Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 3-4/2015

Ende 2014 vermutete die Sri Lanka Advocacy, dass in den nächsten Jahren keine Änderung in Sri Lanka zu erwarten sei. Als Mahinda Rajapaksa ankündigte, die nächste Präsidentenwahl vorzuziehen, wagten einige unserer Kolleg(inn)en in Sri Lanka geradezu euphorisch von einem Machtwechsel zu träumen. Wir blieben skeptisch. Glücklicherweise haben wir uns geirrt, den Wagemut und die soziale Dynamik gerade der zivilgesellschaftlichen Akteure und nicht zuletzt die Weisheit der Wähler in Sri Lanka frappant unterschätzt.


Angesichts der Erblasten in allen Bereichen der Gesellschaft, von denen einige Artikel berichten, erstaunt erneut die Tatkraft, mit der unsere Autor(inn)en den Neubeginn angehen; ohne sich selbst mit Illusionen zu blenden. Das Rajapaksa-Regime war ja kein Betriebsunfall. Die ungenierte Selbstbedienung, das kriminelle Gebaren im Kontext politischer Macht, die mafiöse Beziehungsstruktur gab es auch schon früher; wenngleich nicht derart überdehnt. Mehrere Beiträge setzen daher darauf, dass notwendige Reforminitiativen wesentlich von der aktiven Zivilgesellschaft, an einigen Stellen insbesondere den Frauen, ausgehen müssen.


In den Kommentaren zum Ausgang der Wahlen werden die historischen Verflechtungen im Parteiengefüge aufgerollt und gleichzeitig die Chancen für eine veränderte Politik dekliniert. Der politische Reisebericht lässt die Veränderungen seit Januar 2015 gerade im Alltag hervortreten und zeigt ein offeneres Milieu an, in dem Reformen gedeihen. Angesichts der radikalisierten, fundamentalistischen Grenzziehungen bei ethnischen und religiösen Gruppen, wie sie etwa Ruki Fernando skizziert, keine leichte Aufgabe.


Die bisherige Spaltung des Landes spiegelt sich in den jeweiligen Diaspora-Gemeinschaften, die zur Identitätsbildung in Sri Lanka beitragen. Inwieweit die Diaspora in der Lage ist, allein innerhalb ihrer Volksgruppen Frieden und Aussöhnung zu stiften, stößt in den Texten auf Skepsis. Nicht zufällig fragte die Redaktion singhalesische und tamilische Autoren und Autorinnen getrennt, die Parlamentswahl zu kommentieren.


Einen Vorschein auf die Veränderung werfen Künstler mit kritischen und mehrdeutigen Arbeiten, so dass Zensoren Gefahr liefen, sich der Lächerlichkeit auszusetzen. Jenseits des staatstreuen Mainstreams entwickelte sich ein Journalismus, der Informationen und Meinungen ungefiltert anbot. Religionsgemeinschaften initiierten interreligiöse Dialoge im Verborgenen; leider ist der Beitrag dazu ausgeblieben. Der Text über Trauerarbeit deutet an, wie viel Zukunft solchen Initiativen zugrunde lag.


Reformen werden auch wirtschaftliche Teilhabe beinhalten müssen. In der Fischerei und im Tourismus wurden einseitig Interessen großer Investoren und Rajapaksas bedient. Eine Alternative zur korrumpierten Ökonomie bildete seit längerem der FairTrade, der auf 40 Jahre wirkungsvollen Beitrag zur Existenzsicherung zurückblicken kann.


Die kritische Begleitung der Politik in Sri Lanka durch internationale Solidaritätsgruppen wird möglicherweise schwieriger: in der Abwägung zwischen politischer Stabilität, um keinen Rollback zu provozieren; und in der Aufgabe, die Rechenschaftslegung der Regierung auf Grundlage der Menschenrechte und dem humanitären Völkerrecht einzufordern. Es gibt keinen Passepartout, und die Resolution im UN-Menschenrechtsrat von Anfang Oktober vermittelt einen Vorgeschmack auf die Zwiespältigkeit.


Dieses Heft berichtet auch vom Anspruch an Integration in Indien: im Rückblick auf Bemühungen der Mogule, im Blick auf den Tod zweier Muslime und in der Bewertung von Modis Primat der Ökonomie. In Afghanistan stellt sich nach dem Tod von Mullah Omar die Frage, ob es absehbar eine Aussicht auf Befriedung des Landes gibt. Nepal leidet bis heute unter den Folgen des Erdbebens, und zur Not der Menschen gesellt sich eine problemferne Politik. Ein Porträt des 1900 als Leopold Weiss geborenen Muhammad Asad streift aktuelle Debatten um islamische Orthodoxie und Aufklärung. Die Literaturbesprechungen – so politisch grundiert die Texte auch sein mögen – lassen auch unbeschwerte Momente durchschimmern.


In eigener Sache: Wir versuchen ein neues Modell und veröffentlichen fortan die Hefte mit wechselnder Verantwortung. Theodor Rathgeber hat den inhaltlichen Schwerpunkt dieses Heftes betreut. Die Redaktion leitet weiterhin Ines Schäfer.

Südasien 3-4/2015