Gabriele Reifenrath
Die Nation und die „heilige Kuh“
Narendra Modis nationales Kuhschutz-Programm "Rashtriya Gokul Mission"

Debatten über Kuhschutz in Indien betonen traditionell die religiöse Bedeutung der Kuh im Glauben der Hindus. Dieser Glaube verlangt den unbedingten Schutz der Kühe, und zwar auch von Angehörigen anderer Religionen, die die Kuh nicht für heilig halten. Daran kann scharfe Polemik gegen Nicht-Hindus anknüpfen, im Besonderen die gegen Muslime. Die besondere Stellung der Kuh kann bis in die jüngeren Schichten der vedischen Schriften zurückverfolgt werden, wo sie schon als aghnya – „Nicht-zu-Tötende“ – bezeichnet wird. Zwar ist in den ältesten Schichten des Rigveda von der Rinderschlachtung die Rede, allerdings ist das in der modernen hinduistischen Deutung lediglich symbolisch zu verstehen. Besonders seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Kuh immer wieder Anlass für Glaubenskämpfe. Die politische Rinderschutz-Agenda im gegenwärtigen Indien geht insbesondere auf die Argumente des Arya Samaj aus dem 19. Jahrhundert zurück. Das nationale Programm Rashtriya Gokul Mission verwendet in erster Linie wissenschaftliche und ökonomische Argumente für eine Rinderzucht ohne das Ziel der Fleischgewinnung. Die eigentlichen religiösen Argumente bleiben im Hintergrund.

Zur Autorin
Gabriele Reifenrath ist Religionswissenschaftlerin und als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Universität Bonn tätig.

Südasien 2/2015