Reinhold Schein
55 Schriftsteller geben ihre Awards zurück
Kontroverse um indische Literaturakademie

Ausgelöst durch den unaufgeklärten Mord an M. M. Kalburgi, einem Preisträger der indischen Literaturakademie (Sahitya Akademi), tobt seit einigen Monaten eine Kontroverse in der indischen Literaturszene und in den Medien. Einige Aspekte der Debatte sind Thema des folgenden Interviews mit dem Hindi-Autor Uday Prakash, der mit seiner Rückgabe des Literaturpreises im September 2015 die Welle auslöste. Uday Prakash, geboren 1952 in Madhya Pradesh, ist ein inzwischen auch in Deutschland bekannter indischer Schriftsteller. Das Gespräch fand am 16.11.2015 in Uday Prakashs Wohnung in Ghaziabad bei Delhi statt. Die Fragen stellte Reinhold Schein.

Reinhold Schein: Sie haben Ihren Literaturpreis der Sahitya Akademi zurückgegeben. Wann hatten Sie ihn bekommen und für welches Werk?

Uday Prakash: Ich bekam ihn 2010 für den Roman Mohandas. Der Preis bestand in einer Ehren-Plakette, einem Schal und einer Summe von 100.000 Rupien. Dass ich den Preis zurückgeben würde, machte ich am 4. September 2015 öffentlich. Am 9. September sandte ich alles zurück. Die Sahitya Akademi akzeptierte mein Schreiben, verweigerte aber die Rücknahme des Preises selbst.


Was veranlasste Sie zu Ihrem Schritt?

Ich war erzürnt, weil der frühere Vice Chancellor der Universität Hampi, M. M. Kalburgi, ebenfalls ein Gewinner des Sahitya Akademi-Preises, am 30. August 2015 von nicht identifizierten Tätern ermordet worden war. Ich hätte von der Sahitya Akademi dazu eine öffentliche Verurteilung erwartet, zumindest eine Kondolenzversammlung, wie es in Indien üblich ist, wenn ein Mitglied eines angesehenen Gremiums stirbt. Ermordet wurden auch weitere Schriftsteller: bereits 2013 Narendra Dabholkar und im Februar 2015 Govind Pansare. Keiner der Täter wurde gefasst. Weitere angesehene Schriftsteller erhielten Drohungen, darunter auch ich. Die hindunationalistische Organisation RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh) rief dazu auf, mich mit Schuhen zu verprügeln. Das alles erzeugt ein Gefühl der Unsicherheit, das auch meine Arbeit als Schriftsteller behindert.


War Ihnen klar, dass die öffentliche Rückgabe Ihres Preises großes Medieninteresse wecken würde?

Das war mir nicht in dem Ausmaß klar. Ich hatte meine Entscheidung aus einer Gefühlslage heraus getroffen, ohne über alle Folgen gründlich nachzudenken.

Gab es weitere Gründe für Ihren Zorn?

Hauptgrund war das in meinen Augen krasse Versagen der Sahitya Akademi, aber auch Ärger über die Regierung insgesamt, über deren großsprecherischen Worte über das strahlend erfolgreiche Indien, die im krassen Gegensatz zu der täglichen Erfahrung unzulänglicher Elektrizitätsversorgung auf dem Land stehen, und das Umschreiben der Geschichte Indiens in den Lehrbüchern, die Buchverbote und manches andere spielte mit.


Machen Sie die Sahitya Akademi für solche Entwicklungen in Indien verantwortlich?

Nein, aber mein Zorn auf die staatliche Sahitya Akademi vermischte sich mit dem weiter gefassten Zorn auf die Regierung.


Ich las eine Erklärung auf der Homepage der Sahitya Akademi, worin der Generalsekretär Gewalt verurteilt, die Schriftsteller und insbesondere die Preisträger zur Loyalität gegenüber der Sahitya Akademi und zur Nicht-Rückgabe der Preise aufruft. Er erklärt darin auch, dass die Akademie eine staatliche Institution des Kulturbetriebs, aber keineswegs parteipolitisch festgelegt oder der gegenwärtigen Regierung unterstellt sei. Was sagen Sie dazu?

Vishwanath Prasad Tiwari (der Generalsekretär der Sahitya Akademi) ist ein netter Mensch, aber er hat es versäumt, auf den Ernst der Situation zu reagieren. Dieses Statement kam viel zu spät, nachdem sich schon etliche andere Schriftsteller meinem Schritt angeschlossen hatten. Vielleicht fürchtete er sich auch vor dem Missfallen der Regierung.


Wie viele sind inzwischen Ihrem Beispiel gefolgt?

Nach zwei, drei Wochen schloss sich als zweite die Schriftstellerin Nayantara Sahgal an, eine Kusine von Indira Gandhi, was wiederum von Salman Rushdie öffentlich begrüßt wurde. Dann folgte der Lyriker, Essayist und frühere Chairman der Lalit Kala Akademi (Kunstakademie), Ashok Vajpayee. Inzwischen haben sich 55 Schriftsteller, Preisträger der Sahitya Akademi und anderer Literaturpreise dieser Welle angeschlossen, außerdem Film-Leute und Wissenschaftler.


Wie haben die indischen Medien auf die Protestwelle reagiert?

Die großen TV-Sender sind gegen uns, aber einige sind demokratisch gesinnt und berichteten positiv. Auch der TV-Kanal der Rajya Sabha (Länderkammer im indischen Parlament) ist auf unserer Seite.


Wie sehen Sie die Zukunft der Sahitya Akademi?

Die staatlichen Institutionen der Kulturpolitik waren früher informell und sogar kreativ. Inzwischen sind es offizielle Regierungsbehörden geworden. Ihre Führungspositionen wurden neu besetzt mit Personen, die der Regierung genehm, aber für ihre Posten nicht qualifiziert sind. Zum Beispiel der neue Chairman des angesehenen Film- und TV-Instituts in Pune.


Wie sehen Sie die nähere Zukunft Indiens?

Der gegenwärtige Trend geht dahin, in vormoderne Zeiten zurückzukehren. Schriftsteller werden eingeschüchtert und hören auf zu schreiben. Verlage nehmen in vorauseilendem Gehorsam Bücher vom Markt, die ihnen heikel erscheinen. So geschehen mit einigen meiner Werke, die in Hindi nicht mehr erhältlich sind, wohl aber in der englischen Übersetzung oder in anderen indischen Sprachen.

 

Zum Interviewer:

Reinhold Schein arbeitete in den 1980er und 90er Jahren als DAADLektor für deutsche Sprache und Literatur an der Poona University und der Banaras Hindu University. Nach seiner Rückkehr aus Indien betätigte er sich unter anderem als Übersetzer von Literatur aus und über Indien. Seine Homepage: www.indienbild.de.


Zum Interviewpartner:

Uday Prakash ist indischer Autor, Journalist und Fernsehproduzent. Er war neun Jahre lang für das Hindi-Nachrichtenmagazin /Dinmaan/ der / Times of India/ tätig. Später arbeitete er auch für die /Sunday Mail/ und die /Eminence/. Er lebt und arbeitet in Neu-Delhi.

Südasien 1/2016