Joe Hill
„Wir sind ganz wirr im Kopf bei so vielen Firmen und Samen“
Wer kontrolliert Indiens Reisanbau?

In Indien werden heutzutage drei Arten von Reis kultiviert: traditionelle, besonders ertragreiche und F1-Hybridsorten. F1-Hybridsaatgut wird vor allem von multinationalen Firmen, ertragreiches vom öffentlichen Sektor und traditionelles Saatgut von den Bauern selbst produziert. Dieser Artikel basiert auf Feldforschungen in Jharkhand aus dem Jahr 2009. Die Grüne Revolution hat Ostindien weitgehend ausgelassen, sodass die ertragreichen Sorten für die Bauern dort kaum erhältlich sind. Sie steigen daher von den traditionellen Sorten direkt auf F1-Hybridsorten um; ihre Auswahl treffen sie anhand von Praxistests und häufig unter dem Einfluss überzeugender Werbestrategien. F1-Hybridsaatgut muss allerdings jährlich neu gekauft werden, und das angesichts jährlicher Preissteigerungen. Dabei sind die F1-Hybridpflanzen weniger nahrhaft, erfordern viele chemische Anwendungen und haben weitere Nachteile. Die Studie zeigt, dass der Ertragszuwachs von F1-Hybridsaatgut im Vergleich zu den bauernfreundlicheren und staatlich produzierten, ertragreichen Sorten unbedeutend ist. Dennoch wird nicht in die Forschung zu ertragreichen oder traditionellen Sorten investiert. Die Förderung von F1-Hybridsorten durch Wissenschaftler und multinationale Firmen ist keineswegs als neutral zu bewerten. Vielmehr handelt es sich um einen politischen Prozess, der die Kontrolle über die Reisproduktion von den Bauern auf multinationale Firmen verlagert. Gleichzeitig wird der Staat von seiner Schuld für die langfristige Vernachlässigung der Landwirtschaft freigesprochen und multinationalen Firmen werden Wege für die Einführung gentechnisch modifizierter Reissorten geöffnet.

Zum Autor
Dr. Joe Hill ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF), Universität Bonn, sowie im vom BMBF finanzierten Kompetenznetzwerk „Crossroads Asia: Conflict – Migration – Development“.

Südasien 3-4/2014