Stefan Mentschel
„Wasser ist keine Ware, Wasser ist Leben“
Waterman Rajendra Singh über Gefahren der Privatisierung eines öffentlichen Gutes

Rajendra Singh ist einer der bekanntesten indischen Umwelt- und Bürgerrechtsaktivisten. Seit Jahrzehnten kämpft er für den Schutz der Ressource Wasser. Im Bundesstaat Rajasthan haben er und seine Organisation Tarun Bharat Sangh seit 1985 in Modellprojekten immer wieder gezeigt, wie Menschen auf lokaler Ebene ökologisch und politisch verantwortungsvoll mit Wasser umgehen können. Jetzt will der Waterman in ganz Indien für ein Umdenken bei Bevölkerung und politischen Entscheidungsträgern werben. Stefan Mentschel hat ihn in Delhi getroffen.

Rajastan: Aufruf zum Wassersparen (c) germeister bei flickr.com

Aufruf an einer Hauswand in Udaipur, Rajastan: Spare Wasser, rette Seen und Umwelt! © germeister bei flickr.com (CC BY-NC-ND 2.0)

Stefan Mentschel: Sie haben eine Kampagne für den Schutz des Wassers ins Leben gerufen. Warum?
Rajendra Singh: Wasser ist die wichtigste natürliche Ressource für unser Leben. In Indien jedoch werden die Menschen zunehmend ihres Rechts auf freien Zugang zu sauberem und sicherem Wasser beraubt. Unternehmen aus aller Welt wollen bei uns mit Wasser Geld verdienen, die Nutzung und Verteilung kontrollieren. Die Regierung fördert das oder schaut tatenlos zu. Dem wollen wir mit der Kampagne entgegensteuern.


Was steht dabei im Mittelpunkt?
Es geht um Demokratisierung und Aufklärung. In Hindi heißt unsere Kampagne Jal Jan Jodo. Sinngemäß bedeutet das, die Ressource Wasser und die Menschen zusammenzubringen. Wir wollen ein Bewusstsein für die Gefahren der Privatisierung schaffen und werben für den Erhalt des Wassers als öffentliches Gut. Gleichzeitig klären wir die Leute über ihre Rechte und Verpflichtungen beim Umgang mit dieser wertvollen Ressource auf.


Wie wirkt sich die Privatisierung des Wassers aus?
Die Regierung verpachtet an verschiedene Unternehmen das Recht, Wasser faktisch ohne Beschränkung selbst aus den tiefsten Gesteinsschichten zu fördern. Die natürlichen Speicher werden rücksichtslos ausgebeutet, sodass es in den betroffenen Regionen kaum noch Grundwasser gibt. Die Menschen spüren das durch akuten Wassermangel.


Die Regierung gibt den Unternehmen freie Hand?
In den letzten Jahren haben Hunderte Firmen aus ganz unterschiedlichen Branchen Lizenzen für die Ausbeutung der Wasservorräte bekommen – angefangen von multinationalen Getränke­herstellern wie Coca Cola und PepsiCo über sogenannte Umweltkonzerne wie die französische Veolia Environment bis hin zu Unternehmen der Chemieindustrie. Umweltauflagen spielen dabei kaum eine Rolle. Das Grundwasser wird in großem Stil abgepumpt. Hinzu kommt die ökologische Belastung durch die chemische Aufbereitung des Wassers für die Industrie.


Aber die Wasserknappheit lässt sich doch nicht nur auf profitorientierte Konzerne schieben. So ist Indiens „Kornkammer“ im Nordwesten eigentlich zu trocken für den Reisanbau. Trotzdem wird von dort aus ins ganze Land geliefert. Bewässert werden die Felder mit Grundwasser aus großen Tiefen, das dadurch immer weiter absinkt. Strom und Diesel zum Betrieb der leistungsstarken Pumpen erhalten die Bauern sogar kostenlos oder stark verbilligt von der Regierung.
Das ist richtig. Landwirtschaftliche Reformen haben in Indien aber auch dazu geführt, dass es heute für alle Menschen genug Lebensmittel gibt. Industrialisierung und Konzentration der Landwirtschaft bewirken allerdings neue Probleme, wie von Ihnen beschrieben. Der Reis für das Land müsste eigentlich in den regenreichen östlichen Bundesstaaten angebaut werden, doch dort fehlen die Strukturen dafür. Im Nordwesten dagegen ist die Produktivität hoch, aber es gibt viel zu wenig Wasser. Auch in diesem Bereich wäre die Regierung gefordert, aber es passiert zu wenig.


Woran liegt das?
In diesem Fall hat das unter anderem politische Gründe. Der Kampf gegen den Hunger hat für die Regierung Priorität, der Schutz der Ressource Wasser steht hinten an. Nehmen Sie das im August dieses Jahres verabschiedete Gesetz zur Gewährleistung der Ernährungssicherheit (National Food Security Bill). Das ist ein riesiges Sozialprogramm für rund 800 Millionen bedürftige Inder, dessen nachhaltiger Effekt von Experten angezweifelt wird. Aber 2014 sind Parlamentswahlen und die derzeit von vielen Seiten kritisierte Regierung hofft auf die Stimmen der armen Bevölkerungsschichten. Allerdings frage ich die politisch Verantwortlichen: Was ist wichtiger? Ernährungssicherheit oder die Sicherung von Trinkwasser?


Wie lautet die Antwort?
Ohne Essen kann der Mensch mehrere Tage überleben, ohne Wasser nicht. Wir bräuchten deshalb auch eine Gesetzesinitiative, um den Zugang zu sauberem Wasser für alle Menschen in Indien zu gewährleisten.


Sie haben einmal gesagt, in Indien gebe es kaum noch ökologisch gesunde und saubere Flüsse. Warum?
Nur wenige Flüsse wie der Ganges oder die Yamuna, die durch Delhi fließt, speisen sich aus Schmelz- und Gletscherwasser aus dem Himalaja. 99 Prozent der indischen Flüsse brauchen Grundwasser. Doch wenn die Grundwasser führenden Schichten ausgebeutet sind, drohen die Flüsse auszutrocknen. Bereits heute führen einige zu wenig Wasser, da das Ökosystem gestört ist. Hinzu kommt die extreme Verschmutzung vieler Flüsse, weil Abwässer ungeklärt eingeleitet werden.


Privatisierung, Ausbeutung, Umweltverschmutzung: Hat die indische Regierung beim Schutz des Wassers versagt?
Die Dimensionen stimmen nicht. Nach der Unabhängigkeit hat man riesige Staudämme und gewaltige Kanalsysteme gebaut. Aber keine Regierung kam auf die Idee, das Wassermanagement für ein so riesiges Land zu dezentralisieren, es in die Hände der Betroffenen zu legen. Die politisch Verantwortlichen haben an den Bedürfnissen von Mensch und Natur vorbei regiert. Die Folgen sind verheerend.


Wenn Politik und Verwaltung versagen, könnten da nicht Privatunternehmen mit ihrem Know-how helfen? In Delhi etwa ist die Wasserversorgung völlig marode. Die Firma Veolia soll daher in einigen Stadtteilen das System sanieren und die Versorgung mit Trinkwasser sichern...
Wir sind dagegen, denn im Namen einer solchen Reform wird den Menschen langfristig ihr Recht auf Wasser genommen. Unternehmen wollen Geld verdienen. Das dürfen sie auch gern tun, im Straßenbau oder bei der Energieversorgung. Aber nicht mit Wasser, denn Wasser ist keine Ware, Wasser ist Leben.


Aber Sie sagten doch gerade, dass die Politik gescheitert ist. Wie soll sich dann überhaupt etwas ändern?
Ich habe Hoffnung, dass die Jugend ein stärkeres Bewusstsein für den unschätzbaren Wert des Wassers und der Natur entwickelt. Wenn diese Generation an die Hebel der Macht kommt, könnte sie etwas ändern.


Und die Kampagne "Jal Jan Jodo" soll bei der Bewusstseinsbildung helfen?
Das hoffen wir, denn das ist das Ziel. Wir sind bereits in 18 Bundesstaaten Indiens aktiv. Wir besuchen Schulen und Universitäten. Wir reden mit den Leuten in Städten und Dörfern. Wir gehen aber auch in die Landesparlamente, treffen Abgeordnete, Minister und leitende Beamte. Darüber hinaus haben wir mit Hilfe der örtlichen Bevölkerung bereits 20 Projekte zum Schutz und zur Renaturierung von Flüssen und Seen angestoßen, unter anderem in Karnataka, Maharaschtra sowie in der Region Jhansi in Uttar Pradesch. Viele weitere Vorhaben sind geplant und werden folgen. Unsere Kampagne ist auf mehrere Jahre angelegt, deshalb bin ich guten Mutes, dass wir erfolgreich sein werden.


Internet
www.tarunbharatsangh.in

Zum Autor
Stefan Mentschel ist Politikwissenschaftler und Journalist. Seit 2006 lebt und arbeitet er in Neu Delhi.

Südasien 4/2013