Peter Ripken
Der Gigant und seine Übersetzungen
Indiens Literaturen auf dem deutschen Buchmarkt

Unbestritten ist Indien ein literarischer Gigant. Eine Reihe indischer oder aus Indien stammender Autorinnen und Autoren gehören zu der Kategorie, die man gemeinhin global writers nennt, weil ihre Werke gleich nach Erscheinen in viele Sprachen übersetzt werden. Salman Rushdie war einer der ersten, dann kamen Shashi Tharoor, Arundhati Roy, Amitav Ghosh, Rohinton Mistry und viele andere. Neben diesen anglophonen Autoren, die vor allem mit ihren Romanen reüssieren, gibt es noch die Autoren indischer Regionalsprachen, deren Schattendasein das ganze Dilemma der indischen Literatur in deutscher Übersetzung darstellt.

Der Bedeutung Indiens als literarische Großmacht entsprach es, dass das Land 2006 zum zweiten Mal nach 1986 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war, der größten Buchmesse der Welt, auf der die wirklich relevanten Geschäfte der internationalen Buchmärkte verhandelt werden. 1986 ging es mehr darum, Indien als literarische, gleichwohl weithin verkannte Nation zu vertreten, die einerseits von schmeichelhaften europäischen Projektionen auf Indien zehrte (Stichwort Erlösung, oriental wisdom und andere Verkürzungen), sich aber andererseits davon befreien und ein moderneres Image aufbauen wollte.


Die überwiegende Zahl der in Frankfurt anwesenden Autorinnen und Autoren schrieb schon 1986 in den indischen Nationalsprachen. 20 Jahre später ging man einen wichtigen Schritt weiter: Die Einschätzung der indischen Organisatoren des Buchmesse-Auftritts ging davon aus, dass die indische Literatur in englischer Sprache keiner besonderen Aufmerksamkeit bedürfe, weil sie bereits weltweit durchgesetzt sei. Es müsse nun darum gehen, die indischen Literaturen in Regionalsprachen (oder Nationalsprachen gemäß der indischen Verfassung) in den Vordergrund zu stellen.


Defizit-Analyse
Eindeutig sind die Übersetzungen aus indischen Sprachen, in denen es zumeist eine lebhafte literarische Produktion aller Genres gibt, auf den europäischen Buchmärkten gegenüber Übersetzungen aus dem Englischen von Werken von Autorinnen und Autoren indischen Ursprungs (von denen es mehr als 250 übersetzte Titel gibt) zahlenmäßig bescheiden vertreten. Nehmen wir allein den deutschen Buchmarkt: Mehr als 35 Übersetzungen aus indischen Nationalsprachen waren 1986 lieferbar, überwiegend Übersetzungen aus dem Hindi, nur wenige aus dem Bengali und noch viel weniger aus anderen südasiatischen Sprachen.


Doch viele Titel, übersetzt vor langer Zeit dank besonderem persönlichen Engagement und ohne Honorar, waren und sind seit langem (zum Teil seit mehr als zehn Jahren) lieferbar, viele davon in kleinen Auflagen und/oder in sehr kleinen, auf dem Buchmarkt kaum vertretenen oder eher unbekannten Verlagen erschienen. Wesentlich mehr Übersetzungen aus indischen Sprachen sind längst vergriffen (darunter selbst viele Titel von Tagore). Dass die meisten Übersetzungen auch in Zeitungen und Zeitschriften mit Rezensionsteil selten besprochen werden, dürfte kaum verwundern. Rezensionen in den Zeitschriften mit klarem regionalen Bezug haben nach meiner Erfahrung auf eine Steigerung der Verkaufszahlen wenig Einfluss.


Die Defizit-Analyse war seinerzeit ziemlich deutlich. Wesentliches scheint sich seither kaum geändert zu haben. Nur ein Verlag – der engagierte Draupadi Verlag in Heidelberg – hat seit seiner Gründung 2003 immer wieder einschlägige Übersetzungen herausgegeben und zeigt dabei ein hohes Maß an Beharrlichkeit mit einem guten Netzwerk von Unterstützern. Dieser Verlag ist auch der einzige, dessen Titel mit Übersetzungen zum Beispiel aus dem Hindi gelegentlich in überregionalen Zeitungen besprochen werden. Ob ein weiterer Verlag (lotos, Berlin) nach einer durchwachsenen, aber immer wieder interessanten Vergangenheit in der nächsten Zeit mit einem neuen Anlauf den deutschen Buchmarkt mit Übersetzungen aus indischen Nationalsprachen beeinflussen kann, steht einstweilen dahin.


Warum überhaupt diese Schieflage? Viele Antworten sind möglich.


Vordergründig gilt der Mangel an guten Übersetzerinnen und Übersetzern als wichtiger Faktor. Dieses gängige Verlagsargument ist aber wahrscheinlich nicht entscheidend. Die Indologie in Deutschland hat eine große Tradition und einen guten Ruf, freilich gehört Übersetzen aus indischen Nationalsprachen wohl nicht zum Arbeitsfeld der deutschen Indologie-Institute. Zwar wissen viele in dieser indologischen Welt sehr viel über indische Literaturen und Autoren (wenn auch weniger über zeitgenössische Literatur), aber auf den Literaturmarkt gelangt dieses Wissen in der Regel kaum. Weil es so wenig Übersetzungsaufträge gibt, können auch diejenigen, die schon einmal einen Roman aus dem Hindi übersetzt haben, kaum hinreichend Praxiserfahrungen sammeln: diese ist aber notwendig, um klassische Probleme wie etwa die übergroße Betonung philologischer Korrektheit überwinden zu können. Ohnehin stammen viele Übersetzungen von Hochschulmitarbeiterinnen oder -mitarbeitern, deren Hauptarbeitsfeld im wissenschaftlichen Bereich liegt. Dass es immer wieder Kritik an der literarischen Qualität einschlägiger Übersetzungen gibt, ist kaum verwunderlich. Zumeist haben die oft hochmotivierten Übersetzerinnen und Übersetzer keine Kontakte mit großen Publikumsverlagen und tun sich schwer mit deren Erwartungen, vor allem an die Lesbarkeit der Übersetzung.


Interessenkonflikte
Dass in deutschen Verlagen niemand zum Beispiel Hindi im Original liest und die Entwicklungen der indischen Literaturszene in Nationalsprachen verfolgen kann, ist ein weiteres Element des Problems. Der Literaturtransfer aus anderen Kultur- und Sprachkreisen wird durch die mangelnde Kenntnis der Originalsprachen bei Lektorinnen und Lektoren keineswegs behindert. Auf dem deutschen Markt gibt es übersetzte Titel aus zahlreichen Sprachen wie etwa aus dem Arabischen, Norwegischen, Schwedischen oder Chinesischen, obwohl die Zahl der Lektorinnen und Lektoren, die diese Sprachen lesen, extrem gering sein dürfte.


Die Brücke, man könne doch indische Literatur in Natio­nalsprachen erst einmal in vorhandenen Übersetzungen ins Englische lesen, ist wenig gangbar. Denn ein großer Teil derartiger Übersetzungen (wenn sie denn überhaupt den Weg auf einen Lektorenschreibtisch in Deutschland finden) war bis vor kurzem von dubioser Qualität, was oft genug die Wahrnehmung eines Werkes stark beeinträchtigte.


Es kommt ein genereller Faktor im deutschen Literaturbetrieb hinzu: Was nicht den überkommenen Vorstellungen von Genres, die auf dem Markt „funktionieren“ (so scheint die Diktatur des Romans weithin ungebrochen), entspricht, wird von den meisten Verlagen kaum oder gar nicht in Betracht gezogen. Und viele Texte gerade der Literaturen indischer Regionen folgen anderen Erzähltraditionen als gemeinhin in Europa präferiert werden. Zwar gibt es immer wieder Ausnahmen (wie letzthin Altaf Tyrewala mit einem Langgedicht – übersetzt indes aus dem Englischen – beim Verlag Berenberg, Berlin), aber derlei Publikationen verdanken sich eher einer Kette von Zufällen (in diesem Falle eher dem DAAD-Stipendium des Autors in Berlin).


Es muss also für das weite Feld (oder der numerischen Differenz) von möglichen Übersetzungen von Werken in indischen Nationalsprachen im Verhältnis zu tatsächlichen Übersetzungen noch andere Gründe geben. Denn dass es in den meisten indischen kulturellen Regionen eine jeweils differenzierte Literaturentwicklung gibt, bis hin zu posttraditionellen Erzählformen, erscheint nicht nur eine propagandistische Behauptung von Kulturpolitikern zu sein, sondern konkrete Realität. Gerade in Indien ist die Zahl derjenigen, die den Transfer von einer Regionalliteratur in eine andere befördern wollen, erfreulicherweise stark angewachsen, obwohl Institutionen wie National Book Trust oder Sahitya Akademi mit staatstragendem Literaturverständnis die Lage weithin beschädigt haben.


Hier könnte man sich trefflich auf allgemein kulturkritische Betrachtungen einlassen, etwa dergestalt, dass gerade in Deutschland Indien generell immer noch Objekt von Missverständnissen, Projektionen, Fehlurteilen, gemischt mit verkorkster Bewunderung und benign neglect zu sein scheint. Ich behaupte, dass diese Großwetterlage für den Literaturtransfer nur eine geringe Rolle spielt.


Wesentlicher sind die Faktoren, was eigentlich die Akteure auf dem Felde der literarischen Beziehungen zwischen Indien und Deutschland betreiben – oder eben auch nicht so recht erfolgreich betreiben.


Nur wenige indische Verlage sind überhaupt auf dem internationalen Buchmarkt tätig. Die indischen Verlage, die Teil von internationalen Konglomeraten sind (zum Beispiel Penguin, HarperCollins, Pearson), publizieren überwiegend in englischer Sprache und für den Bildungssektor und werden zumeist durch ihre internationalen Hauptquartiere repräsentiert. Die meisten Verlage, die in verschiedenen indischen Sprachen publizieren, können sich in der Regel einen Besuch bei der Frankfurter Buchmesse oder der London International Book Fair nicht leisten. Nur sehr wenige international ausgerichtete Verlage (wie Zubaan, Niyogi, Mapin, Seagull) sind direkt auf diesen wichtigen Märkten vertreten.


Die meisten indischen Verlage, wenn sie denn überhaupt bemüht sind, ihre Titel international bekannt zu machen, sind abhängig von den Aktivitäten anderer Akteure. Wesentlicher Aspekt dabei ist indes zuallererst, dass sie überhaupt Titel publizieren, die internationales Potenzial haben. Denn in der Branche gilt die verhängnisvolle Devise: „There are many books which will never travel!“.


Akteure
Unterstützt werden sollen diese Verlage vom National Book Trust of India (NBT) – offiziell eine unabhängige Organisation, de facto abhängig von der Zentralregierung. Zu deren Aufgaben gehört auch die internationale Förderung für indische Literatur als Staatsaufgabe. NBT organisiert seit vielen Jahren die Präsenz indischer Verlage auf großen Buchmessen, oft in mäßig attraktiver Aufmachung. Lediglich wenn es um einen Ehrengastauftritt geht (wie Frankfurt 2006, Paris 2007, London Book Fair 2009 und Turin 2010), wird in die Standgestaltung investiert. Der jeweilige kollektive indische Stand wird meist von NBT-Vertretern geleitet. Dann gibt es in der Regel nur eine wenig ansehnliche Titelliste der dort ausgestellten Bücher, die nach dem Zufallsprinzip zusammengekommen zu sein scheinen. Von solchen unprofessionell aufgemachten Ständen wenden sich Literaturagenten meist mit einem unverbindlichen Lächeln wieder ab.


Ein ähnliches „Huckepack-Verfahren“ wird auch von CAPEXIL, der Exportförderungsorganisation (die dem Ministerium für Handel und Industrie untersteht) organisiert. CAPEXIL unterhält eine eigene Book Division, die sich in Konkurrenz zu NBT auch darum bemüht, indische Verlage auf internationale Buchmessen zu bringen. Gelegentlich gelingt es dabei, die Stände der Verlage attraktiver zu präsentieren. als der NBT dies vermag.


Inhaltlich, das heißt bezüglich Promotion von Büchern mit Potenzial für internationale Lizenzen und Arbeitskontakte mit außerindischen Verlagen, sind beide Organisationen untätig. Sie beschränken sich darauf, indischen Verlagen Hilfestellung bei der Anreise zur jeweiligen Buchmesse und der Anmietung von Ständen und anderen begrenzten Serviceleistungen zu geben. Kontakte zu Verlagen, die dazu bewegt werden sollten, indische Autorinnen und Autoren mit Werken in Nationalsprachen zu veröffentlichen, sind wenige, zufällig und keinesfalls systematisch gesucht.


Als weiterer Akteur tritt die Federation of Indian Publishers (FPI) mit dem Anspruch auf, den privaten Sektor zu vertreten. Auch dieser Verband ist bemüht, indische Verlage auf internationalen Buchmessen zu vertreten und Kontakte zu knüpfen. Allerdings ist er dabei auf finanzielle Zuwendungen der Regierung angewiesen.


In den letzten 30 Jahren ist mir keineswegs deutlich geworden, in welcher Weise der FPI besser oder anders verfährt als die beiden staatlich kontrollierten Institutionen der internationalen Literaturförderung. Viele Verlage, die mit FPI auf einer Buchmesse präsent sind, stellen über viele Jahre vornehmlich englischsprachige Titel aus – möglicherweise, wie man mir immer wieder sagte, weil man die Hoffnung aufgegeben habe, dass sich jemand außerhalb der akademischen Welt für ein Werk in Hindi oder Malayalam interessieren könne. Natürlich kann das auch daran liegen, dass die Verlage oft gar nicht über die internationalen Rechte verfügen. Diese liegen meist bei den Autorinnen oder Autoren, die wiederum keine literarischen Agenten haben. Und so schließt sich der Kreislauf: Indische Verlage auf internationalen Buchmessen sind kommerziell wenig motiviert, weil sie von einem Lizenzverkauf keine finanziellen Vorteile haben.


Zu den Akteuren ganz besonderer Art gehört eine Organisation, die man zwischen Indien und dem Zielland (in diesem Falle Deutschland) ansiedeln könnte: das German Book Office (GBO) New Delhi, das die Frankfurter Buchmesse in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt (und mit engen Kontakten zum Goethe-Institut) betreibt. Relevant ist das GBO vor allem, weil es sich seit 2008 darum bemüht, indischen Verlegern durch Workshops und Informationsangebote aller Art die Welt des internationalen Buchhandels – und vor allem des Lizenzhandels – nahezubringen. Als wesentlichen Erfolg dieser Bemühungen kann man ansehen, dass seither die Interaktionen zwischen indischen Verlagen und Deutschland eine gewisse Steigerung erfahren haben.


Ein neuer indische Akteur, der vor einigen Jahren mit einem hohen Anspruch die internationale Szene betreten hat, trägt den programmatischen Namen Indian Literature Abroad (ILA). Die Organisation ist eine Initiative des Kulturministeriums und hat einen literarisch erlauchten Beirat (U. R. Ananthamurthy, Namita Gokhale, K. Satchidanandan, Urvashi Butalia und andere). Besonders die Autorin Namita Gokhale, die das renommierte Jaipur Literary Festival (und auch andere Literaturfestivals in Indien) mit begründet hat und sich stark für Übersetzungen engagiert (unter anderem mit dem Unternehmen Yatra), ist jedes Jahr auf mehreren Buchmessen präsent und betreibt dabei eine Art von Vernetzung, die die meisten ihrer indischen Kollegen von anderen Akteuren kaum im Ansatz kennen.


ILA kooperiert dabei im großen Stil mit den anderen Akteuren der indischen Seite im Bereich Literaturtransfer – und wiederholt dabei ähnliche kleine, aber dennoch bedeutsame Fehler bei der Information zu übersetzenswerten Titeln. Der ILA-Katalog 2011-12, in hoher Auflage auf Buchmessen im Ausland verbreitet, listet bemerkenswerte Titel auf, beschreibt sie auch kurz und oft sogar appetitanregend. Doch was ausländische Verlage wissen wollen, fehlt: Es gibt keine Information über die Rechteinhaber, keine Angaben über bisherige Übersetzungen (in welche Sprachen?) der Titel. Dabei liegen einige der aufgeführten Titel (von Mahasweta Devi und Easterine Iralu) bereits in deutscher Übersetzung vor.


Dabei ist der ILA-Katalog von 2011-12 immerhin bei weitem nicht so oberflächlich zusammengestellt wie der Rechtekatalog, den NBT zusammen mit der Sahitya Akademi für den Frankfurt-Auftritt 2006 erstellt hatte. Auch dort gab es keine Informationen zu den Fragen der Rechte, keine Angaben zu bereits vorliegenden Übersetzungen – bis hin zu der Schlampigkeit, dass sechs der 50 aufgeführten Titel bereits in deutscher Übersetzung vorlagen, ohne dass das vermerkt war.


Kein Wunder, dass kaum ein Verleger oder kaum eine Verlagslektorin derartige Kataloge sonderlich ernst nahm, selbst wenn sie sich für indische Literatur interessierten.


Veranstaltungen
Auch mit Fachveranstaltungen haben die indischen Akteure nicht sonderlich viel Glück oder kein gutes Händchen. In der Regel werden viele bunte Flyer und Pressemitteilungen erstellt, deren Verbreitung dann allerdings zu einem gewissen Teil ein Geheimnis bleibt. Oft sind die Personengruppen, für die derartige Seminare oder Workshops gedacht sind, nur in sehr geringer Zahl anwesend, derweil indische Verleger und Kulturbürokraten unter sich bleiben.


Ein typisches Beispiel war das Seminar Indian Publishing: Translating into Growth, das die Federation of Indian Publishers zusammen mit ILA, NBT, Sahitya Akademi, CAPEXIL und einigen Verlagen am 11. Oktober 2012 im Hotel Intercontinental Frankfurt veranstaltete. Eingeladen waren als Redner oder Diskussionsteilnehmer neben einer Reihe von erlauchten indischen Experten auch ein französischer literarischer Agent, ein italienischer Verleger und ein deutscher Verlagslektor mit besonderem Interesse an fremdsprachiger Literatur. Vier Programmteile waren ab 18 Uhr vorgesehen, aber zuerst einmal wurde etwa eine Stunde gegessen. Als dann der inhaltliche Teil begann, konnten die Teilnehmer feststellen, dass von den etwa 60 Anwesenden nur sechs (von den Referenten abgesehen) keine Inder waren. Mit anderen Worten: Man war unter sich – und langweilte sich entsprechend.


ILA hat natürlich neben der Information über übersetzenswerte indische Literaturen auch noch andere Programme. So sollen Übersetzer und Übersetzerinnen Zuschüsse zu ihren Projekten erhalten. In welchem Umfang das bereits geschehen ist, bleibt unklar. Die ILA-Webseite ist seit 2011 kaum aktualisiert worden.


Auch sollen Verleger Zuschüsse zu Übersetzungs- und Lektoratskosten für indische Werke beantragen können. Vorrang haben dabei Übersetzungen in die offiziellen Sprachen der Unesco (zu denen Deutsch nicht gehört). Ob tatsächlich bereits Zuschüsse gewährt worden sind, kann keiner genau sagen. Von Transparenz ist weder beim Verfahren noch bei der Veröffentlichung der Ergebnisse irgendetwas erkennbar.


Die Förderung von Übersetzungen, wie ILA sie auch ankündigt, gehört zu den klassischen Förderungsinstrumentarien, mit denen Staaten die Literatur ihres Landes im Ausland bekanntmachen wollen. Die meisten europäischen Staaten (Niederlande, Frankreich, Deutschland, aber auch viele kleinere Staaten) haben derlei zum Teil gut dotierte Programme. Indien hatte im Blick auf 2006 und die Ehrengastrolle in Frankfurt ebenfalls ein solches Förderungsprogramm aufgelegt.


Das Wesentliche, was in der Verlagsbranche davon in Erinnerung ist, hat damit zu tun, dass die Kriterien, nach denen entschieden wurde, außerordentlich unklar blieben, und dass es zum Teil länger als ein Jahr dauerte, bis per E-Mail zugesagte Zuschüsse tatsächlich angewiesen wurden. Seither herrscht trotz gegenteiliger programmatischer Erklärungen (auch von ILA) weithin Sendepause. Der verdienstvolle Draupadi Verlag hat in den letzten Jahren trotz wiederholter Vorstöße keine Zuschüsse zu den Übersetzungskosten seiner Publikationen von indischen Institutionen bekommen.


Man hört gelegentlich, ohne dass das aktenkundig würde, die Aussage von indischen Literaturfunktionären, man wolle eher die großen Publikumsverlage bedenken, weil damit auch größere Auflagen erreicht werden können. Doch die großen Häuser zeigen kein Interesse. Ob das Haus Suhrkamp nach der wenig erfolgreichen Veröffentlichung von Alka Saraogis Roman Umweg nach Kalkutta im Jahre 2006 durch einen Zuschuss dazu bewegt werden kann, erneut einen Roman aus dem Hindi zu publizieren, erscheint mir höchst zweifelhaft. Anders ausgedrückt: Das groß angekündigte Förderungsprogramm für Übersetzungen durch indische Institutionen entbehrt jeglicher Transparenz. Unklar ist, ob jemals Fördermittel für Übersetzungen ins Deutsche fließen werden.


litprom, die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e. V., eine ganz besondere literarische Agentur und Lobby im Umfeld der Frankfurter Buchmesse, betreibt seit 1984 ein Programm zur Förderung von Übersetzungen aus literarisch interessanten Ländern des Südens. Bis 2013 sind mehr als 660 Titel gefördert worden, darunter 37 Werke aus Indien. Von den geförderten Werken sind immerhin 13 aus dem Feld der indischen Regionalsprachen, denen besonders in den letzten Jahren – seit der Gründung des Draupadi Verlags – das Augenmerk des Programms galt.


Wenn schon ein literarischer Riese wie Indien seine Hausaufgaben zur Vermittlung interessanter und wichtiger Werke nicht oder nur unzulänglich macht, so scheint es doch immer noch Korrektive zu geben, selbst wenn sie in Frankfurt residieren und nicht in Neu-Delhi. Doch das reicht natürlich nicht. Wichtig wäre eine engagierte Initiative zur Qualifizierung von Übersetzern aus indischen Regionalsprachen und ein Professionalisierungsschub bei der Literaturvermittlung aus Indien. Die indische Literatur verfügt noch über viele Schätze, die ungehoben auf dem Meeresgrund liegen. Es ist an der Zeit, sie zu heben.


Liste der von litprom geförderten Titel

http://litprom.de/service/uebersetzungsfoerderung/gefoerderte-titel-asien.html



Zum Autor
Peter Ripken (geboren 1942) war Journalist und Mitbegründer der Anti-Apartheid-Bewegung in Deutschland und leitete die Informationsstelle Südliches Afrika (issa). Er war über 20 Jahre lang Geschäftsführer der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e. V./Frankfurt und bis 2009 Leiter des Internationalen Zentrums bei der Frankfurter Buchmesse.

Südasien 3/2013