Claudia Koenig
Editorial Südasien 4/2013

Unser Titelbild zeigt ein kleines Mädchen in Westbengalen, das den Deckel einer Ziegelform abnimmt. Ihr entfärbtes Haar ist ein Zeichen von Unterernährung und Vitaminmangel; die Ziegel im Hintergrund sind die Leistung eines langen Arbeitstages.


Wer je in einer indischen Ziegelei oder einem Steinbruch mit bonded labourers gesprochen hat, wird solche Bilder nicht vergessen: Kinder, die für den Besitzer arbeiten, weil ihre Eltern bei ihm verschuldet sind. Diesen Kindern wird ihre Kindheit gestohlen: Die Schulausbildung, die ihnen gesetzlich zusteht, findet nicht statt. Sie sind von der schweren Arbeit übermüdet, sodass Unfälle, Verletzungen und bleibende Behinderungen ihr tägliches Risiko sind. Die Schulden der Eltern werden teils an sie vererbt.


In diesem Heft untersucht Tamara Enhuber kenntnisreich die Ursachen und Erscheinungsformen dieser Form von moderner Sklavenarbeit. Sie ist beileibe keine Rand­erscheinung: Schätzungen internationaler Organisationen gehen von mindestens zehn Millionen Betroffenen allein in Indien aus. Enhuber zeigt, dass bonded labour viele Gesichter hat. Und sie schildert den rechtlichen Rahmen, denn die sogenannte Schuldknechtschaft ist verboten. Wer die Hintergründe der Befreiungskämpfe der bonded labourers verstehen und eine differenzierte Darstellung aus zivilgesellschaftlicher Perspektive lesen will, findet im ergänzenden Artikel Jeevika das nötige Material dazu. Beide Artikel zu bonded labour möchte ich all jenen ans Herz legen, die beruflich mit Indien zu tun haben und sich mit den tausendfachen dorti­gen Menschenrechtsverletzungen auseinandersetzen.


Auch die selbstorganisierte Arbeit im informellen Sektor gehört zum Überlebenskampf der Armen. Evi Lemberger und Adnan Wahid waren bei den Recyclers in Dhaka, Bangladesch. Sie haben diesen Menschen zugehört und in einer Hommage an sie deren Schicksale und Zukunftsträume aufgeschrieben.


Berufsausbildung gilt als Schlüsselthema der Armutsbekämpfung. Viele Nichtregierungsorganisationen und staatliche Stellen bieten deshalb Kurse zur Qualifizierung junger Menschen an – im formellen wie auch informellen Sektor. Doch viele dieser Ausbildungskurse sind nicht zertifiziert, weshalb die Absolventen schlechte Chancen auf dem Arbeits­markt haben. Unser Autor Ralf Lange, Berufsbildungsexperte von FAKT in Stuttgart, fordert daher, berufliche Kenntnisse, ob am Arbeitsplatz informell oder in einer Berufsbildungseinrichtung erworben, zu zertifizieren und somit die Anerkennung beruflicher Kompetenzen zu verbessern.


Das zweite große Thema dieses Hefts sind die Wahlen in verschiedenen südasiatischen Ländern. In Bhutan waren sie im Juli 2013 beeinflusst vom Engagement der über 100.000 zwangsvertriebenen Exilbhutaner und deren Kampf um Wiedergutmachung. Alle Bürger, die Verwandte oder Bekannte in den Flüchtlingslagern – zum Beispiel in Nepal – hatten oder haben, waren von der Wahl ausgeschlossen, berichtet E.C. Wolf.


Thomas Döhne meldet sich mit einer Einschätzung der turbulenten vergangenen Wochen in Nepal zu Wort. Dort wurde im November die zweite Verfassunggebende Versammlung gewählt – nach Ansicht zahlreicher internationaler Wahlbeob­achter waren es weitgehend freie, faire und gut organisierte Wahlen. Das Ergebnis: Die Mehrheitsverhältnisse haben sich drastisch verschoben zugunsten der beiden etablierten Parteien der „demokratischen Mitte“. Mit diesem Vertrauensvorschuss stehen sie nun vor der Aufgabe, rechtsstaatliche Normen durchzusetzen und eine Verfassung zu verabschieden, die als stabile Grundlage für einen demokratisch verfassten gender-, ethnisch- und sozial-inklusiven Staat dienen kann.


Mitte Januar 2014 sollen die Bürger Bangladeschs das zehnte Parlament ihres Landes wählen. Dirk Saam von NETZ BANGLADESCH nimmt die Debatten um die Übergangsregierung aufs Korn.


In Afghanistan ist die dritte Präsidentenwahl seit dem Sturz des Taliban-Regimes für den 5. April 2014 geplant. Auch der Bruder des aktuellen Amtsinhabers, Qayyum Karsai, ist einer der 23 Kandidaten. Aus diesem Anlass blickt Otmar Steinbicker auf die politischen Geschehnisse der vergangenen 35 Jahre in Afghanistan zurück und fragt nach den Chancen für den Frieden angesichts des für 2014 geplanten Abzugs der internationalen Truppen.


Und die Vorboten der für Mai 2014 geplanten Wahlen zur Lok Sabha in Indien? „Indien steht vor einem Machtwechsel“, schrieb Theo Sommer am 11. November 2013 in der ZEIT. „Die Kongresspartei des Gandhi-Clans schwächelt. Im Frühling dürften die Hindu-Nationalisten um Narendra Modi die Parlamentswahl in Indien gewinnen.“ Ob sich diese Vorhersage verdichtet, darüber berichten wir im nächsten SÜDASIEN-Heft.


In diesem Heft warten weitere interessante Artikel sowie unsere Rubrik zur Gegenwartsliteratur und vier Rezen­sionen auf Sie.

Südasien 4/2013