir frei genommen und bin den ganzen Tag zu Hause geblieben. Ma sollte allen sagen, mein Finger tut noch weh. Zur Abwechslung hab ich mal unser eigenes Haus geputzt und unser Geschirr gespült und es poliert bis es glänzte. Dann hab ich noch Bapus und meine Klamotten gewaschen, Bapu in lauwarmem Wasser gebadet und Mungbohnen-Suppe für ihn gekocht. Danach bin ich zum Hakim und habe ihn nach einem anderen Medikament für Bapu gefragt. Der Finger tat zwar noch weh, aber ich hab einfach hin und wieder eine Pause eingelegt. Für den Rest des Tages hab ich mich zu Bapu gesetzt und mit ihm geredet – über Dinge, über die wir noch nie geredet hatten. Ich weiß schon nicht mehr, was ich alles erzählt hab. Sogar die Sache mit Dubai hab ich erwähnt, und dass ich nicht gehen will, hab ich ihm auch gleich gesagt. Plötzlich fragte Bapu, was ich immer schreibe. Ich war erstaunt, weil ich gedacht hatte, er ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um zu merken, was die anderen treiben. Ich habe ihm von Mrs. Varmas Idee erzählt. Bapu meinte, er wusste gar nicht, wie gut ich schreiben kann. Seine Stimme klang stolz. Ich hatte das Gefühl, er freut sich, dass seine Shano so schlau ist.


Das ganze Gespräch über hatte ich Angst, Bapu könnte anfangen, über Ma herzuziehen, aber er schimpfte nur über sich selbst. Ich hatte mit einem Mal solches Mitleid mit ihm, dass ich gar nicht mehr wütend sein konnte. Was bringt es auch, sauer auf einen Mann zu sein, der im Sterben liegt? Ma sollte sich seinetwegen auch nicht mehr so aufregen, aber sie tut es trotzdem. Heute sagte Bapu immer wieder, Gott wird ihm den Kummer, den er uns bereitet hat, nie verzeihen. Deshalb kann ich noch nicht sterben, meinte er, obwohl ich wünschte, ich könnte, damit ihr meinetwegen nicht mehr so viel Ärger habt! Ich tröstete ihn. Du wirst bald wieder gesund! log ich und versuchte, nicht loszuheulen. Ich hörte ihm zu und vergaß dabei immer wieder, dass ich seine Tochter bin, ein Dienstmädchen, das gerade blau macht. Stattdessen stellte ich mir vor, ein Fremder erzählt mir seine Leidensgeschichte. Den Kummer fremder Leute zu teilen, ist leichter.



Als ich gestern Nacht wie immer in mein Heft schrieb, rief Bapu nach mir. Er hatte einen Asthmaanfall. Ich weckte Ma. Bapu hustete die halbe Nacht lang. Irgendwann ging es dann ein bisschen besser.


Ich weiß nicht, ob das, was der Hakim uns gibt, wirklich Medizin ist, oder ob er einfach irgendein Pulver in Papier wickelt. Ma meint, alle Ärzte sind Verbrecher. Zumindest nimmt dieser uns nicht aus, sagt sie. Und wenn doch, dann wenigstens nicht zu sehr. Das geht bei uns ohnehin schlecht. Seine Kunden sind einfache Leute wie wir. Was gibt‘s bei uns schon zu holen? Er ist selbst einer von uns. Ein richtiger Hakim ist er jedenfalls nicht, sondern eigentlich Krämer und inzwischen selbst das nicht mehr. Seine Hände sind zu zittrig. Wie die Waren abwiegen, wenn man es nicht mal schafft, die Waage gerade zu halten? Er hat dann seinen Krämerladen dicht gemacht und als Hakim angefangen. Vor ihm liegen immer drei, vier Puderpäckchen ausgebreitet, daraus sucht er für jeden was raus. Bapu meint, wir schmeißen unser Geld zum Fenster raus. Holt mir das nächste Mal, wenn ich einen Anfall bekomme, lieber ein Glas Wasser und betet zu Ram, sagt er, dieses Leiden ist Teil meines Schicksals. Da muss ich durch. Für schlechtes Karma bekommt jeder irgendwann seine Strafe. Was kann ein Hakim daran schon ändern? Und dann noch dieser nichtsnutzige Krämer! Sein Pulver ist Asche, weiter nichts! – Asche hat auch seinen Wert, sagt Ma. Irgendwann frag ich den Hakim, was in seinem Pulver ist. Aber er wird’s mir nicht sagen. Kein Hakim weiht einen so mir nichts dir nichts in das Geheimnis seiner Tinkturen ein. In seinem Haus ist es immer dunkel, auch tagsüber. Und was für ein Loch das ist! Sogar unsere Hütte ist schicker als dieser Verschlag! Seine Töchter arbeiten wie wir in Wohnungen, aber in einem anderen Sektor. Warum bekommen sie, wenn er doch Hakim ist, keine ordentliche Ausbildung? Ich denke nur noch an Bildung. Warum hab ich nur die Schule abgebrochen! Ich könnte die Arbeit immer noch sausen lassen und wieder zurück in die Schule gehen. Aber daraus wird nichts. Die Dinge, die vorhergesehen sind, passieren von allein. Welche Dinge? Die vorhergesehen sind. Ma meint, Nachdenken bringt nichts. Trotzdem kann ich nicht aufhören. Klar, wenn ich dümmer wär, wär‘s was anderes. Ma zerbricht sich auch über alles den Kopf. Mal über mich, mal über Paro, mal über Kundan. Am meisten über Kundan.



Während sie auf meine Rückkehr gewartet hat, ist die Fette ganz dünn geworden. Als ich heute zur Arbeit kam, bekundete sie zuerst ihr Beileid wegen Bapus Tod, garantiert nur aus Pflichtgefühl, denn danach legte sie gleich mit dem Gezeter und Gemecker los: Deine Mutter war schon am nächsten Tag wieder bei der Arbeit. Ich habe sie selbst gesehen. Wenn schon nicht am nächsten Tag, hättest du wenigstens am übernächsten kommen können, du weißt doch, wie schlecht es mir im Moment geht! Ich bin überhaupt nicht auf ihre Vorwürfe eingegangen. Was hätte ich auch sagen sollen? Sie erwartet ja gar keine Antwort. Sie leidet an Redekrankheit, das ist es! Wegen den vier Fehltagen musste ich zweimal fegen, zweimal mit dem Mopp über den Boden gehen und zweimal Staub wischen. Das Geschirr hat sie mich auch zweimal spülen lassen. Der Berg, der sich dort aufgetürmt hatte, war so riesig, als hätten sie in der Zwischenzeit nicht ein einziges Mal abgewaschen. Auf dem Geschirr bei der Fetten kleben immer jede Menge Essensreste, und gestern waren die so angetrocknet, dass ich mir vor lauter Schrubben und Kratzen fast die Arme gebrochen hätte. Sie stand die ganze Zeit neben mir und motzte: Wasch das ordentlich ab! Kratz hier zuerst den Schmutz mit der Hand ab! Diese Teller sind sündhaft teuer, dieses Glas kommt aus dem Ausland. In mir stieg eine unglaubliche Wut hoch.


Die Bengalin war gestern nicht zu Hause. Devi wusste sicher von Bapus Tod, aber sie sagte nichts. Es gab auch einen ordentlichen Geschirrberg, aber wenigstens keine Essensreste. So hat es nicht lange gedauert, alles zu spülen. Devi ist nicht aus ihrem Zimmer gekommen. Die Bengalin selbst ist auch nicht sonderlich misstrauisch. Ich hab einfach selbst entschieden, was ich mache. Obwohl Devi nichts gesagt hat, bin ich zweimal mit dem Mopp über den Boden gegangen und hab auch sorgfältig Staub gewischt. Als ich gerade gehen wollte, kam Devi doch noch raus und fragte schüchtern: Was hatte dein Vater denn? Das war nett. Wenn ich Devi gestern nach Jharna gefragt hätte, hätte sie mir vielleicht was erzählt, aber ich hab gar nicht dran gedacht.


Mrs. Varma hat sich auch nicht über meine Fehltage beschwert. Als sie mich auf Bapu ansprach und mir ihr Beileid bekundete, kamen mir die Tränen. Bei Mrs. Varma hatte ich heute auch nicht das Gefühl, bei der Arbeit zu sein. Die Dubai-Lady war unterwegs und hatte Billu mitgenommen. Mrs. Varma meinte, sie möchte lieber nicht wissen, wo die Dubai-Lady Billu in den letzten vier Tagen überall mit hingeschleppt hat. Wenn die Dubai-Lady wüsste, dass ihre Schwiegermutter bei dem Dienstmädchen so über sie lästert, würde sie ausflippen! Wenn der Putztick nicht wäre, würde Mrs. Varma von mir zehn von zehn Punkten bekommen. Sie hat mich heute zwar ordentlich schuften lassen, aber auch viele nette Dinge gesagt. Sie hat sogar gefragt, ob ich die Hefte benutze. Als ich ihr erzählt hab, wie viel ich schreibe, hat sie sich gefreut und gleich zwei neue, große Hefte geholt. Die sind aus Dubai, sagte sie. Ich platzte heraus, dass ich nach dem Heft von ihr schon zwei mehr vollgeschrieben hab. Dass meine Idee so einen Eindruck auf dich machen würde, hätte ich nicht gedacht! rief Mrs. Varma erstaunt. Und dann: Wie gefällt dir das Schreiben? – Ich bin schon süchtig, sagte ich. Da musste sie richtig lachen. Wenn sie lacht, mag ich sie noch lieber. Hast du auch über den Tod deines Vaters geschrieben? fragte sie dann. Ja. Ich hatte Angst, sie könnte fragen, was ich schreibe. Es wäre schwer gewesen, das zu beschreiben. Aber sie fragte nicht, sondern sagte nur: Zeig dein Tagebuch niemandem! – Tagebuch? – Na, das, was du schreibst! Seit heute weiß ich also, dass ich ein Tagebuch schreibe.



Urmila sagt immer, alle Männer sind verdorben. Paro sagt, verdorben und impotent. Sie redet dauernd über Impotenz. Ich weiß gar nicht genau, was das ist. Na ja, so ungefähr weiß ich‘s schon, aber eben nicht genau. Komm schon, natürlich weißt du das! kichert Urmila, du fragst nur, um uns zum Reden zu bringen! – Shano, sei froh, dass du dich damit noch nicht auskennst, stöhnt Paro, besser, du hörst nichts von dieser Krankheit. Sie ist nämlich unheilbar! Paro sagt, die Hälfte aller Männer ist impotent. Du meinst, alle Männer sind zur Hälfte impotent, verbessert Urmila. Wenn ich frage, was das bedeutet, prusten beide los. Ich muss was darüber lesen. Vielleicht gibt es beim Zeitungssahib oder Mrs. Varma ein Buch zu dem Thema. Auf Hindi. Elektrik-Surender ist wahrscheinlich auch impotent. Was juckt mich das? In letzter Zeit kommt er nicht mehr so oft vorbei. Wahrscheinlich hat er eingesehen, dass es nichts bringt. Kann sein, dass er denkt, ich habe mich mit irgendeinem Sahib eingelassen. Jetzt glotzt er mich aus der Ferne an. Warum starren Männer einem so hinterher? Frauen machen das nicht. Frauen wird von Kindheit an eingetrichtert, ihren Blick gesenkt zu halten, erklärt Urmila. Im Moment rede ich viel mit Urmila. Über alles Mögliche. Ich habe ihr auch über diese Träume erzählt, die mich so erregen. Männer haben noch viel öfter solche Träume, sagt sie. Das hat ihr bestimmt ihr Mann erzählt. Wahrscheinlich ist der auch impotent.



Ich würde gerne in einem Haus arbeiten, in dem es einen großen weißen Hund gibt, den ich spazieren führen kann. Es wäre schwer für mich, ihn im Zaum zu halten! Er würde mich hinter sich her zerren, wie die Memsahibs immer von ihren Hunden gezerrt werden. Alle Kinder würden neugierig fragen: Tante, wie heißt Ihr Hund? Welche Rasse ist das? Der beißt doch nicht, oder? Können wir ihn streicheln? Ich würde großzügig nicken. Mit dem Hund würde ich mich wie eine Memsahib fühlen. Ich sollte Mrs. Varma oder den Zeitungssahib überreden, sich zu ihrem Schutz einen großen Hund anzuschaffen. Vielleicht würde einer von ihnen zustimmen. Oder sogar beide! Wenn beide ja sagen, wäre das ein Mordsspaß! Meinetwegen müssten auch gar nicht beide Hunde weiß sein. Das ist nicht so wichtig, Hauptsache groß! Ich hasse kleine Hunde. Wenn Ma von diesen Ideen erfährt, ruft sie: Shano, jetzt bist du wirklich durchgedreht!


Ich habe noch einen ähnlichen Wunsch: Ich würde schrecklich gern in einem Haus arbeiten, wo es ein kleines, vielleicht vierjähriges Kind gibt, Mädchen oder Junge ist egal. Es wäre meine Aufgabe, es zu baden und für die Schule bereit zu machen. Ich würde seinen Ranzen tragen, und bis zur Bushaltestelle wäre mein Finger in seiner kleinen Hand. Den ganzen Weg über würde ich mit ihm über Kindersachen reden und seine Kindermeinungen anhören. Die Leute, die uns sehen, würden denken, ich bin seine Ma, und sich fragen, wie eine so junge Frau schon ein so großes Kind haben kann. Dann würden sie nach seinem Namen fragen. Ich würde ihnen antworten und rot werden. Wenn Ma davon wüsste, würde sie sagen: Shano, es ist Zeit für dich zu heiraten!


Ich werde nicht heiraten und auch keine Kinder bekommen. Na ja, wenn jemand mich von einem Dienstmädchen in eine Memsahib verwandelt, wäre das was anderes. Ich habe Mitleid mit den Frauen, die Dienstmädchen bleiben, bis sie alt und gebrechlich sind. Wie Ma. Mit alten Bediensteten hab ich auch Mitleid. In unserem Sektor gibt es keine alten Bediensteten, aber ein paar alte Dienstmädchen. Neben Ma. Lalitas Mutter ist auch alt, aber weiß, was sie wert ist. Deswegen hab ich kein Mitleid mit ihr. Wenn ich sie sehe, wünsche ich mir, in ihrem Alter auch noch so eine Respektsperson zu sein. Lalita hat ihren Stolz von ihrer Mutter.


Wenn Lalita von meinen Wünschen erfährt, würde sie sagen: Shano, du kannst anderer Leute Hunde und Kinder nicht zu deinen eigenen machen. Ich würde sagen: Will ich ja auch gar nicht, Lalita. Ich erzähl dir nur von meinen Träumen.


Aus dem Hindi übersetzt von Anna Petersdorf

Zum Autor
Krishna Baldev Vaid, geb. 1927 in Dinga im heutigen Pakistan, zählt zu den wichtigsten Vertretern moderner Hindi-Literatur und wird von seiner Leserschaft vor allem für seine spielerisch-innovative Schreibweise geschätzt. Tagebuch eines Dienstmädchens erschien 2000 auf Hindi.

Südasien 2/2012