Claudia Koenig und Miriam Bishokarma
Editorial Südasien 3-4/2012

"Kathmandu, I‘ll soon be seeing you“ lautet der Refrain in einem Song-Klassiker von Cat Stevens. Damals, in den 1970er Jahren, waren die Hippies gerade dabei, Nepal für sich zu entdecken. Bis heute hat das Himalaya-Land im Westen sein touristisches Image als heiliges Land trotz allem bewahrt. Der kleine nördliche Nachbar des großen Indien steht im Zentrum dieser Ausgabe von SÜDASIEN. Aber nicht so sehr wegen seiner traumhaften Berglandschaft oder seiner Tempel und Klöster. Wir interessieren uns vielmehr dafür, wie dieses Land darum ringt, Auswege aus seinen schweren gesellschaftlichen Konflikten zu finden. Wir, die SÜDASIEN-Redaktion und das Nepaldialogforum für Frieden und Menschenrechte wollen zusammen mit vielen engagierten Autoren aus Nepal selbst die Facetten des Wandels ausleuchten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hierbei auf der prekären Menschenrechtslage in Nepal.


Beobachtet von den internationalen Medien demonstrierten im April 2006 zehntausende Nepalis für die Demokratie und für ein Ende des Bürgerkriegs. Nach zähen Verhandlungen wurde im November 2006 ein Friedensvertrag geschlossen. Seitdem ist es in der internationalen Presse wieder still um Nepal geworden.


Die Aufbruchsstimmung von 2006 ist einer tiefen Skepsis gewichen. Nach dem Scheitern der Verfassunggebenden Versammlung im Mai 2012, auf die viele Nepalis große Hoffnungen gesetzt hatten, scheint die Zukunft des Himalaya-Landes mehr denn je ungewiss. Noch immer leiden Millionen von Menschen unter sozialer Ausgrenzung, wird ihnen ein gerechter Zugang zu Lebensgrundlagen wie Land und Wasser aufgrund ihrer ethnischen oder sozialen Herkunft verwehrt, werden Frauen diskriminiert. Den Angehörigen der „Verschwundenen“ und den Opfern von Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird eine faire Gerichtsbarkeit vorenthalten, Menschenrechtsverteidiger/-innen werden bedroht. Viele zivilgesellschaftliche Akteure in Nepal fordern deshalb rechtsstaatliche Prinzipien ein. Die Beiträge in diesem Heft werfen von verschiedenen Standpunkten aus einen Blick auf die aktuelle Lage.


Thomas Döhne und Karl-Heinz Krämer geben einen grundlegenden Überblick über die komplizierten politischen Geschehnisse seit 2006. Dabei steht vor allem die Frage nach der „Kultur der Straflosigkeit“ im Mittelpunkt, welche durch die Interviews mit den Menschenrechtsaktivisten Mandira Sharma und Kashiram Dhungana vertieft wird. Drei Beiträge in diesem Heft erhellen die besondere Situation der Frauen (von Tessa Pariyar, Pooja Bhattarai und Alka Gurung).


Buddhi Ram Chaudhary und Keshav Lall Maharjan untersuchen das Schicksal der ehemals der Schuldknechtschaft Unterworfenen, der Mukta Kamaiya.


Ein Hauptgrund für das Scheitern der Verfassunggebenden Versammlung 2012 war die Uneinigkeit über Nepals zukünftige föderale Struktur. Dabei geht es auch um nachhaltige demokratische Beteiligungsformen für die Dalits und andere marginalisierte Gruppen. Zwei Beiträge – von Yam Kisan über Affirmative Action Policy sowie von Mahendra Sapkota über die Tharu-Bewegung – geben einen Überblick über die komplexen Fragen, die hinter den Föderalismuskonzepten stehen. Und wir geben in diesem Heft einigen Fallstudien aus den abgelegenen Regionen Nepals Raum: Wie funktioniert eigentlich der Staat ohne gewählte Lokalparlamente? fragt Sarah Byrne in ihrem Beitrag. Was bedeutet „geographische Abgeschiedenheit“ für die Janajati – die Stammesangehörigen (Alice Kern)? Wie funktioniert die gemeinschaftliche Forstwirtschaft (Jonas Jungbluth)? Und was denken die Anwohner des Arun-Tals über das dortige gescheiterte Hydropower-Weltbankprojekt (Matthäus Rest)? Annemarie Willjes von Amnesty International präsentiert die Ergebnisse einer Studie zu den rechtlichen Schwierigkeiten und zur oft unsicheren Lage der in die Golfstaaten und innerhalb Südasiens migrierenden Nepalis.


Hinter dem freundlichen Lächeln, mit dem viele Nepalis ausländischen Touristen entgegenkommen, verbergen sich allzu oft Erfahrungen von Furcht, Ausbeutung und Gewalt. Seit Heft 3-2010 von SÜDASIEN, unserem Vorgängerheft mit Schwerpunkt Nepal, sind die damals schon fragilen Hoffnungen auf mehr Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und einen stabileren Staat auf einen Tiefpunkt gesunken. Derzeit weiß keiner so recht, wie es weitergehen soll – umso wichtiger ist die internationale Solidarität, in deren Dienst dieses Heft stehen soll.


Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre und – auch im Namen des Südasienbüros Bonn e.V. – eine besinnliche Adventszeit und ein gutes Neues Jahr!

Südasien 3-4/2012