Claudia Koenig und Heinz Werner Wessler
Editorial Südasien 2/2013

Die Tendenz geht zwar weg vom permanenten Ehepartner und hin zur Aufeinanderfolge von „Lebensabschnittspartnern“, doch als aufgeklärte Europäer und Europäerinnen der Gegenwart ist für uns die freie Partnerwahl ein selbstverständliches Freiheitsrecht. Andererseits wissen wir, dass die hochindividuelle Partnerwahl eng verknüpft ist mit der bürgerlichen Idealisierung romantischer Liebe im frühkapitalistischen Europa. Als Eheanbahnungspraxis hat sie sich im 19. Jahrhundert durchgesetzt – und behält selbst heute in der Zeit der Kontaktbörsen und des web dating eine Spitzenposition in unser aller Vorstellungen vom Lebensglück.


Der Begriff der „Zwangsehe“ soll alles zusammenfassen, was nicht in dieses Raster passt. Die allgemeine Praxis in Südasien sollte uns aber lehren, dass die Wirklichkeit komplizierter ist. Es ist immer wieder verblüffend, wie selbst moderne, anglophon gebildete Menschen in der ganzen Region akzeptieren, dass sie den Ehepartner oder die Ehepartnerin quasi wie Bruder und Schwester vor die Nase gesetzt bekommen. Gewiss: Die in Südasien sogenannte Liebesehe hat es auch dort immer schon gegeben – junge Leute, die sich verlieben und gemeinsam ausreißen. Die Aufregung über einen solch ungehörigen Akt legt sich oft im Laufe der Zeit, kann aber gelegentlich auch zu brutalen Konsequenzen bis hin zum Mord an dem Liebespaar führen. Auch in den modernen großstädtischen Gesellschaften Südasiens bleibt trotz shadi.com und ähnlichen Internet-Partnerbörsen die arrangierte Ehe die soziale Norm schlechthin.


In SÜDASIEN haben wir schon mehrfach über das bis heute vielerorts tabuisierte Leben und Lieben der Lesben und Schwulen in der Region berichtet. 2006 forderten unter anderem Nobelpreisträger Amartya Sen und der Autor Vikram Seth die Abschaffung der gesetzlichen Kriminalisierung von Homosexualität durch den Paragrafen 377 des indischen Strafgesetzes. In einem Urteil vom 2. Juli 2009 endlich entschieden die Richter des Supreme Court, dass die Kriminalisierung der Homosexualität gegen Artikel 21, 14 und 15 der indischen Verfassung verstieß. Homosexualität ist in Indien damit legal, bleibt allerdings auch weiterhin gesellschaftlich kaum akzeptabel. Thomas Kugler geht detailreich auf die heutige Schwulenbewegung in Indien und Pakistan ein, die durch das Internet ganz neue Entfaltungsmöglichkeiten bekam.


Die Kehrseite der Liebe in der Ehe ist die leider weit verbreitete häusliche Gewalt. Susanne Franke, Julia Krojer und Laura Harmsen steuern ermutigende Beispiele für Frauenselbsthilfegruppen in Indien und Nepal bei, in denen sich Frauen gegenseitig beraten und verteidigen.


Wer die Hintergründe des hinduistischen Frauenbildes verstehen will, kommt am Ramayana nicht vorbei. Fabian Falter beschäftigt sich mit einer modernen feministischen Rezeption der Erzählung von Sita und Rama im Film.


Zweifellos ist die Liebe das große Thema der Unterhaltungskultur in Südasien, wobei die eheliche und unauflösliche Liebe in den Liebesstorys des Bollywood-Films immer noch als das große Ideal gilt. Zu diesem SÜDASIEN-Heft gehören auch noch andere Silhouetten: Begegnen Sie einem Heiratsvermittler in Dhaka, einem Pujari in Alibagh, der Paare auch gegen den Willen ihrer Eltern traut, oder den homoerotisch angehauchten Dichtern der klassischen indo-islamischen Literatur. Wir haben aber auch moderne Literatur zu bieten: „Deines Nächsten Weib“ von Ruskin Bond und die „Fünf Briefe“ im Literaturteil sind ihrerseits Beiträge zum Liebesdiskurs in Südasien.


Noch ein Wort in eigener Sache. Als Südasienbüro bedanken wir uns herzlich bei action five, die uns über viele Jahre hinweg finanziell und ideell unterstützt haben. Die Kooperation geht weiter, allerdings fällt leider die jährliche finanzielle Unterstützung für uns weg, da action five andere Prioritäten in der Projektarbeit setzt. Falls Sie es noch nicht gewusst haben: Die Verfasser und Übersetzer dieses Magazins arbeiten ehrenamtlich. Wir hoffen zwar darauf, neue Sponsoren zu mobilisieren und die Abo-Zahlen zu erhöhen, doch einstweilen erlaubt uns das Budget keine großen Sprünge. Umso dankbarer sind Vorstand und Redaktion, dass es uns immer wieder gelingt, kompetente Autoren für das Heft zu gewinnen – ein schöner Beleg für das hohe Ansehen der Zeitschrift im deutschsprachigen Raum.


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Südasien 2/2013