Heinz Werner Wessler
Editorial Südasien 3/2013

Übersetzung ist ‚Liebeswerk‘ und darüber hinaus ein absolut notwendiger Inhalt nationaler Kultur wie auch dessen, was nun unser Schicksal zu werden droht – die sogenannte planetarische Zivilisation.“ Nichts als romantischer Idealismus? Im gleichen Artikel von Ramesh Chandra Shah in Indian Literature 237 (2007) heißt es aber auch: „Übersetzung bedeutet nichts, wenn sie nicht professionell ist“. Damit spricht der indische Literaturkritiker die ganze Leidenschaft und die Tragik des Übersetzerwesens aus.


Im Deutschen bezeichnet man auch die Fahrt mit der Fähre über den Fluss als Über-setzen – der Fährmann setzt von Ufer zu Ufer über den Fluss. Der EU-Sprachendienst kann ein Lied von diesem Überqueren von Flüssen singen: Er hat sich zum größten Arbeitgeber weltweit für Übersetzer und Dolmetscher mit 2000 angestellten Sprachmittlern mit 110 (!) Sprachkombinationen entwickelt.


Stichwort literarisches Übersetzen: Sind Goethe und Hölderlin ins Bengali übersetzbar? Mit Alokeranjan Dasgupta kann man nur mit einem klaren „ja“ antworten. Dieses Heft sei ihm, dem langjährigen Über-setzer zwischen Deutschland und Bengalen aus Anlass seines 80. Geburtstags gewidmet (Artikel Dui Bondhu von Georg Lechner) – und zugleich dem Draupadi-Verlag aus Anlass seines zehnten Geburtstags. Christian Weiß verschrieb sich – von Alokeranjan Dasgupta ermutigt – vor zehn Jahren mit dem Draupadi-Verlag der Übersetzbarkeit der (indischen) Welt. Und seitdem hat er als Verleger mehr als sechs Dutzend Übersetzungen aus ganz unterschiedlichen indischen Sprachen herausgebracht, überwiegend selbst lektoriert und editiert. Zur Unterstützung des Verlags ist vor einigen Jahren das Literaturforum Indien entstanden, dessen Jahrestagung rasch zu einem wichtigen Treffpunkt für die voneinander weitgehend isolierten Übersetzer aus südasiatischen Sprachen geworden ist – Christian Weiß hat selbst den Bericht über die Jahrestagung 2013 geschrieben.


Im Laufe der Zeit ist der Draupadi Verlag erste Adresse für die Vermittlung indischer Literatur in Deutschland geworden. Das wissen Peter Ripken, Martin Kämpchen und Georg Lechner in ihren Artikeln zu würdigen – etwas Weihrauch darf da durchaus mal mit dabei sein. Denn der Alltag der Kleinverleger ist ebenso wie der der Übersetzer oft genug hartes Brot – wenn nicht sogar brotlose Kunst. Leider fallen vom Kuchen des Shining India nur erschreckend wenige Brosamen für Schöngeistiges ab. Man vergleiche dazu Peter Ripkens kritische Bemerkungen zu den Problemen der staatlichen Förderung für Übersetzung und Vermarktung indischer Literatur im Ausland. Rabindranath Tagore ist immer noch das Aushängeschild für indische und bengalische Literatur schlechthin. 100 Jahre nach der Verleihung des wohl renommiertesten Literaturpreises weltweit an Tagore beschäftigt sich Axel Monte mit den Nachwirkungen dieses Ereignisses.


Die Gedichte von Alokeranjan Dasgupta, die sich als Strecke durch dieses Heft ziehen, sind dem Band Am Ort des Schreibens. Gedichte. Aus dem Bengalischen übersetzt von Margit Urhahn entnommen, der in diesen Tagen im Draupadi Verlag erscheint. Die Gedichte stammen mit Ausnahme von „Der Schreibtisch“ (2004 in Am Ort des Schreibens erschienen) aus dem 2012 im Bengali-Original erschienenen Gedichtband Konnte er finden winzige Gottesteilchen? – ein Scan des Originaltitels findet sich auf Seite fünf dieses Heftes.


Zubin Mehta, der Stardirigent mit indischen Wurzeln, tritt am 7. September mit dem Bayerischen Staatsorchester vor 1500 Gästen im Shalimar Bagh in Srinagar/Kashmir auf. Zweifellos, die Lage in Kashmir hat sich in den letzten Jahren beruhigt, wie Richard Hattemer in seinem Beitrag bestätigt. Doch der Groll ist nach wie vor beim Volk vorhanden. Die wieder aufgeflammten Grenzscharmützel, die den Regierungen in Delhi und Islamabad den Willen zur Aussöhnung mit dem Nachbarn vergällen, machen deutlich, wie trügerisch die Ruhe ist. Zwei Pakistan-Artikel ergänzen sich gegenseitig: Ein Meinungsartikel zu Pakistans neuer Superfrau Burqa revenger (Artikel Soofia Says) und ein Artikel von James Channan zum Christentum in Pakistan, der noch einmal die multireligiöse Basis der pakistanischen Gesellschaft deutlich macht.


Das Hindi-Wort rupiya stammt von einem drawidischen Lehnwort im Sanskrit und war ursprünglich ein Eigenschaftswort mit der Bedeutung „wohlgeformt“ im Sinne von „geprägt“. Es steht nicht gut um die indische Währung – und auch nicht um die indische Wirtschaft überhaupt: Die Boomjahre, so Bernhard Imhasly, sind vorbei. Spätestens im Mai 2014 wird das nationale Parlament neu gewählt. Es wird immer wahrscheinlicher, dass das Volk die Regierung Manmohan Singh für die Krise abstrafen wird. Mehr dazu in meinem eigenen Meinungsartikel zu den Wahlen in Indien und Deutschland, während Thomas Döhne über die angesetzten Wahlen in Nepal schreibt.


Mit anderen Worten: Wir bieten mehr als das Surfen im Internet. Informiert zu sein ist gut, Verstehen ist besser. „Südasien“ lässt sich auch weiterhin nicht per se in bits and bites über-setzen.

Südasien 3/2013