Benedikt Nerger
„Sie behandelten mich manchmal wie ein kleines Kind“
Menschen mit Behinderung kämpfen in Pakistan immer noch ums Überleben

Die Selbstvertretungsorganisation Milestone kämpft in Pakistan seit 1993 für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Die UN-Generalversammlung hat am 13. Dezember 2006 das „Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ (UN-Konvention) angenommen. Darin wird festgehalten, dass die Teilhabe behinderter Menschen ein Menschenrecht ist und kein Akt der Fürsorge oder Gnade. Damit werden grundlegende Lebensbereiche von Menschen mit Behinderungen erfasst, wie Barrierefreiheit, persönliche Mobilität, Gesundheit, Bildung, Beschäftigung, Rehabilitation, Teilhabe am politischen Leben, Gleichberechtigung und Nichtdiskriminierung. Ein grundlegender Gedanke der Konvention und der von ihr erfassten Lebensbereiche ist der Gedanke der Inklusion: Menschen mit Behinderung gehören mitten in die Gesellschaft. Dies alles hat zwar zu einer Verbesserung der Situation von Menschen mit Behinderung geführt, dennoch fehlt es ihnen in Pakistan bis heute oftmals noch an grundlegenden Dingen, die ein gleichberechtigtes Leben in der Gesellschaft ermöglichen und vor allem auch an Akzeptanz seitens der Mehrheitsbevölkerung.

Shafiq bei Kundgebung (c) Milestone

Shafiq ur Rehman bei einer DPI-Kundgebung von Menschen mit Behinderungen in Japan (2002) © Milestone

„Die allgemeine Situation von Menschen mit Behinderung in Pakistan hat sich in den letzten Jahren verbessert“, fasst Shafiq ur Rehman, der Vorsitzende von Milestone (sie­he Kasten), die letzten Jahre seiner Arbeit zusammen.


Ein Grund für diese Verbesserungen mag die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung sein. Pakistan hat sie im Juli 2011 ratifiziert. Die pakistanische Regierung hat infolge der UN-Konvention einige behindertenspezifische Gesetze geschaffen. Zwar gibt es in Pakistan kein eigenes Ministerium für das Thema Behinderung – zuständig dafür ist eine Art „Sozialministerium“, welches Behinderung lange Zeit nur als rein medizinisches Problem betrachtete – dennoch sind besonders im Bereich der inklusiven Erziehung spürbare Fortschritte zu verzeichnen. So sind konkrete Anzeichen vorhanden, dass die Regierung die Inklusion von Menschen mit Behinderung in die offizielle Bildungspolitik integrieren will. Immer mehr staatliche und private Bildungsträger versuchen in letzter Zeit, ihre Gebäude und ihren Unterricht barrierefrei zu gestalten. Beispielsweise hat die „Beaconhouse“-Schule vor kurzem eine inklusive Schule für Kinder mit und ohne Behinderung in Lahore eröffnet. Dort befindet sich auch das Büro von Milestone. Die Regierung unter-stützt dies und organisiert unter anderem Weiterbildungsseminare zur inklusiven Bildung, zu denen auch Selbstvertretungsorganisationen eingeladen werden.


Selbstvertretungsorganisationen wie Milestone spielen eine wichtige Rolle bei der Umsetzung der UN-Konvention. Denn sie sind es, die Druck auf die Regierung und die Stadtverwaltungen ausüben – teilweise mit Erfolg. So konnte Milestone zum Beispiel bei der Stadtverwaltung in Lahore erreichen, dass dort behindertengerechte Busse eingesetzt werden.


Die Geburtsstunde der Behinderten-Bewegung in Pakistan war 1981, als Disabled People’s International (DPI), ein internationales Netzwerk von Selbstvertretungsorganisationen behinderter Menschen, ein Regionalbüro in Pakistan eröffnete. Mit einem Weiterbildungsprogramm der Weltbank für Selbstvertretungsorganisationen in Japan im Jahr 2002, an dem auch Shafiq ur Rehman teilnahm, erhielt die Bewegung einen zusätzlichen Schub. In den letzten Jahren hat die politische Instabilität in Pakistan den Kampf der Menschen mit Behinderung jedoch teilweise erschwert. Zudem steht das Land im Vergleich zu anderen Entwicklungsländern nicht so sehr im Fokus der internationalen Entwicklungszusammenarbeit.


Die größten Probleme
Die positiven Ergebnisse, wie besserer Zugang zu Bildung und Verkehr, sollen jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass Menschen mit Behinderung in Pakistan immer noch zu den am stärksten benachteiligten Gruppen gehören. Wie in vielen Ländern des Südens sind auch in Pakistan die grundlegenden Bedürfnisse (Nahrung, medizinische Versorgung und Bildung) für Menschen mit Behinderung nicht gewährleistet. Wer keine Schule besuchen kann, weil Gebäude oder Unterrichtsmaterialien nicht barrierefrei sind, hat schlechte Chancen auf dem regulären Arbeitsmarkt. Wer sich keine ausgewogene Ernährung leisten kann und keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hat, hat ein hohes Risiko, mit einer Behinderung leben zu müssen. Für die meisten Menschen mit Behinderung in Pakistan ist ein selbstbestimmtes Leben nicht möglich. Viele von ihnen leben in Armut und kämpfen schlichtweg ums Überleben. Dies gilt vor allem nach Naturkatastrophen, von denen Pakistan immer wieder betroffen ist.


Benachteiligt bei Naturkatastrophen – Beispiele
2005 kamen bei einem Erdbeben in Pakistan nach offiziellen Angaben mehr als 84.000 Menschen ums Leben. In den Jahren 2010 und 2011 waren nach UN-Angaben über 14 Millionen Menschen von den Überschwemmungen betroffen. Solche Unwetter treffen Menschen mit Behinderung besonders schwer. Personen im Rollstuhl – sofern sie überhaupt einen besitzen – können in der Not nicht einfach wegrennen. Gehörlose Menschen können Alarmsignale nicht hören. Personen, die nicht im Stande sind zu sprechen, können in der Not nicht um Hilfe rufen. Zudem werden bei vielen Nothilfemaßnahmen die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung nicht berücksichtigt. So gibt es zum Beispiel in den Rettungscamps keine barrierefreien Toiletten. Dies hat zur Folge, dass viele weniger Nahrung aufnehmen, um möglichst selten ihre Notdurft in der Öffentlichkeit verrichten zu müssen. In Notsituationen wird an Menschen mit Behinderung häufig als Letzte gedacht: „Oft erhalte ich als Antwort: ‚Wenn schon Menschen ohne Behinderung keine Hilfe bekommen, warum sollen dann Menschen mit Behinderung Hilfe bekommen?“, beklagt ur Rehman. Milestone wird deshalb bei Naturkatastrophen selbst aktiv. Der Verein organisiert Lebensmittel und technische Hilfen wie Blindenstöcke oder Rollstühle und bringt diese in die betroffenen Gebiete. Gleichzeitig unterstützt Milestone andere Organisationen dabei, Hilfsprojekte behindertengerecht zu gestalten und für das Thema Behinderung zu sensibilisieren.


Gesellschaftliche Diskriminierung
Trotz dieser existenziellen Bedrohungen ist für ur Rehman die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung durch die Gesellschaft eines der größten Probleme in Pakistan. Das „schlechte Image“ erstreckt sich auch auf die technischen Hilfsmittel, die von behinderten Menschen genutzt werden. Dies gilt zum Beispiel für Rollstühle, obwohl nur wenige Menschen in Pakistan überhaupt einen Rollstuhl besitzen.


Die Diskriminierung fängt teilweise schon in der Familie an. Familienmitglieder mit einer Behinderung werden oftmals vor den Augen der Umwelt versteckt, so zum Beispiel auch im Bagrote-Tal in Nordpakistan. Dort unterstützt bezev (siehe Kasten) zusammen mit der Neuwieder Berufsschule für junge Menschen mit Behinderung erfolgreich die Monika Girls High School. Die Gründung der Schule geht auf die private Initiative der Hamburgerin Monika Schneid zurück. Zusammen mit bezev möchte sie es ermöglichen, dass auch Mädchen mit Behinderung die Schule besuchen. Bei einer ersten Recherche zur Anzahl der Kinder mit Behinderung in dieser Region fand man kein einziges Kind. Erst nach weiteren ausführlichen Gesprächen stellte sich heraus, dass mehrere Kinder mit Behinderung in den Häusern versteckt gehalten wurden und ein Schulbesuch nicht erwünscht war. „Warum sollen diese Kinder eine Schule besuchen?“, fragten viele Eltern.


Die Diskriminierung reicht bis in höchste Regierungskreise: „Ich arbeitete mit hohen Regierungsbeamten zusammen, aber obwohl ich der Vorgesetzte einiger dieser Angestellten war, behandelten sie mich manchmal wie ein kleines Kind“, berichtet ur Rehman über seine Zeit als Berater eines Regierungsbüros für die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung. Sogar während Naturkatastrophen haben staatliche Hilfskräfte manchmal die Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderung verweigert.


Keine verlässlichen Zahlen über Behinderung
Wer verlässliche Zahlen über Menschen mit Behinderung in Pakistan sucht, wird schnell feststellen, dass kaum welche existieren oder diese unrealistisch erscheinen. Dieses Problem gilt allerdings für fast alle ärmeren Länder. Die Pakistan Census Organization schätzte 1998 den Anteil von Menschen mit Behinderung an der Gesamtbevölkerung Pakistans auf 2,48 Prozent, das sind 3,3 von 132,4. Millionen Menschen (Country Report Islamic Republic of Pakistan 2008, M. Mobin Uddin, Pakistan Disabled Peoples Organization). Diese Zahl ist angesichts des ersten Weltbehindertenreports 2011, der davon ausgeht, dass 15 Prozent der Weltbevölkerung eine Behinderung haben, nur schwer zu glauben. Darüber hinaus wird die Anzahl der Menschen mit Behinderung in Entwicklungsländern normalerweise höher eingeschätzt als in den Industrieländern. Danach leben 80 Prozent aller Menschen mit Behinderung in Entwicklungsländern. Die Armut in Entwicklungsländern wie Pakistan ist daher sowohl Ursache als auch Konsequenz von Behinderung.

Zusatzinformationen

Milestone wurde im März 1993 von Menschen mit Behinderung gegründet. Ziel dieser pakistanischen Selbstvertretungsorganisation ist die volle gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Mile­stone stellt technische Hilfsmittel zur Verfügung und leistet bei Katastrophen humanitäre Hilfe. Darüber hinaus unterstützt Milestone Menschen mit Behinderung, ihre Rechte wahrzunehmen, stärkt ihr Selbstbewusstsein und sensibilisiert die Gesellschaft für ihre Anliegen. Milestone arbeitet hierbei eng mit anderen nationalen und internationalen Organisationen zusammen.
http://milestone.pk

„Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V.“ (bezev) setzt sich seit 1995 weltweit für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung ein. Neben Projekten im Ausland und einem Freiwilligendienst ist bezev in der entwicklungspolitischen Informations-, Bildungs- und Lobbyarbeit aktiv. Weitere Infos: www.bezev.de

Zum Autor
Benedikt Nerger ist Referent für Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit bei bezev.

Südasien 2/2012