Anja Döscher, Fabian Falter, Justyna Kurowska
Gewalt zwischen Hindus und Muslimen
Eine sozialkritische Aufarbeitung der Pogrome von 2002 in Gujarat im Art Cinema-Film Firaaq

Zehn Jahre sind seit dem Ausbruch schwerer Unruhen zwischen Hindus und Muslimen im Jahre 2002 im westindischen Bundesstaat Gujarat vergangen. Nun erinnern die Medien wieder an den Überfall Unbekannter auf einen mit Hindus besetzten Zug. Folge dieses Überfalls war ein Pogrom gegen Muslime, die man hinter dem Anschlag vermutete. Schnell breitete sich die Gewalt in ganz Gujarat aus. Es stellt sich immer noch die Frage nach den Hintergründen, nach der Rolle von Polizei, Medien und Politik. Der Artikel nähert sich diesem Ereignis anhand einer Theorie des Kommunalismus an. Im Mittelpunkt steht dabei die Thematisierung dieses Vorfalls in dem Film Firaaq von 2007.

Filmpräsentation Firaaq (c) Tonio Vega bei flickr.com

Bei der Präsentation des Films "Firaaq" © Tonio Vega bei flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

Vor zehn Jahren, im Jahre 2002, fanden im westindischen Bundesstaat Gujarat – nicht zum ersten Mal in Indiens Geschichte – wochenlange schwere Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen statt. Narendra Modi, ein hindunationalistischer Politiker und damals wie heute Ministerpräsident von Gujarat, und seine Partei, die Bharatiya Janata Party (BJP, Indische Volkspartei), spielten eine wesentliche Rolle in der Förderung des Unruhepotenzials. Zunächst ereignete sich in dem Ort Godhra in Gujarat ein Überfall Unbekannter auf einen Zug, in dem sich Hindus auf dem Rückweg von einer Großveranstaltung in Ayodhya befanden. Dort war im Jahre 1992 eine Moschee von Hindunationalisten niedergerissen worden.


Hinter vielen kommunalen Konflikten steht die Geschichte der Babri-Moschee von Ayodhya, die beide Religionen als heilige Stätte für sich beanspruchen. Radikale Hindus versuchen seit Jahrzehnten, dort einen Tempel zu errichten. Als sie vor zwanzig Jahren die Moschee nieder-rissen, setzten sie damit die schwersten Unruhen in Indien seit der Unabhängigkeit in Gang. Es ist schwierig, in Gujarat Ursache und Wirkung der zahlreichen, immer wieder aufflam-menden Unruhen auseinander zu halten. Auslöser der sich rasch ausbreitende Gewalt war zwar der Überfall auf den Zug, aber damit sind die Ursachen und das Zusammenwirken verschiedener Faktoren noch längst nicht erklärt. Licht in das Dunkel der verschiedenen Faktoren, die der kommunalen Gewalt zugrunde liegen, kann vielleicht die Kommunalismus-Theorie des inzwischen emeritierten amerikanischen Soziologen Paul R. Brass (geb. 1936) bringen, dessen jahrzehntelange Forschung diesem Themenkomplex gewidmet ist. Die Pogrome von 2002 und deren Auswirkungen auf die Menschen stehen ebenfalls im Zentrum des 2007 entstandenen Films Firaaq. Der Film bietet zudem einen Einblick in die Filmwelt jenseits der klischeebehafteten Bollywood-Filme.


Betrachtet man die Religionsverteilung in Gujarat nach dem Zensus von 2001 (zum neuen Zensus von 2011 liegen noch keine Angaben zur Religionszugehörigkeit vor), so fällt auf, dass die in der Statistik homogenisierte Religionsgemeinschaft der „Hindus“ eindeutig in der Mehrheit ist (45 Millionen), gefolgt von einer deutlich kleineren Religionsgemeinschaft der Muslime (4,5 Millionen). Diese Zahlen zeigen eine religiöse Vielfalt der Bevölkerung, die in Jahrhunderten gewachsen ist. Sie spiegelt sich auch in der Verfassung der Republik Indien wieder, in welcher der indische Säkularismus, also die Gleichberechtigung aller Religionen und der Schutz von religiösen Minderheiten, verankert sind. In der Realität jedoch wird das friedliche Nebeneinander verschiedener Religionsgemeinschaften allzu oft gestört. Für die Gründe gibt es verschiedene Theorien, die versuchen, einen solchen Gewaltausbruch wie den in Gujarat 2002 zu erklären.


Die Unruhen in Gujarat am Beispiel der Theorie von Paul Brass
Paul Brass entwickelte in seinem 1997 erschienenen Buch Theft of an Idol: Text and Context in the Representation of Collective Violence ein theoretisches Modell für die These, dass Spannungen zwischen Hindus und Muslimen in Indien nicht spontan und nur aufgrund religiöser Differenzen entstehen, sondern durch Manipulationen von Eliten, die bestrebt sind, an politischer Macht teilzuhaben.


In einem ersten Schritt muss es nach Brass einen Vorfall geben, der das Potenzial hat, eine Unruhe auszulösen. In dem oben skizzierten Fall war das auslösende Moment der Überfall auf den mit Hindus besetzten Zug, hinter dem man Muslime als Täter vermutete. Dies führte zu schweren Unruhen und zu gewalttätigen Übergriffen auf Zivilisten muslimischen Glaubens, die aufgrund der Verwicklung der Regierung in diesen Vorfall auch als Pogrome bezeichnet werden können.


Im zweiten Schritt müssen nach Brass bestimmte Politiker aus spezifischen Gründen daran interessiert sein, Gewalt zu fördern, zum Beispiel um eine bevorstehende Wahl zu beeinflussen. Im Allgemeinen lässt sich in Indien beobachten, dass beim politischen Konkurrenzkampf zwischen vielen Parteien die kleineren unter ihnen einen umfassenderen Minderheitenschutz aushandeln können als in Bundesstaaten, in denen nur zwei große Parteien konkurrieren, wie das in Gujarat der Fall ist. Dort konkurrieren nur die Kongress-Partei und die BJP miteinander. Zudem ist festzustellen, dass in Bundesstaaten mit auf wenige Akteure beschränktem politischem Konkurrenzkampf und begrenztem Minderheitenschutz staatliche Organe die Eindämmung von Unruhen verzögern. Im vorliegenden Fall stellte die BJP zwar von 1998 bis 2004 die Zentralregierung, hatte aber vor den Unruhen in einigen Bundesstaaten die Wahlen verloren und fürchtete nun auch in ihrer Hochburg Gujarat, die Macht abgeben zu müssen. Tatsächlich gewann die BJP im Dezember 2002 die vorgezogenen Neuwahlen in Gujarat – vor allem mit Stimmen aus denjenigen Regionen, in denen es zu massiven Ausschreitungen gekommen war.


Zum dritten werden Politiker – so Brass – von einem „institutionalisierten Unruhe-System“ unterstützt, das ihnen erlaubt, Gewaltausbrüche zu steuern. Dies kann zum Beispiel durch finanzielle Unterstützung oder Weitergabe von Informationen geschehen. Die Unruhestifter in Gujarat waren gut vorbereitet: Sie waren bewaffnet und besaßen Wähler- oder Steuerlisten. Beispielsweise konnten muslimische Ladenbesitzer, die keine Steuern zahlten, nicht als Muslime identifiziert werden und waren daher von den Unruhen kaum betroffen.


Als einen vierten Aspekt nennt Brass ein irritiertes Bewusstsein über einen kommunalistischen Konflikt in der Bevölkerung, das zum Beispiel durch Medien oder Politiker geschaffen wurde. Kommunalismus, ursprünglich die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft, bezieht sich nach Paul Brass auf Misstrauen, Angst und Feindseligkeit zwischen verschiedenen (religiösen) Gemeinschaften und ihren politischen Bewegungen. Der kommunalistische Diskurs entsteht aufgrund realer oder imaginärer Bedrohungen. In der Bevölkerung Gujarats hatte sich die Vorstellung ausgebreitet, dass die Hindu-Mehrheit ökonomisch der Muslim-Minderheit oft unterlegen sei.


Eine fünfte und mit dem Gewaltausbruch einhergehende Entwicklung macht deutlich, dass die Staatsgewalt nicht fähig oder gewillt war, die Gewalt zu verhindern. Es soll während der Unruhen überall an Informationen, Schutz und direkter Hilfe gegen Übergriffe auf Muslime von Seiten staatlicher Repräsentanten und der Polizei gefehlt haben. Kam es schließlich trotz Behinderungen durch die Polizei zu Anzeigen gegen die Täter, so nahm die Polizei vielerorts die Aussagen fehlerhaft auf, so dass eine Strafverfolgung unmöglich wurde. Zudem zensierte die Regierung Gujarats einen kritischen privaten Kabelsender und rief erst nach Tagen der Verzögerung zentralstaatliche Polizeikräfte und die Armee zu Hilfe.


Firaaq
In dem sowohl in Indien als auch im Ausland mit Filmpreisen ausgezeichneten Film Firaaq lässt sich eine komplexe Reflexion der Geschehnisse 2002 in Gujarat erkennen. Bei den wenigsten der Filme, die seit 2002 zu den Gewalttaten in Gujarat gedreht wurden, handelt es sich um die explizite Darstellung von Gewalt. Firaaq, ein aus dem Arabischen stammendes Wort, das sowohl „Suche“ als auch „Trennung“ bedeutet, beleuchtet das Erleben der Menschen etwa einen Monat nach den Pogromen gegen die Muslime anstelle der Darstellung der Gewalttaten selbst. In dem von Nandita Das (geb. 1969), einer bekannten Kunstfilm-Schauspielerin, gedrehten Film – Firaaq war ihr Regie-Debut – werden Einzelschicksale von traumatisierten Opfern und Tätern aus diversen sozialen Schichten und religiösen Gemeinschaften vorgestellt. Diese stehen exemplarisch für die Hintergründe der Unruhen. Dabei kommen Gefühle der Trennung, Suche, Angst, Rachegedanken, Wut gegen die Staatsmacht, Verstecken, Identitätswechsel, Zerstörung und kollektive Gefühle als Elemente der Unruhen und ihrer Nachwirkungen zum Ausdruck. Politik wird nur am Rande und indirekt berührt. Die mediale Berichterstattung erscheint als TV-News über den Fernseher im Wohnzimmer einiger Protagonisten. Einige Personen des Films und deren Schicksale sollen hier kurz genannt werden. Sie stammen aus unterschiedlichen sozialen und religiösen Zusammenhängen:


Vier Beispiele aus dem Film
Der Charakter des kleinen, muslimischen Jungen Mohsin verkörpert die beiden Bedeutungen des Wortes Firaaq, Trennung und Suche. Nach der Ermordung des Großteils seiner Familie läuft er durch die Stadt, um seinen Vater zu finden. Auf der Suche nach Essen und Schutz trifft er auf Aarti, die Mohsins muslimischen Namen in Mohan, einen Hindu-Namen, ändert. Sie legt ihm nahe, nur diesen Namen in der Öffentlichkeit zu benutzen, was ihm später das Leben rettet.


Die Hindu-Hausfrau Aarti ist traumatisiert, nachdem sie einer muslimischen Frau auf der Flucht vor einem Mob nicht half. Indem sie den kleinen Mohsin mit nach Hause nimmt, findet sie einen Weg, ihre Schuldgefühle zu verarbeiten. Als Mohsin/Mohan aus Angst vor Aartis hindunationalistischem Ehemann und vor ihrem Schwager davon läuft, verlässt Aarti ihre Familie.


Das muslimische Ehepaar Muneera und Hanif möchte mit ihrem Baby nach den Unruhen in ihr Haus zurückkehren, das jedoch abgebrannt ist. Muneera verdächtigt ihre Freundin Jyoti, eine Hindu-Frau, an der Brandstiftung beteiligt gewesen zu sein. Jyoti hilft Muneera, Geld zu verdienen und Polizeikontrollen zu umgehen. Schließlich kann Jyoti die Verdächtigungen entkräften und die Freundschaft der beiden Frauen festigt sich wieder. Hanif und seine Freunde schwören Rache, nachdem ihre Familien von Plünderungen, Mord und Polizeidiskriminierung betroffen waren.


Anuradha Desai und Sameer Shaikh sind ein wohlhabendes, hindu-muslimisches Ehepaar, dessen Laden während der Unruhen geplündert und zerstört wurde, da Sameers muslimischer Nachname auf einer Steuerliste stand. Sie entscheiden sich zunächst, nach Delhi umzuziehen. Sameer verbirgt seine muslimische Identität, indem er Anuradhas hinduistischen Nachnamen benutzt. Letztendlich ziehen sie doch nicht nach Delhi, da beide erkennen, dass man zwar Wohnort und Namen wechseln kann, aber dennoch seine Identität überall mit sich nimmt.


Das indische Art Cinema
Der Film Firaaq gehört nicht zum indischen Commercial Cinema, wie viele Filme aus Bollywood, sondern ist ein Beispiel für das indische Art Cinema. Es zeichnet sich vor allem durch seine sozialkritische Haltung aus. Die Handlung der Art Cinema-Filme ist immer in einen historischen Kontext eingebettet – im Gegensatz zu Bollywood-Filmen, die keinen konkreten Realitätsbezug haben. Während sich Bollywood-Filme zum Beispiel an den großen indischen Epen wie Mahabharata und Ramayana orientieren, orientiert sich Art Cinema an der Realität. Dies lässt sich am Beispiel von Firaaq konkretisieren: Firaaq hat einen historischen Zeitpunkt, spielt einen Monat nach den Unruhen. Firaaq zeigt Ereignisse in einen geographischen Raum, Gujarat. Und Firaaq orientiert sich an der Realität, also an den Geschehnissen im Jahre 2002. Hinzu kommt der Versuch dokumentarischer Objektivität – es wird weder für die Muslime noch für die Hindus Partei ergriffen. Auch das typische Happy End eines Bollywood-Films fehlt natürlich.


Das Commercial Cinema beschäftigt sich mit unterhaltsamen Themen, für die Konsumenten soll indisches Kino vor allem eines sein: unterhaltsam. Politische und sozialkritische Themen in ihrem jeweiligen historischen Kontext werden vom Art Cinema aufgegriffen. Ausgerechnet diese Strömung erreicht aber in der Regel ein relativ kleines Publikum. Firaaq ist hierbei eine Ausnahme, denn der Film wurde in ganz Indien – auch in Gujarat – gezeigt und zog verhältnismäßig viele Zuschauer an. In Indien gibt es aber auch eine Zensur, durch welche nicht alle Filme über die Vorfälle 2002 gezeigt werden. Die Regierung kann gegebenenfalls Filme mit sexuellen, gewaltsamen oder kritischen Szenen verbieten. Der Film Parzania, der gewaltsame Ausschreitungen in Gujarat zeigt, wurde beispielweise in Gujarat verboten. Die Dokumentation Final Solution durfte zeitweise in ganz Indien nicht gezeigt werden; sie kritisiert die Regierung in Gujarat. Und auch hier ist Firaaq wieder eine Ausnahme: Da er auf Szenen physischer Gewalt verzichtet, hat der Film es geschafft, der Zensur zu entgehen und in die Öffentlichkeit zu gelangen. Gerade durch die Nicht-Repräsentation von Gewalt zwischen Hindus und Muslimen gelang es, das Thema dem Vergessen zu entreißen.


Quellen

Brass, Paul R. (1997): Theft of an Idol: Text and Context in the Representation of Collective Violence. Princeton: Princeton University Press.
Engineer, Asghar Ali (2002): Gujarat Riots in the Light of the History of Communal Violence. In: Economic and Political Weekly 37, 50, S. 5047-5054.
Mander, Harsh (2012): Broken Lives and Compromises. In: Economic and Political Weekly 47, 8, S. 90-97.
Wilkinson, Steven I. (2002): Putting Gujarat in Perspective. In: Economic and Political Weekly 37, 17, S. 1579-1583.

Zu den Autoren
Justyna Kurowska promoviert an der Universität Warschau in moderner Hindi-Literatur und ist zurzeit Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Indologie in Bonn.


Anja Döscher und Fabian Falter studieren im Master „Geschichte und Kultur West- und Südasiens“ an der Universität Bonn.

Südasien 2/2012