Heinz Werner Wessler
Europas und Indiens Schande
Arundhati Roy geht ans Grundsätzliche – kommt Kapitalismuskritik in Indien wieder in Schwung?

Offenbart sich im gegenwärtigen Griechenland und in Indien die Krise des Kapitalismus? Im März 2012 erschien der jüngste Essay von Arundhati Roy Capitalism – a Ghost Story auf 22 Druckseiten. Nach dem kritischen Essay von 2010 Walking with the Comrades war dies der zweite große politische Essay der erfolgreichen Autorin des Romans Der Gott der kleinen Dinge, die sich in den letzten 15 Jahren nicht mehr als Autorin von fiktionaler Literatur in englischer Sprache, sondern eher als kritische Intellektuelle einen Namen gemacht hat.

Arundhati Roy (c) jeanbaptisteparis bei flickr.com

Arundhati Roy schreibt: "Nachdem das neo-liberale Establishment gelernt hat, wie es politische Regierungen, Parteien, Wahlen, die Rechtsprechung, die Medien und die freie Meinungsäußerung in seinem Sinne beeinflussen kann, blieb noch eine weitere Herausforderung übrig: Nämlich, wie mit der wachsenden Unruhe umzugehen ist, mit der Bedrohung durch die 'Macht des Volkes'. Wie lässt sie sich bezähmen? Wie verwandelt man Protestierende in Haustiere? Wie lässt sich der Volkszorn wegsaugen und in Sackgassen umlenken?" aus: "Capitalism - a Ghost Story" © jeanbaptisteparis bei flickr.com (CC BY-SA 2.0)

Arundhati Roy (52) und Günter Grass (84) haben eines gemeinsam: Sie wollen nicht als politikferne Literaten wahrgenommen werden, sondern politisch-moralisch mitwirken, sich einbringen, kurz: Sie wollen nicht mehr schweigen. Der Literaturnobelpreisträger Grass macht den „Rechthaber Macht“ für das Leiden der griechischen Bevölkerung verantwortlich – und mit ihm den Kapitalismus an sich. „Europas Schande“ heißt sein aktuelles Gedicht zur Griechenland-Euro-Krise – in der Nachfolge des Israel-Gedichts, das im Frühjahr für heftigen Wirbel im Blätterwald und gehässige Kommentare gesorgt hatte. Das Echo auf das Griechenland-Gedicht ist dagegen auffallend schwach.


Ähnlich erging es Arundhati Roy mit den beiden großen Aufsätzen. Walking with the Comrades, der um das Verständnis für den maoistisch motivierten Widerstand der Adivasis gegen die Enteignung und Rohstoffausbeutung ihres Landes wirbt, hatte 2010 wie eine Bombe eingeschlagen. Stets hatte das politische Establishment praktisch aller in den Parlamenten vertretenen Parteien den bewaffneten Widerstand in den Stammesregionen vor allem als Sicherheitsproblem wahrgenommen und diskutiert. Hier kam nun eine kritische Intellektuelle und suchte den Kontakt zu den Betroffenen, zog mit ihnen durch die gefürchteten abgelegenen Waldlandschaften im rohstoffreichen Adivasi-Land, auf das die großen Rohstoffkonglomerate ihr Auge geworfen haben, und schrieb einen langen Aufsatz über die indische Stammesbevölkerung, die seit Jahrhunderten systematisch enteignet und vertrieben wird. Sogar manche ihrer Gegner konnten Roy den Respekt dafür nicht versagen, dass sie sich als namhafte Autorin unter diejenigen gewagt hatte, die sich vom geballten Sicherheitsapparat bisher nicht haben unterkriegen lassen.


Der neue Aufsatz, der an die große kapitalismuskritische Tradition in Indien anschließt, hat trotz nachlassendem Wirtschaftswachstum im Land – das Wirtschaftswachstum ist in den letzten drei Jahren von über neun Prozent auf unter sechs Prozent gesunken – praktisch keine Chance mehr auf einen öffentlichen Eklat. Er mag zwar gut recherchiert und analytisch scharf sein – doch es ist wenig in ihm, was man nicht schon längst gehört oder geahnt hat – dass nämlich die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden und dass die Globalisierung sozusagen die gegenwärtige Pseudometamorphose des Kolonialismus darstellt, remote controlled and digitally operated. Das konnte man schon vor zwanzig Jahren zu Beginn des indischen Neoliberalismus wissen. Kurz: Es fehlt irgendwie der Neuigkeitswert und damit der revolutionäre Ansatzpunkt. Zu viel lehrmeisterlicher Durchblick, zu viel moralische Entrüstung, zu wenig konkrete Utopie, zu wenig Handlungsperspektive.


Kapitalismuskritik im „sozialistischen“ Indien
Oder bekommt die Kapitalismuskritik eine neue Chance? Die Börsenkrisen der letzten Jahre und jüngst die Verschuldungskrise in Griechenland, die mittlerweile mehr und mehr zur Armutskrise für große Teile der Bevölkerung wird, scheinen das nahe zu legen – zumindest in den reichen Teilen der Welt. Doch auch in Südasien regen sich Ansätze der Occupy-Bewegung, mit der sich die klassischen Kapitalismuskritiker allerdings etwas schwer tun. In Indien zehrt die Kapitalismuskritik aus altehrwürdigen Quellen, schließlich ist Indien gemäß Präambel seiner Verfassung sozialistisch – Indira Gandhi ließ diese Klausel ausgerechnet in der Zeit ihres grausamen Ausnahmeregimes einfügen. Und schließlich war die antikolonialistische Bewegung überwiegend auch imperialismus- und kapitalismuskritisch. Mahatma Gandhi hatte damit in seinem antikolonialistischen Klassiker Hind Swaraj schon 1909 klar die Linie vorgegeben. Das zukünftige freie Indien sollte alles andere als eine kapitalistische Wettbewerbsgesellschaft werden.


Die Kritik am Kolonialismus war darin allerdings nicht nur antikapitalistisch, sondern zugleich auch ausgesprochen modernitätskritisch – eine Linie, die man in Roys Aufsatz kaum wiederfindet. Bis heute wird unter indischen Intellektuellen die kritische Sicht auf das Eisenbahnwesen in Hindi Swaraj als eine der Schrullen des Mahatma auf dem Niveau von Partygags gehandelt. Gandhi hatte im öffentlichen Transport durch die Eisenbahn den Inbegriff der Entfremdung des modernen Menschen gesehen – was ihn selbst bekanntlich nicht hinderte, sich des modernen Massenverkehrsmittels ausgiebig zu bedienen.


Der neue Essay von Arundhati Roy setzt an der skandalösen Zurschaustellung von Reichtum an, für das der 27-stöckige Hausbau des Industriemagnaten Mukesh Ambani mitten in Mumbai zur Ikone geworden ist – das vermutlich teuerste Einfamilienhaus der Welt. Von hier aus geht es weiter zur festgeschriebenen Armut, wobei sie dem Unterschied zum zunehmenden Reichtum der urbanen Mittel- und Oberschichten immer größeres Gewicht gibt.


Menschenrechtsverletzungen – Aufhänger der „NGO-Industrie“?
Der Artikel ist nicht nur ein Rundumschlag gegen die Machenschaften des weltumspannenden Kapitalismus, die amerikanische Interessenpolitik in Asien im Allgemeinen und Südasien im Besonderen, sondern auch eine Abrechnung mit dem Mikrofinanzwesen, der ideologischen Desorientierung der Nichtregierungsorganisationen und der gnadenlosen „Modernisierung“ unter Zurücklassung ihrer Opfer. Dazu gehört überraschenderweise auch eine Kritik an der Idee der Menschenrechte als Basis für die von ihr so genannte „NRO-Industrie“. Am Ende kehrt Roy wieder zu dem sagenumwobenen Gebäude an der Altamont Road in Mumbai zurück.


2010 konnte Roy noch mit ihrem ersten Artikel provozieren. Mit einem Mal war das Thema Maoismus und Unrecht an den Adivasis überall im indischen Blätterwald zum Thema geworden. Bei dem neuen großen Essay ist das anders. Fundamentalkritik am Kapitalismus, bis hin zur Kritik an der Abwendung des ANC von einem sozialistisch inspirierten Antikolonialismus hin zum post-Apartheit-Mitmachen beim großen Geschäft – der Grundtenor von Roys fundamentaler Kritik lässt sich kaum noch zum Lebensgefühl der großen Mehrheit der Menschen in Indien in Beziehung bringen. Zu tief schürft die Kritik am System, als dass man noch von der Erbsünde des Mitmachens absehen könnte: Hier liegt der kaum verborgene Haken in ihrem Gedankengang. Die Menschen in Indien wollen aber Geld verdienen, vielleicht auch mehr Durchblick, es ein bisschen besser haben, für sich selbst, für die Kinder.


Die Leserkommentare unter dem Erstpublikationsort auf der Website von Outlook India vom 26. März 2012 sind nicht als geschickt angezettelte Kampagne gegen eine Frau wegzuerklären, die mit der aufklärerischen Rhetorik des großen Durchblicks auftritt und dann kein Gehör findet.1


Ernüchterung?
In den 1990er Jahren hatte Arundhati Roy zunächst Schwierigkeiten, ihren Roman Der Gott der kleinen Dinge überhaupt in einem Verlagsprogramm unterzubringen. Als das Buch dann 1997 bei Random House herauskam, wurde es schnell nicht nur kommerziell zum Bestseller, sondern gewann auch noch den wohl berühmtesten Buchpreis der englischsprachigen Literatur weltweit, den britischen Booker-Preis. Die damals noch fast ganz unbekannte junge Frau wurde auf einmal zur gefeierten Autorin, zum wahrhaften Stern am indischen Literatenhimmel. Die Kritiker, die es auch gegeben hatte, verstummten.


Nach diesem ersten sozialkritischen Liebesroman, zugleich ein Kaleidoskop keralesischer Verhältnisse zwischen Tradition und Moderne, fragten sich die aufmerksamen Leser schon bald, was wohl von ihr als nächstes käme. Der Schreibdruck war groß – aber die 1960 geborene studierte Architektin wusste sich ihm zu entziehen. Stattdessen wurde schon bald klar, dass sie vielleicht mehr die kritisch kommentierende Intellektuelle als die Schriftstellerin werden sollte. Lukrative Angebote zur Verfilmung ihres großen Erstlingsromans lehnte sie ab. Arundhati Roy will sich selbst treu bleiben – und das bedeutet in ihrem Fall die Fortsetzung ihrer kritischen Essayistik.


In einem Punkt haben Arundhati Roy und Günter Grass gewiss recht: Man kommt als Normalbürger nicht aus dem Staunen darüber heraus, was sich mit Geld alles machen lässt. Mit viel Geld lässt sich oft noch sehr viel mehr Geld machen. Und mit Schulden lassen sich schnell noch viel mehr Schulden machen. Und es scheint, dass weder der Staat noch die Menschen etwas dagegen tun können. Im Gegenteil: Die Logik der Dinge will uns weismachen, dass einige es eben verdient haben, andere nicht. Immerhin gibt es noch einzelne Stimmen, die dagegen halten – doch der Geist des Kapitalismus weht, wo er will: Sogar der Dalit-Kapitalismus ist im Kommen – so scheint es wenigstens, wenn man den berühmt-berüchtigten Dalit-Aktivisten Chandra Bhan Prasad (chandrabhanprasad.com) beim Wort nimmt. Im 21. Jahrhundert scheint das System alle und jeden in seinen Bann zu ziehen.


Endnote
1 vgl. www.outlookindia.com/article.aspx?280234

Südasien 2/2012