Ines Schäfer
Editorial Südasien 2/2015

Tiere in Südasien – hochgezogene Augenbrauen und erstaunte Blicke waren häufige Reaktionen auf dieses Thema. Doch wer sich darauf einlässt und nachzudenken beginnt, in welchen sozialen, politischen und religiösen Kontexten Tiere eine Rolle spielen, wird reich entlohnt.


Mensch-Tier-Beziehungen sind kulturell geprägt und daher gerade in Südasien mit seinen nationalen und regionalen Besonderheiten unglaublich vielfältig. Schon allein die komplexe religiöse Landschaft führt zu einem ebenso unterschiedlichen wie zum Teil widersprüchlichen Umgang mit Tieren. Hinzu kommen gesellschaftliche Aspekte wie das Kastensystem oder der koloniale Einfluss, die symbolische Aufladung von Tieren und der Aberglaube.


Das Heft beginnt mit der Kurzgeschichte „Der Waran“ von Uday Prakash, die das Thema Aberglaube im Zusammenhang mit Tieren aufgreift und dessen feste Verankerung im kollektiven Denken herausarbeitet. Über die „heilige Kuh“ der hinduistischen Mehrheit in Indien wurde in den vergangenen Monaten immer wieder diskutiert. Seit Premier Modi dem hindu-nationalistisch motivierten Rinderschlachtverbot im Bundesstaat Maharashtra zustimmte, wurde heftig debattiert, ob der Staat den Menschen vorschreiben darf, was sie essen. Religiösen Minderheiten ist der Verzehr von Rindfleisch nicht verboten, viele arme Bevölkerungsgruppen sind sogar darauf angewiesen.


Hanns Wienold, Bernard Imhasly und Gabriele Reifenrath widmen sich diesem Thema und betrachten die „heilige Kuh“ aus unterschiedlichen Perspektiven. Wienold beleuchtet die Ursprünge der Kuhverehrung, leitet die Kuhschutzbewegungen daraus ab und geht auf die vielschichtigen Proleme ein, die mit dem Schlachtverbot einhergehen. Die Kuh ist nicht nur Gewinnerin, sondern teils auch Leidtragende ihrer Sonderstellung, wenn ihr der Hungertod droht.


Imhasly laviert sich auf humoristische Weise durch den, wie er es nennt, „Dschungel von typisch indischen Widersprüchen und Scheinheiligkeiten“ im Zusammenhang mit der „heiligen Kuh“. Reifenrath betrachtet in ihrem Artikel das Traktat „Ozean der Gnaden der Kuh“ (Gokarunanidhi) von Dayanand Saraswati als ideologische Grundlage der modernen Kuhschutzbewegung.


Über Ratten und die Volksgruppe der Musahar schreibt Fabian Falter. Als Rattenesser – musa (Ratte) und ahar (Ernährung) – stigmatisiert, sind sie sozial ausgegrenzt und leben oft in bitterer Armut. Reiner Hörig geht auf die indische Tradition der Elefantenpfleger – der Mahouts – ein und zeichnet das Spannungsfeld zwischen Verehrung und Ausbeutung nach. Für einen radikalen Tierschutz stehen die aus Indien stammenden Jainas, die Sven Wortmann vorstellt.


Die systematische Tötung und Reduzierung wichiger Wildtierpopulationen während der Kolonialzeit greift Felix Eickelbeck auf. Um den Abschuss der Tiere zu legitimieren, wurde die Bedrohung für den Menchen aufgebauscht. Tatsächlich von Wildtieren ausgehende Gefahren beschreibt Claudia Koenig in ihrem Beitrag über Tollwut. Außerdem hat sich der Blick auf die Wildtiere geändert: Denn zumindest was den in Südasien heimischen Bengalische Königstiger betrifft, ist die Angst vor seiner Ausrottung inzwischen der Sorge um eine Überpopulation gewichen.


Gunther Nogge und Ehsan Arghandewal bringen uns die Vogelwelt Afghanistans näher. Sie beschreiben dort praktizierte, zum Teil weltweit einmalige Jagdmethoden und bieten ungewöhnliche Einblicke in die afghanische Kultur.


Im Rahmen dieses Heftes kann das Thema Tiere in den Kulturen Südasiens natürlich nicht erschöpfend behalndelt werden. Es bleiben viele spannende Aspekte – genug Stoff für kommenden Südasien-Hefte.


Über das Schwerpunktthema hinaus finden Sie in den Länderabschnitten Beiträge zu Indien und Nepal. Die beiden Erdbeben am Rande des Himalaja im April und Mai haben uns alle sehr erschüttert. Unser Mitgefühl gilt den Betroffenen und jenen, die im Einsatz sind, um diejenigen, die alles verloren haben, zu unterstützen. Im Abschnitt Nepal bringen wir Daten und Fakten sowie einen Bericht über spontane Initiativen nepalischer Mitbürger, die Hilfe in entlegene Dörfer bringen.

Zuletzt noch ein Wort zu den Parlamentswahlen in Sri Lanka: Da diese nicht wie ursprünglich angekündigt am 21. April 2015 stattgefunden haben, sondern in den August dieses Jahres verschoben wurden, bleibt der im letzten Heft angekündigte Bericht von Walter Keller vorerst aus. Eine Meldung im Block Sri Lanka im Überblick geht auf die Hintergründe ein.

Südasien 2/2015