Claudia Koenig
Editorial Südasien 2/2014

Farbe bekennen! Wie unser Titelbild zeigt, wurde diese Forderung für die indischen Wählerinnen und Wähler zum buchstäblichen und sichtbaren Fingerzeig. Die auf den Fingernagel aufgetragene Farbe ist nicht abwaschbar und beweist, dass die alte Dame gewählt hat.


Indien hat gewählt – und es war eine Wahl der Superlative. 815 Millionen Wähler, davon 120 Millionen junge Menschen, die 2014 zum ersten Mal abstimmen durften. Knapp eine Million Wahllokale gab es, 1,4 Millionen elektronische Abstimmungsgeräte, und die vielleicht erstaunlichste Zahl: elf Millionen Wahlbeamte.


In keinem Land der Welt gibt es so viele Wahlberechtigte, die nicht lesen und schreiben können. Dennoch wussten sie, was sie 2014 nicht wollten: eine Fortsetzung der jahrzehntelangen Herrschaft der Kongresspartei und ihrer Gandhi-Dynastie. Mit dem Slogan „Minimum Government, Maximum Governance, Time for Change – Time for Modi“ hat der umstrittene Kandidat der rechtskonservativen und radikal hinduistischen Bharatiya Janata Party (BJP – Indische Volkspartei) einen erdrutschartigen Sieg eingefahren. Er war der erste Kandidat für das Premierministeramt in Indien, der sich auf Berater aus den USA stützte und die Medien und das Internet in vollem Umfang für sich zu nutzen wusste. Kaum ein Tag verging ohne medial aufbereitete Auftritte Modis irgendwo im Land oder lautstarke Debatten in Talkshows. Zugleich bemühten sich die Medien, Wählerillusionen zu zerstören: Sie rechneten den Wählern vor, wie viele Parlamentsmitglieder in anhängige Strafverfahren verwickelt sind – nämlich fast ein Drittel (162, bei insgesamt 543). Seit 2003 muss jeder, der sich zur Wahl stellt, bei der Anmeldung seiner Kandidatur über den seinen Bildungsstand sowie sein Einkommen, sein Vermögen und seine Schulden Auskunft geben, vor allem aber die Frage danach beantworten, ob er oder sie in ein Strafverfahren verwickelt ist.


In vier Beiträgen veranschaulichen unsere Autoren Heinz Werner Wessler, Fabian Falter, Bernard Imhasly und Yesim Paçal in diesem Heft die indische Wahlmaschinerie und den Wahlkampf, sie porträtieren Sieger und Verlierer. Und sie fragen danach, ob der neue Premier Moslems, Christen und andere Minderheiten zu Bürgern zweiter Klasse machen wird. Kommt demnächst ein natio­nales Antikonversionsgesetz? Wird der Rama-Tempel in Ayodhya doch noch Realität? Wird Modi, der nun an den Schalthebeln der nuklearen Waffen sitzt, konfrontativ gegen China und Pakistan auftreten und das Militärbudget weiter erhöhen? Eine der wichtigsten Fragen für die Wähler aus den indischen Minderheiten und vor allem für die Dalits wird die sein, ob es in den kommenden Jahren gelingt, eine Wahlreform durchzusetzen. Denn schon diesmal hätte das Ergebnis völlig anders ausgesehen, hätten die Wahlen nicht das relative Mehrheitswahlrecht, sondern das beispielsweise in Deutschland geltende personalisierte Verhältniswahlrecht (Verbindung aus Mehrheits- und Verhältniswahl) zur Grundlage gehabt: Danach hätte die BJP mit 31 Prozent aller gültigen Stimmen nur 169 (statt 282) Sitze errungen.


Das zweite Land, über das wir in diesem Heft ausführlicher berichten, ist Sri Lanka.


Der UN-Menschenrechtsrat hat im März 2014 eine Resolution zu Sri Lanka angenommen. Darin wird das Hochkommissariat für Menschenrechte beauftragt, eine gründliche Untersuchung zu den vermuteten, schweren Verletzungen der Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts vorzunehmen. Theodor Rathgeber berichtet darüber aus Genf.


Bettina Meier, die in Colombo lebte, als 2009 der 26-jährige Bürgerkrieg zwischen der Regierungsarmee und der separatistischen LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) zu Ende ging, erinnert sich in einem persönlichen Bericht an die Wochen vor dem Kriegsende, den Triumphalismus und das Vergessen der zivilen Opfer.


Manuka Wijesinghe wuchs in Sri Lanka auf und lebt heute in Deutschland; sie beschreibt in einem Essay ihre Sicht auf den dortigen Buddhismus, der in ihren Augen keine Religion der Sanftmut und Toleranz mehr ist, seit buddhistische Mönche in Sri Lanka eine unrühmliche Rolle als Prediger von Gewalt gegen religiöse Minderheiten spielen und das wachsende Selbstbewusstsein der sri-lankischen Frauen mit Argwohn beobachten.


Wir freuen uns über Ihre Rückmeldungen und – auch unaufgefordert eingesendete – Beiträge.

Südasien 2/2014