Shimon Lev
Hitlers steinernes Herz zum Schmelzen bringen
Gandhis Haltung zum Holocaust

Der Holocaust wirft die Frage auf, ob die Strategie der Gewaltfreiheit in Mahatma Gandhis Philosophie auch dann in irgendeiner Weise relevant ist, wenn sie mit extrem brutalen und gnadenlosen Doktrinen und den entsprechenden Praktiken konfrontiert wird.

Gandhis öffentliches Wirken begann am Ende des 19. Jh. in Südafrika. Dort begann er gemäß den Prinzipien des Satyagraha mit einem gewaltfreien Kampf um die Rechte der Inder. Er rief zum Festhalten an der Wahrheit auf und führte zivilen Protest und Ungehorsam durch gewaltfreien Widerstand an, wodurch Menschenwürde und Selbstachtung der Opfer erhalten blieben.


In Gandhis Sicht unterscheidet sich Satyagraha fundamental von der Gewaltlosigkeit der Schwachen und Duldsamen, die ihr Schicksal hinnehmen, sich als hilflos ansehen und daher unfähig sind, Widerstand zu leisten. Satyagraha bietet dagegen ein Modell aktiven und kraftvollen gewaltfreien Widerstands. Dazu gehören persönliche und seelische Stärke sowie ein striktes Beharren auf der Wahrheit und auf gerechten, wahrhaftigen Prinzipien.


Die Frage der Wirksamkeit eines gewaltfreien Kampfes ist noch heute relevant für die Probleme, mit denen sich die jüdische Welt nach dem Holocaust und angesichts des gewaltsamen Kampfs im Mittleren Osten auseinanderzusetzen hat.


Satyagraha und Kiddusch Haschem (Märtyrertum) – Ähnlichkeiten und Unterschiede
Das Judentum hat eine reiche Tradition des Märtyrertums – Kiddusch Haschem. In langen Perioden der Verfolgung kam es oft vor, dass die Juden sich entschlossen, lieber zu sterben, als sich der Sklaverei auszuliefern. In Bezug auf die Fähigkeit und Bereitschaft, für die Wahrheit und den Glauben einzustehen, stimmen die beiden Konzepte überein.


Ursprünglich bezieht sich die Forderung zum Märtyrertum nur auf drei Gebote: Inzest, Götzenanbetung und Mord. Die übrigen jüdischen Gesetze durften übertreten werden, wenn es ansonsten den eigenen Tod bedeuten würde. Die Rechtsgrundlage dafür bietet das 3. Buch Mose 18.5: „Ihr sollt auf meine Satzungen und meine Vorschriften achten. Wer sie einhält, wird durch sie leben.“ (Einheitsübersetzung) Dies wurde im Talmud (Yoma, 85b) als „nicht durch sie sterben“ interpretiert. Maimonides schrieb dennoch, in Zeiten, wenn die Missachtung eines Gebots ein weithin sichtbares schlechtes Beispiel setzen würde, sei die Pflicht zum Märtyrertum auf alle religiösen Regeln und Gesetze auszuweiten.


In seinem tieferen Sinn bedeutet Satyagraha eine persönliche Transformation des Opfers, die auch darauf abzielt, beim Gegner eine spirituelle Transformation zu bewirken. Die jüdische Tradition des Kiddusch Haschem setzt dagegen erst dann ein, wenn alle Möglichkeiten physischen und gewaltsamen Widerstands ausgeschöpft sind oder wenn jeder Fluchtversuch gescheitert und die Situation absolut hoffnungslos ist. Ein weiterer Unterschied zwischen Satyagraha und Kiddusch Haschem liegt darin, dass passiver Widerstand dem Opfer erlaubt, seine negativen Emotionen einzusetzen, wohingegen Satyagraha im Sinne Mahatma Gandhis sanft und behutsam sein sollte. Er darf andere nicht verletzen und darf nicht von Zorn und dem Wunsch nach Rache getrieben sein.


Kraft und Erfolg von Satyagraha beruhen auf seinen Motiven und wahren Absichten. Gewaltloser Kampf und gewaltloser Widerstand können auch auf der Grundlage eines unrechten Prinzips stattfinden, aber dann haben sie keinen moralischen Wert mehr. Außerdem kann sogar ein gewaltfreier Kampf, der von gerechten und moralischen Prinzipien getragen ist, äußerliche Motive in sich bergen, wie eine von persönlichem Egoismus oder dem Verlangen zu siegen getragene Gier nach dem Ergebnis. Der Zweck eines Satyagraha-Kampfs ist nicht, den Gegner zu besiegen, sondern in ihm eine Transformation zu bewirken.


Elazar ben Yair und seine zweite Rede in Massada
Josephus Flavius, der berühmte jüdische Ex-Anführer einer Rebellion, der 76-79 n. Chr. in Rom Die Geschichte des jüdischen Krieges schrieb, verwies auf die Haltung der Inder zu Leben und Tod als einem Beispiel, dem man folgen solle. Flavius nutzt den Archetypus der bekannten Überlieferung von einem gewissen Calanus, einem indischen Weisen, der im Gefolge Alexanders des Großen aus Nordindien nach Mesopotamien kam. Darin heißt es, Calanus habe sich selbst vor den Augen Alexanders auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Flavius greift das indische Modell des Calanus auf, indem er Ben Yair Worte in den Mund legt, die ein Beispiel von Selbstverbrennung nach dem Muster des indischen Weisen beschreiben. Ben Yair war Kommandant der jüdischen Aufständischen, die sich im Kampf gegen die Römer im Jahr 73 n. Chr. in der Wüstenfestung Masada verschanzt hatten. Er bemühte sich, seine Kameraden zu einem kollektiven Selbstmord zu bewegen, um nicht den römischen Soldaten in die Hände zu fallen. Laut Flavius wandte sich Ben Yair in zwei Reden an sie. In seiner ersten Rede betonte er die Idee eines „edlen Todes“. Es sei besser, als freier Mensch einen ehrenhaften Tod zu sterben, als in der Sklaverei zu überleben. Es gelang ihm mit dieser Rede aber nicht, seine Zuhörer zu überzeugen.


In seiner zweiten Rede führt er die Idee der Unsterblichkeit der Seele ein und unterstreicht, dass die Seele während des Lebens im Körper eingesperrt sei. Erst im Tod werde sie befreit. Als Beispiel richtet er den Blick nach Indien: (Josephus Flavius, Die Geschichte des jüdischen Krieges II, VII. S. 351-56).


„Blicken wir auf jene Inder, die sich zu dieser Philosophie bekennen und sie praktizieren. Es sind wahrhaft mutige Männer, die dieses Leben als eine Art Dienst betrachten, den wir der Natur zu leisten haben. Sie unterziehen sich ihm nur zögernd und beeilen sich, ihre Seelen aus den Körpern zu befreien… Sie übergeben ihre Leiber den Flammen, damit die Seele so rein wie möglich sei, wenn sie sich vom Körper trennt, und während sie sterben, singt man Lobeshymnen auf sie.“


Das Ende der Geschichte ist bekannt. Die Aufständischen metzelten zuerst Frauen und Kinder nieder, und dann sich gegenseitig. In modernen Zeiten diente der Hinweis auf das vorbildliche Verhalten der notfalls zur Selbsttötung bereiten Inder unbewusst als hilfreiches Mittel, den Masada-Mythos für die zionistische Bewegung aufzubauen, der für Tapferkeit und ein festes Einstehen für die eigene Freiheit stand. Dieses Konzept, das der Erschaffung des Staates Israel zugrunde lag, wurde nach dem Holocaust stark betont. Es war die Basis des Slogans „Masada soll nicht noch einmal fallen“. Die jüdischen Bürger Israels sollten fest zusammenstehen und im Gegensatz zu dem, was in Europa geschah, bis zum letzten Atemzug gegen zukünftige Aggressoren kämpfen.


Gandhis Proklamation über die Juden und die Reaktionen darauf
Gandhi formulierte seine Proklamation zur Palästinafrage und seiner Haltung zu Hitler am 11. November 1938. Er beginnt seinen Artikel, indem er die besonderen Beziehungen zu seinen jüdischen Freunden erwähnt, die er in Südafrika kennengelernt hat:


Den Juden gilt meine ganze Sympathie. Ich habe sie in Südafrika gut kennengelernt. Einige sind Gefährten für das ganze Leben geworden. Durch diese Freunde erfuhr ich viel von ihrer Verfolgung über lange Zeiträume. Sie waren die Unberührbaren der Christenheit.


Bezüglich der Situation in Deutschland rät Gandhi den Juden, gegen Hitler und seine Taten, die er als „Taten eines verrückten, aber tapferen jungen Mannes“ bezeichnet, Satyagraha einzusetzen.


Die deutsche Unterdrückung der Juden scheint jedoch in der Geschichte einzigartig. Nie wurden die Tyrannen früherer Tage so verrückt, wie Hitler offensichtlich geworden ist… Wenn es überhaupt einen gerechten Krieg im Namen der Menschlichkeit und zum Wohle der Menschheit gäbe, wäre ein Krieg gegen Deutschland zur Verhinderung der frevelhaften Verfolgung einer ganzen Rasse vollkommen gerechtfertigt. Aber ich glaube überhaupt nicht an Krieg.


Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass Gandhi, als er im 1. Weltkrieg aus Südafrika nach England und später nach Indien kam, sich darum bemühte, die Kriegsanstrengungen des Staates nach dem Modell des Indian Ambulance Corps zu unterstützen, das er zuerst während des Burenkrieges und später während der „Zulu-Rebellion“ 1906 ins Leben gerufen hatte. Anders als in diesen früheren Kriegen riet Gandhi ausgerechnet beim Widerstand gegen Hitler zu völligem Pazifismus. Dabei sah er sogar die konkrete Möglichkeit des Massakers an den europäischen Juden voraus –und hebt trotzdem den inneren Wert seines Prinzips für das Opfer selbst hervor:


Ich würde mich weigern, ausgewiesen zu werden oder mich diskriminierender Behandlung zu unterwerfen. Und dafür würde ich nicht darauf warten, dass meine Mit-Juden sich meinem zivilen Ungehorsam anschließen, sondern ich würde darauf vertrauen, dass die anderen schließlich gar nicht umhin können, meinem Beispiel zu folgen. Wenn ein Jude oder alle Juden dem hier aufgezeigten Rezept folgten, könnte es ihnen keinesfalls schlechter gehen als jetzt.


Gandhi greift auf seine Erfahrungen während der Satyagraha-Kampagnen in Südafrika zurück und behauptet, die Juden in Deutschland seien sogar in einer besseren Position für Satyagraha. Er ignoriert die fundamentalen Unterschiede zwischen der Lage der Juden in Deutschland und der Lage der Inder in Südafrika und schreibt:


Die Juden in Deutschland können unter eindeutig besseren Bedingungen als die Inder in Südafrika Satyagraha leisten. Die Juden sind eine kompakte, homogene Gemeinschaft in Deutschland. Sie sind viel begabter als die Inder in Südafrika. Und hinter ihnen steht die ganze organisierte Weltmeinung. Ich bin überzeugt, wenn unter ihnen jemand mit Mut und Weitblick sie in gewaltfreier Aktion anleitete, würde der Winter ihrer Verzweiflung sich im Nu in den Sommer der Hoffnung verwandeln.


Reaktionen jüdischer Intellektueller auf Gandhis Artikel
Die erste Reaktion kam von Avraham Sohet, dem Herausgeber der Zeitung Jewish Advocate in Bombay. Er wies scharfzüngig drauf hin, dass Gandhi endlich „sein seltsames Schweigen“ über die Geschehnisse in Europa gebrochen habe. Nach Sohet war Gandhi entweder falsch informiert oder ahnungslos über das, was in Europa und Palästina vor sich ging. Daher sei seine Ansicht bestenfalls naiv und schlimmstenfalls „tragisch widersprüchlich“. Gandhis Vergleich zwischen den Juden und den indischen Unberührbaren übersehe einen entscheidenden Punkt: Anders als die Inder hätten die Juden kein Heimatland.


Zwei Bewunderer Gandhis waren Yehuda Leon Magnes, ein Führer der jüdischen Reformbewegung und Rektor der Hebräischen Universität und der berühmte jüdische Philosoph Martin Buber. Niemand hätte enttäuschter sein können als sie, da Gandhis Lehre sich bestens mit ihrem Festhalten an Frieden und Koexistenz und ihrem Bemühen um einen politischen Kompromiss mit den Arabern in Palästina vertrug. Zudem traten Buber und Magnes für einen binationalen Staat ein, ähnlich wie Gandhi für ein multikulturelles Indien einstand. Sie glaubten, Gandhis Opposition gegen den Zionismus sei einseitig, und verwiesen beide in Briefen auf sein mangelndes Verständnis der Geschehnisse in Nazi-Deutschland, das sie zu einer Antwort zwang.1


Es war untypisch für Gandhi, solche Briefe nicht zu beantworten, daher scheint es, als hätte er sie bedauerlicherweise nie gelesen. In ihrer Antwort auf Gandhi erheben Buber und Magnes keine Einwände gegen das Prinzip des Satyagraha an sich, aber sie argumentierten, dass die extremen Umstände in Deutschland es unmöglich machten, diesen Weg zu beschreiten. Ein solches Vorgehen würde nicht zu positiven Resultaten führen, sondern nur zu einem massenhaften Töten. In ihrer Sicht erkannte Gandhi nicht den fundamentalen Unterschied zwischen dem deutschen Übel und der früheren Situation in Südafrika.


Buber, der selbst erst wenige Monate zuvor aus Deutschland entkommen war, hebt die Unterschiede zwischen den beiden Regimes hervor und führt seine fünfjährige persönliche Erfahrung mit dem Nazi-Regime ins Feld. Er argumentiert, dass eine jüdische Führung in Deutschland, die Gandhis Führerschaft in Südafrika vergleichbar wäre, unmöglich erwachsen könne:


Mahatma, wissen Sie, was ein Konzentrationslager ist und wie es darin zugeht, oder wissen Sie es nicht? Kennen Sie die Foltermethoden in den KZs, die Methoden des langsamen und schnellen Mordens? … Und glauben Sie vielleicht, ein Jude in Deutschland könnte auch nur einen einzigen Satz einer Rede halten wie Sie, ohne sofort zusammengeschlagen zu werden? … Das Word Satyagraha bedeutet Zeugnis ablegen. Zeugnis, das nicht zur Kenntnis genommen wird, wirkungsloses, unsichtbares Märtyrertum, ein in den Wind geworfenes Märtyrertum – das ist das Schicksal zahlloser Juden in Deutschland. Niemand als Gott nimmt ihnen dieses Zeugnis ab, nur Gott „versiegelt“ es.


Bubers Standpunkt ist klar: Es kommt entscheidend auf die Umstände an. Kann Satyagraha unter allen gegebenen Umständen funktionieren? Buber verlangt, dass bei jeder Angelegenheit ihre besonderen Bedingungen zu beachten und abzuwägen sind. Persönlich lehnt er Gandhis Philosophie der Gewaltlosigkeit keineswegs pauschal ab. Er weigert sich allerdings, sie blindlings anzuwenden.


Buber fährt fort und gibt zu, dass es im Judentum trotz der jahrzehntelangen Verfolgung der Juden keine Philosophie der Gewaltfreiheit gibt. Die jüdische Lösung zur Abschaffung von Gewalt ist in der Moral- und Gerechtigkeitslehre der hebräischen Propheten zu finden, die als eine Barriere gegen die Gewalt dient.


Anders als Jesus, der Sohn unseres Volkes, und als Sie haben wir keine Lehre der Gewaltfreiheit verkündet, denn wir glauben, dass ein Mann bisweilen Gewalt anwenden muss, um sich selbst und vor allem seine Kinder zu retten. Aber seit undenkbaren Zeiten haben wir die Lehre von Gerechtigkeit und Frieden verkündet; wir haben gelehrt und haben gelernt, dass Frieden das Ziel der ganzen Welt ist, und dass dieses Ziel durch Gerechtigkeit zu erreichen ist.


Magnes Brief
Magnes erkannte den fundamentalen Unterschied zwischen Gandhis Ansatz, demzufolge er „den Tod nicht fürchtet“ und dadurch andere Möglichkeiten des Handelns gewinnt, und dem jüdischen Gesetz, das das Leben heiligt. Dennoch betonte er, dass die Juden eine lange Geschichte des Märtyrertums hätten und dass niemand sie über das Leiden zu belehren habe. Er schrieb:


Wenn je ein Volk durch die Jahrhunderte hindurch Gewaltfreiheit übte, so waren es die Juden. Ich denke, dass sie in Bezug auf Glauben an ihren Gott und Bereitschaft zu leiden, während sie Seinen Namen heilig halten, von niemandem viel zu lernen haben.


Magnes hebt zu Recht hervor, dass Gandhi ein sehr praktischer Führer war und dass alle Satyagraha-Kampagnen sorgfältig in Bezug auf öffentliche, mediale und politische Aufmerksamkeit geplant waren. Die Situation in Deutschland sei eine vollkommen andere. Dort gebe es keinerlei Möglichkeit, öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen. „Die Straßen sind dieselben. Das Geschäft geht seinen normalen Gang, der beiläufige Besucher sieht nichts… Das Leben ist ausgeblasen wie eine Kerze“, schrieb er.


Wie zuvor erwähnt, antwortete Gandhi nicht auf Bubers und Magnes‘ Bedenken, aber in seiner Zeitschrift Harijan antwortete er auf Hayim Greenberg, den Herausgeber der amerikanischen sozialistisch-zionistischen Jewish Frontier.2


In seiner Antwort erklärte Gandhi, er habe seine Ansichten nicht veröffentlicht, um die Juden zu kritisieren, sondern vielmehr weil seine jüdischen Freunde ihn zum Schreiben gedrängt hätten und er nicht darauf verzichten könne, seine Meinung zum Ausdruck zu bringen. Gandhi akzeptiert die Aussage, dass ein jüdischer Anführer, ein „jüdischer Gandhi“ in Nazi-Deutschland nicht mehr als fünf Minuten wirken könnte, bevor man ihn umbrächte. Doch in seinen Augen untergräbt dies nicht die Zweckmäßigkeit der Gewaltfreiheit, deren Wirkung auf lange Sicht zu bewerten sei.


Gandhi beharrte auf seiner Position und keine der Informationen darüber, was in Deutschland geschah, konnte ihn von seiner Überzeugung abbringen, dass gewaltfreier Widerstand in dieser Situation richtig und rechtens sei. Gandhi zufolge musste Hitler irgendwann auf „Beweise der Liebe“ reagieren. Im Januar 1939 schrieb er: „Auch wenn das Herz Herrn Hitlers oder der Deutschen sich noch nicht erweichen ließ, verzweifle ich nicht.“ Darüber hinaus beschuldigte Gandhi das jüdische Volk, nie den Versuch gemacht zu haben, nach den Prinzipien des Satyagraha zu handeln. Zum Beweis präsentierte er die von ihm so bezeichnete Forderung des Weltjudentums, dass die Länder des Westens sich zusammenschließen und gegen Deutschland allgemein mobil machen sollten. Er schrieb:


Nimmt man nicht allgemein an, sie glaubten an „Auge um Auge, Zahn um Zahn“? Empfinden sie in ihren Herzen keine Gewalt gegen ihre Unterdrücker? Wollen sie nicht, dass die sogenannten demokratischen Kräfte Deutschland für ihre Verfolgung bestrafen und sie von der Unterdrückung befreien? (Harijan, 17. Dezember 1938.)


Als er diese Anklage las, war Gandhis jüdischer Freund Henry S. Polak, einer seiner wichtigsten Unterstützer in Südafrika, empört und verlangte, Gandhi solle Beweise für seine Behauptungen liefern.


Gandhi schrieb in seinem Artikel „Keine Entschuldigung“ (Harijan, 18. Februar 1939), dass alle Zeitungen, die ihm in die Hände kämen, beschrieben, wie die leidenden Juden die Nationen aufforderten, ihretwegen zu kämpfen.


Zur Stützung seines Arguments behauptete Gandhi, sogar Hermann Kallenbach, ein Mann, der damals aus vollem Herzen an Gewaltfreiheit glaube, Hitler nicht lieben könne. Er fragte: „Wenn schon Kallenbach die Nazis nicht lieben kann, wie sollen dann andere Juden es fertigbringen?“


Ich habe einen jüdischen Freund, der bei mir lebt. Er ist intellektuell von der Gewaltfreiheit überzeugt. Aber er sagt, für Hitler beten könne er nicht. Er ist so voller Zorn über die deutschen Gräueltaten, dass er über sie nicht zurückhaltend sprechen kann. Ich streite mit ihm nicht über seinen Zorn. Er möchte gewaltfrei sein, aber die Leiden seiner Mit-Juden sind mehr, als er ertragen kann. Was für ihn zutrifft, stimmt auch für tausende Juden, die nie auch nur daran gedacht haben „den Feind zu lieben“. Für sie, wie für Millionen andere, ist „Rache süß, Vergeben göttlich“.


Das ist ein sehr interessantes Zitat. Man kann sich den armen Kallenbach vorstellen, wie er damals in Gandhis Ashram saß, während das Dilemma ihm das Herz zerriss. Polak wiederholte die Aufforderung, Gandhi solle entweder Beweise liefern oder sich entschuldigen.


Gandhi beauftragte zwei ihm loyale Sekretäre, Pyarelal Nayar und Mahadev Desai, um in den Zeitungen Beweise dafür zu finden, dass die Juden zu einem Krieg gegen Deutschland aufriefen, aber sie fanden keine. Zu Gandhis Ehren ist festzustellen, dass er einen Widerruf veröffentlichte und schrieb: „Das muss ich bedingungslos zurücknehmen. Ich hoffe nur, dass meine Bemerkung keinem einzigen Juden geschadet hat.“ (Harijan, 27. Mai 1939).


Dies ist eine lehrreiche Begebenheit, denn sie illustriert Gandhis verzerrtes Bild des Judentums. Er sah das Judentum im Wesentlichen mit protestantisch-christlichen Augen, wenn er auch eindeutig frei von Antisemitismus war. Gandhi war in seiner Haltung folgerichtig, er sah Gewaltfreiheit als Bedingung und wichtigstes Element des Satyagraha. Diesen Rat gab er nicht nur den Juden, sondern auch den Tschechen, Engländern und anderen europäischen Völkern.


Gandhis Brief an Hitler
Gandhis Denken und Handeln entsprang seinem tiefen Glauben an Gewaltfreiheit und die Prinzipien des Satyagraha, denen zufolge man alles irgend Mögliche tun muss, seinen Feind rücksichtsvoll zu behandeln und ihn auch in Konfliktsituationen zu verstehen. In diesem Brief, den Gandhi abzuschicken zögerte und den dann die britische Postaufsicht einbehielt, schrieb er:3


Lieber Freund,
meine Freunde haben mich gedrängt, Ihnen um der Menschheit willen zu schreiben … Es ist ganz klar, dass Sie heute die einzige Person auf der Welt sind, die einen Krieg verhindern kann, der die Menschheit vielleicht ins Stadium der Barbarei zurückwirft. Müssen Sie wirklich diesen Preis für ein Ziel bezahlen, wie würdig es Ihnen auch erscheinen mag?


Gandhis Versuch, Hitler vom Wert der Gewaltfreiheit zu überzeugen, belegt einen Mangel an politischem Realitätsinn. Zu dem Zeitpunkt war der Krieg auf dem europäischen Schauplatz noch nicht ausgebrochen und es herrschte noch Hoffnung, ihn verhindern zu können. Der Hauptpunkt ist: Auch wenn es Gandhi klar war, dass sein Schritt vergeblich war, blieb ihm nach den Prinzipien des Satyagraha keine andere Wahl, als diesen Brief zu schicken. Dass Gandhi Hitler als „Lieber Freund“ anredete, muss im Licht des Satyagraha verstanden werden.


Festzuhalten bleibt auch, dass einer der wichtigen Grundsätze, die Gandhi aus der Bhagavad-Gita übernahm, lautet: Während man eine Handlung vorbereitet, sollte man sich über ihre Effektivität keine Gedanken machen. Deshalb musste er an Hitler schreiben, ohne den möglichen Erfolg dieser Tat zu bewerten.
Gandhis zweiter Brief an Hitler war ein offener Brief. Er wurde am Heiligabend 1940 veröffentlicht, als die deutschen Truppen auf dem Höhepunkt ihres Erfolges standen. Zu Beginn des Briefs erklärt Gandhi, warum er Hitler „Lieber Freund“ nennt: „Ich habe keine Feinde. Mein Anliegen im Leben während der letzten 33 Jahre war es, die Freundschaft der ganzen Menschheit zu gewinnen, ohne Ansehen von Rasse, Hautfarbe oder Religion.“


Gandhi erklärt Hitler in dem Brief, dass die Situation Indiens einzigartig sei, und dass Indien den britischen Imperialismus wie auch die Nazis ablehne. Nach Gandhi kann Gewaltfreiheit sogar die stärksten Kräfte in der Welt besiegen. Jeder gewaltsam errungene Sieg werde dagegen durch eine andere, stärkere Kraft zunichte gemacht. „Wenn nicht die Briten, wird mit Sicherheit eine andere Macht Ihre Methoden verbessern und Sie mit Ihren eigenen Waffen schlagen.“ Diese Voraussage erwies sich als wahr.


Gandhis Schweigen nach dem Holocaust
Eins der Rätsel in dieser Schilderung ist Gandhis Schweigen in den folgenden Jahren und besonders nach 1945, als das ganze Ausmaß der Katastrophe des jüdischen Volkes bekannt wurde. Ein Hauptgrund für sein Schweigen über den Holocaust mag gewesen sein, dass er Kallenbach gegenüber, der im März 1945 in Südafrika starb, nicht länger persönlich verpflichtet war. Gandhis einzige Bemerkung über die Auslöschung der Juden im Holocaust taucht in der von Louis Fischer verfassten Biographie auf und ist von größter Bedeutung.4


„Hitler“, sagte Gandhi, tötete fünf Millionen Juden. Es ist das größte Verbrechen unserer Zeit. Aber die Juden hätten sich selbst dem Schlachtermesser darbieten sollen. Sie hätten sich von den Klippen ins Meer stürzen sollen… Das hätte die Welt und die Deutschen wachgerüttelt... So wie es lief, erlagen sie ohnehin millionenfach.“


Gandhis Glaube an die Gewaltfreiheit war unerschütterlich, aber er wiederholte nicht sein Argument, dass es möglich sei, „Hitlers steinernes Herz“ durch Satyagraha zum Schmelzen zu bringen. Sah er ein, dass mit Satyagraha gegen die Nazis nichts auszurichten war? Ich glaube fest daran, dass dies zu verneinen ist und dass nichts Gandhis moralischen Standpunkt hätte ändern können. In meinen Augen zielte Gandhi mit dieser Formulierung auf etwas anderes. Verdeckt klagt er die Juden an, wie auch viele Juden des Yischuw Palästinas (in Palästina angesiedelte Juden): Er warf ihnen vor, passiv geblieben zu sein und sich wie die sprichwörtlichen Lämmer zur Schlachtbank haben führen lassen.


Im Rückblick ist es allerdings leicht, Gandhis verstörendes Argument der Form halber zu entkräften: War eine gewaltfreie jüdische Bewegung und „Kooperation“ mit den Nazi-Unterdrückern in der Mitte der 30er Jahre möglich? Können wir uns vorstellen, dass die Juden sich geweigert hätten, den gelben Stern zu tragen? Können wir uns vorstellen, dass sie sich Befehlen widersetzt hätten? Wäre das überhaupt möglich gewesen?


In Bezug auf den Holocaust ist es äußerst fraglich, ob die Methode der Gewaltfreiheit gegen so monströse böse Kräfte, die sich von allem unterschieden, was Gandhi kannte, wirksam ist, oder ob Satyagraha nur gegen Regimes Erfolg haben kann, in denen ein halbwegs zivilisiertes und humanes Recht existiert.


Nach dem Holocaust sprachen viele Überlebende und jüdische Führer vom Konzept des Kiddusch Hahyim (Heiligung des Lebens) als dem wahren Wert von Kiddusch Haschem. Das bedeutet, dass der Kampf und die Fähigkeit, Gettos und Konzentrationslager unter dem extrem bösen Regime der Nazis zu überleben, ein Akt von Kiddusch Hahyim und der wahre Sieg über die Nazis gewesen sei. Dieses Konzept betont die enorme, unüberbrückbare Kluft zwischen den Haltungen Gandhis und der jüdischen Welt zu Leben und Tod.


Wir müssen uns aber daran erinnern, dass Gandhi nicht Gandhi wäre, wenn er nicht an seinen Ideen festgehalten hätte. Entweder man akzeptiert seine Satyagraha-Strategie als Alternative zur Auseinandersetzung mit jeder Art von Unterdrückung, oder man kann sie für lächerlich, naiv, komisch, halluzinatorisch und zornerregend halten, wie es viele Leute tun. Der Holocaust ist vielleicht die große Herausforderung für den Gandhianismus im Allgemeinen. Der Holocaust als extremstes Beispiel für Massenmord verdeutlicht das Dilemma und die Frage, ob Satyagraha unter solchen Umständen ein wirksames Mittel sein kann. Die Frage bleibt offen.


Übersetzung aus dem Englischen von Reinhold Schein.


Endnoten
1 Martin Buber und J.L. Magnes: Zwei Briefe an Gandhi, Jerusalem, April 1939.
2 Harijan, 22. Mai 1939.
3 CWMG Vol 76, S. 156, 23. Juli 1939.
4 Fischer, Louis, The Life of Mahatma Gandhi, Granada 1984, S. 435.

Zum Autor
Shimon Lew (geboren 1962) ist Doktorand an der Hebräischen Universität in Jerusalem (Thema der geplanten Dissertation: The cultural and political meeting between the Jewish world and the Indian World – A comparative research in the light of the development of the Indian and Zionist national movements.) Er arbeitet außerdem als Photograph, bildender Künstler und Autor. 2012 erschien sein Buch über die Freundschaft von Mahatma Gandhi zu Hermann Kallenbach unter dem Titel Soulmates (Verlag Permanent Black, New Delhi).

Südasien 3/2013