Patrizia Heidegger
Heldin für das Recht auf Bildung oder Handlangerin des Westens?
Die Kontroverse um Nobelpreisträgerin Malala in Pakistan

Im Oktober 2014 wird verkündet, dass die zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 17-jährige Pakistanerin Malala Yousafzai den Friedensnobelpreis erhalten wird. Die Taliban hatten die Schülerin zwei Jahre zuvor mit einem Kopfschuss töten wollen – wegen ihres Einsatzes für das Recht auf Bildung von Mädchen in ihrer Heimat im Swat-Tal. Doch nicht alle in Pakistan sind stolz auf die unerschrockene Schülerin, und ihre internationale Beliebtheit hat Ressentiments geschürt. Was steckt hinter der Malala-Kontroverse?

Das pakistanische Swat-Tal wird mit seinen schneebedeckten Bergen, tiefen Tälern, blaugrünen Flüssen und Seen gerne mit der Schweiz verglichen. Lange war das Tal ein beliebtes Ausflugsziel in Pakistan. Trotz seiner relativen Abgelegenheit galten seine Bewohner als moderat, das Tal verfügte über gute Straßen, Schulen und Hotels.

 

Rückblick: Taliban verbieten Mädchen in Swat die Schule
Das Leben im Tal ändert sich schlagartig im Jahr 2007, als die pakistanischen Taliban die Kontrolle über Swat übernehmen. Sie verbieten Tänze, Feste und Musik. Friseure dürfen Männer nicht mehr rasieren. Frauen sollen den Märkten und Bazaren fernbleiben und nicht mehr ohne Begleitung eines Mannes das Haus verlassen. Gegner des Taliban-Regimes werden öffentlich zur Schau gestellt, misshandelt, enthauptet. Immer mehr Menschen verlassen das Tal.


Die Taliban verkünden, dass ab dem 15. Januar 2009 kein Mädchen mehr zur Schule gehen darf und drohen, Schülerinnen zu töten. Sie zerstören mehr als 400 Schulen in Swat, bedrohen Lehrer, Schulleiter und Schülerinnen. Eine von ihnen ist Malala Yousafzai. Ihr Vater Ziauddin betreibt selbst mehrere Schulen für Mädchen, die er unter dem Druck der Taliban zeitweise schließen muss.


Kurze Zeit später greift die pakistanische Armee ein, um die Taliban aus dem Tal zurückzudrängen. Insgesamt fliehen 1,5 Millionen Bewohner vor den Kämpfen in Swat. Auch die Familie von Malala ist unter den Flüchtlingen. Sie kehren einige Monate später in der Hoffnung auf Sicherheit und Frieden zurück. Der Vater spricht sich öffentlich gegen die Taliban aus. Die Familie erhält Drohungen. Doch er öffnet seine Schulen wieder.

 

Malala im Fokus der Medien
Als Malala elf Jahre alt ist, beginnt sie – motiviert durch ihren Vater – unter einem Pseudonym in einem Blog der BBC auf Urdu über den Alltag im Swat-Tal zu schreiben. 2009, als die Taliban das Schulverbot für Mädchen verhängen, berichtet Malala von ihrer Angst, zur Schule zu gehen, von den sinkenden Schülerinnenzahlen, von den Familien, die das Swat-Tal verlassen. Die Mädchen können ihre Schuluniformen nicht mehr tragen, um auf ihrem Schulweg keine Aufmerksamkeit zu erregen.
Lehrer kommen aufgrund von Ausgangssperren oder Gewaltausbrüchen nicht zum Unterricht. Journalisten haben zunächst andere Mädchen und auch Lehrerinnen für Blogeinträge angefragt, doch niemand hat sich getraut – außer Malala. Ihr Vater hat das Mädchen nach der paschtunischen Freiheitskämpferin Malalai benannt, welche den afghanischen Truppen einen Sieg gegen die Briten eingebracht hat und dabei ihr Leben ließ.


Später im selben Jahr erscheint ein Dokumentarfilm über Malala und ihren Vater und ihren Einsatz für die Schülerinnen von Swat, Class Dismissed, produziert von der New York Times. Nun wird Malala bekannt. Die Identität der BBC-Bloggerin wird enthüllt. Nationale und internationale Zeitungen berichten über Malalas Einsatz für den Zugang von Mädchen zu Bildung. Sie wird für Preise nominiert, unter anderem von Desmond Tutu, und erhält im Oktober 2011 vom pakistanischen Premierminister Yousaf Raza Gillani den National Youth Peace Prize. Der Regierungschef verspricht bessere Bildungseinrichtungen für Mädchen und Frauen im Swat-Tal. Die 15-Jährige plant eine Stiftung einzurichten, um insbesondere armen Mädchen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

 

Attacke der Taliban
Durch die Preisverleihung wird Malala pakistanweit bekannt. Nun erhält das Mädchen zuhause Drohbriefe von den Taliban. Über ihr Facebook-Profil versuchen sie, ihr Angst zu machen. Zeitungsannoncen mit Todesdrohungen gegen Malala werden geschaltet. Im Sommer 2012 beschließen Talibanführer öffentlich, sie zu töten, da sie den Drohungen nicht nachgegeben hat. Am 9. Oktober 2012 schlagen sie zu. Ein maskierter Mann hält den Schulbus an, fragt nach Malala, und schießt dreimal auf das Mädchen. Eine Kugel dringt in ihre Stirn ein, zersplittert ihren Schädelknochen, durchschlägt ihren Kopf und bleibt in ihrer Schulter stecken. Ein Talibanführer lieferte später die Erklärung: „Sie war pro-westlich, sie sprach sich gegen die Taliban aus, und sie nannte Präsident Obama ihr Vorbild. Sie war jung, aber sie verbreitete westliche Kultur in paschtunischen Gebieten.“


Malala überlebt den Angriff schwerverletzt. Ein Militärhubschrauber bringt sie von ihrer Heimatstadt Mingora ins Krankenhaus der Provinzhauptstadt Peshawar – sie hat Glück, dass ihr Vater gut vernetzt ist. Sie benötigt dringend eine Operation, um den Druck auf ihr geschwollenes Gehirn zu reduzieren. Während der lebensrettenden Operation wird auch die Kugel entfernt. Doch Malala leidet an einer schweren Infektion, der Blutdruck ist nicht stabil, ein Herz- und Nierenversagen droht. Ihre Überlebenschancen sind schlecht und ihre Familie plant bereits ihre Beerdigung. Das Provinzkrankenhaus, das wegen Drohungen der Taliban von Soldaten gesichert werden muss, ist nicht gut ausgestattet. Malala wird nach Rawalpindi, nahe der Hauptstadt Islamabad, gebracht. Krankenhäuser aus den USA, Großbritannien, Deutschland und den Vereinigten Arabischen Emiraten haben mittlerweile Hilfe angeboten.

 

Erste Verschwörungstheorien und Medienhype
Nun beginnt das politische Ringen um Malala und die Deutungshoheit des Geschehenen. Bereits wenige Stunden nach dem Angriff machen Verschwörungstheorien die Runde. Malala und ihr Vater seien CIA-Spione und würden mit den Amerikanern zusammenarbeiten. Die Schüsse auf das Mädchen seien nur ein Vorwand der USA, um ihre Drohnenangriffe in der pakistanisch-afghanischen Grenzregion zu verschärfen. Während Islamisten Malalas Moral als rechtschaffene Muslima in Frage stellen und ihr mangelnden Respekt vor dem Islam vorwerfen, verbreiten Rechtsnationale und Patrioten Schmähungen auf Twitter und Facebook. Einige behaupten, die CIA selbst habe auf Malala schießen lassen. Dazu erscheinen Bilder eines herzhaft lachenden Obama mit ebenso ausgelassenen Beratern und der Bildunterschrift „Sir, sie glauben immer noch, die Taliban haben auf Malala geschossen!“ Auch Blogger und Online-Zeitungen verbreiten Verschwörungstheorien, darunter VeteransToday.com, dessen Herausgeber Hamid Gul ein ehemaliger Direktor des pakistanischen Militärgeheimdienstes ISI ist. Malala sei gar nicht verletzt, behaupten andere. Ein Foto – so die Behauptung – zeige, dass Malala bei ihrer Evakuierung aus dem Swat-Tal selbst zum Helikopter gelaufen ist.


Gleichzeitig ist die Unterstützung für Malala und ihr Engagement für Bildung gewaltig. In mehreren Städten Pakistans demonstrieren Menschen gegen die Gewalttat. Zwei Millionen Unterschriften einer Petition weltweit führen zur Verabschiedung eines neuen Gesetzes zum Recht auf Bildung in Pakistan. Der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari verurteilt die Tat, und die Regierung verspricht eine hohe Belohnung für Hinweise auf den Täter. Während die pakistanischen Taliban verkünden, das Mädchen weiterhin töten zu wollen, sprechen islamische Geistliche aus Pakistan eine Fatwa gegen den Taliban aus, der auf Malala geschossen hat, und erklären, es gäbe keine Rechtfertigung für die Tat. International kritisieren Ban Ki-moon, Barack Obama und andere hochrangige Politiker sowie Prominente die Tat scharf.

 

Ein neues Leben in Birmingham
Während in den sozialen Medien der Kampf um die Wahrheit entflammt, will es der Zufall, dass der britische Chirurg Javid Kayani vom Queen Elizabeth Medical Center in Birmingham zusammen mit einer Kollegin in Islamabad ist. Die Ärzte des Spezialkrankenhauses, in dem auch verwundete Soldaten behandelt werden, hören von Malalas Fall. Sie fliegen nach Peshawar und beschließen zu helfen. Mithilfe des pakistanischen Armeechefs erwirken sie eine diplomatische Vereinbarung und Malalas Ausreise nach Großbritannien. Die pakistanische Regierung kommt für alle Kosten der Reise und Behandlung des Mädchens auf.


In Birmingham wird Malala in dem Spezialkrankenhaus operiert und es werden eine Titanplatte zur Rekonstruktion des Schädels sowie ein Hörimplantat angebracht. Malala kann nicht mehr sprechen oder gehen und ihre rechten Extremitäten nicht mehr bewegen. Doch mehrere Operationen und die anschließende Reha erlauben nach mehreren Monaten ihre Genesung – ein kleines Wunder.


Mittlerweile ist ihre Familie nachgezogen. Sie können – ebenso wie einige Lehrer ihrer Schule – nicht mehr in Sicherheit in Pakistan leben, denn sie sind alle Zielschiebe der Taliban. Der Vater erhält einen Posten im Pakistanischen Konsulat in Birmingham. Malala besucht, nachdem sie das Krankenhaus verlassen hat, eine High School, die sie im Sommer 2015 abschließt. Auch in Birmingham lebt die Familie unter ständigem Polizeischutz. Und Malala nimmt ihren Einsatz für die Bildungsrechte von Mädchen wieder auf. Im Juli 2013 ist sie eingeladen, vor den Vereinten Nationen zu sprechen. Sie trifft Königin Elisabeth sowie Barack Obama. Malala erhält prominente Unterstützung – darunter von der Hollywood-Schauspielerin Angelina Jolie und vom ehemaligen britischen Premierminister Gordon Brown – sowie von großen PR-Firmen und Beratern, die sie beim Aufbau des Malala Fund unterstützen. In ihrem Einsatz für die Bildungsrechte von Mädchen schreckt sie auch vor politischen Statements nicht zurück. So kritisiert sie Barack Obama für die Drohneneinsätze in Nordpakistan oder spendet Preisgeld für den Wiederaufbau von Schulen in Gaza. Das Time Magazine wählt Malala zu den einflussreichsten Menschen 2013. Sie erhält den Sakharov-Preis des Europaparlaments und zahlreiche weitere Auszeichnungen.

 

Gegenreaktion in Pakistan
Doch auch die vielgelobte Rede vor den Vereinten Nationen – ihr erster öffentlicher Auftritt nach den beinahe tödlichen Schüssen und gleichzeitig ihr 16. Geburtstag – und ihre Ehrungen werden in Pakistan nicht nur positiv aufgenommen. Die anfängliche Sympathiewelle aus Pakistan, auch von führenden Politikern, macht einer anderen Stimmung Platz. In den sozialen Medien wird Malala als Handlangerin des Westens, als CIA-Agentin und sogar als Hure geschmäht. Auf Facebook gibt es eine Gruppe für Malala Haters – Malala Hasser.


Hamida Ghafour von Foreign Affairs schreibt, dass „der wachsende Backlash in Pakistan gegen Malala befürchten lässt, dass die extremistische Rhetorik der Taliban unangenehm nahe an die Meinung des gesellschaftlichen Mainstream heranrückt“. Meinungsforschern zufolge, so die New York Times, glaube die Mehrheit der Pakistaner nicht, dass die Taliban auf Malala geschossen hätten. Der Journalist Raza Ahmad Rumi zeigt sich auf Twitter schockiert von den unsensiblen und frauenverachtenden Kommentaren. Syed Irfan Ashraf, der für die englischsprachige pakistanische Tageszeitung The Dawn schreibt, macht Ungebildetheit und Neid für die Verschwörungstheorien verantwortlich. Syed Mohammad Ali von The Express Tribune spricht von einer Spaltung der Gesellschaft – zwischen denjenigen, die Malalas Mut bejubeln, und den Verschwörungstheoretikern.


Doch abgesehen von hasserfüllten Anschuldigungen und kruden Theorien macht noch eine andere Lesart die Runde. Der pakistanische Journalist Assed Baig fasst diese in einem Kommentar bei Huffington Post zusammen: Malala sei vom Westen in Beschlag genommen worden und diene alleine dem westlichen Retterkomplex, der sich aus dem Bild der unterdrückten muslimischen Frau speist: „Malala ist die edle Wilde, sie kritisiert den Westen nicht, sie spricht nicht über Drohnenangriffe, sie ist die perfekte Kandidatin für den weißen Mann, ihn von seiner Bürde zu befreien und die Wilden zu retten“, sagt er – und meint, Malala werde vom Westen dafür missbraucht, Militäreinsätze weiter zu legitimieren.


Er mag mit seiner postkolonialen Kritik Recht damit haben, dass sich die westlichen Medien ungleich weniger an Opfern der Drohnenangriffe (oder anderer von westlichen Staaten ausgehender Gewalt) abarbeiten, und die Geschichte des Mädchens westlichen Befürwortern von militärischem Eingreifen in Pakistan und anderswo im Namen von Frauenrechten gut in ihre Argumentationslinie passt. Auch hat er Recht, dass die Unterstützung Malalas durch Politiker, deren Militäreinsätze vielen Kindern das Leben gekostet und die Welt in tiefe Krisen gestürzt haben, einer gewissen Scheinheiligkeit nicht entbehrt.


Doch auch er unterstützt letztlich die Argumentation derer, die, wie Syed Irfan Ashraf sagt, „die Dinge nur schwarz-weiß sehen wollen“. In diesem schwarz-weißen Weltbild wollen alle Westler die Region (oder überhaupt alle muslimischen Staaten) unter ihre Kontrolle bringen und ausbeuten. In diesem Weltbild kann Malala nicht mehr als ein passives, ferngesteuertes Medienphänomen und jeder Westler nur ein Unterstützer imperialistischer Kriegstreiber sein. Malala sei nach Großbritannien gebracht worden, so Baig, damit sich der Westen gut damit fühlen könne, ein „armes braunes Mädchen“ aus den Klauen der bösartigen Wilden gerettet zu haben, um diese weiter zu bombardieren: eine „historisch rassistische Narrative“. Dieses Weltbild lässt keine differenzierte Lesart der Geschichte Malalas zu, die einerseits aufzeigt, wie sich manche Malala zu eigen machen (durchaus auch mit rassistischen Narrativen), aber andererseits auch anerkennt, dass Malala nicht nur passives Opfer, sondern vor allem Akteurin ist. Oder auch, dass ihre Ausreise nach England vielleicht einfach einem britisch-pakistanischen Arzt und einer Kollegin zu verdanken ist, welche die bestmögliche Behandlung für das Mädchen wollten, und nicht einen Medienhype um ein Talibanopfer, der Drohneneinsätze legitimiert.

 

"I am Malala" und Friedensnobelpreis
Ende 2013 erscheint die Autobiografie „I am Malala“, die das Mädchen zusammen mit einer britischen Journalistin verfasst hat. Auch hier ist die Reaktion in Pakistan gemischt. Die All Pakistan Private Schools Federation, welcher nach eigenen Angaben mehr als 150.000 Bildungseinrichtungen angehören, verbietet seinen Schülern das Buch – es respektiere den Islam nicht. Buchhändler nehmen es nicht in ihr Angebot – aus Angst vor Repressionen der Taliban. Malala lässt sich nicht abbringen von der Kritik aus Pakistan und baut weiter an ihrer Organisation. Im Juli 2014 reist sie mit ihrem Vater nach Nigeria, um die Regierung aufzurütteln, mehr für die von Boko Haram entführten Schülerinnen zu tun.


Am 10. Oktober 2014 wird verkündet, dass Malala zusammen mit Kailash Satyarthi, einem indischen Kinderrechtsaktivisten, den Friedensnobelpreis erhält – sie wird die jüngste Nobelpreisträgerin aller Zeiten. Natürlich ist diese Entscheidung – wie alle Preisvergaben – immer auch eine politische Entscheidung mit einer klaren Botschaft: für bessere Bildungschancen für Kinder, für die Rechte muslimischer Mädchen und Frauen, für die Aussöhnung zwischen Indien und Pakistan. Während die westlichen Medien Malala größtenteils feiern, bleibt es in Pakistan erstaunlich still – stolz auf die Nobelpreisträgerin aus den eigenen Reihen scheinen nur wenige zu sein. Der Herausgeber des Pakistan Observer, Tariq Khattack, sagt in einem Interview mit der BBC: „Es handelt sich um eine politische Entscheidung und eine Verschwörung. Sie ist ein normales, nutzloses Mädchen. Nichts an ihr ist besonders. Sie verkauft das, was der Westen kaufen wird.” Eine Welle des Hasses auf die Nobelpreisträgerin rollt durch Pakistan.


Das zeigt, auch jenseits islamistischer Kreise treffen Malalas Botschaften einen wunden Punkt. Keine Nation wird gerne auf internationalem Parkett kritisiert, und das Image Pakistans ist bereits denkbar schlecht – Terror, Taliban, Chaos ist das reduzierte Bild, das viele im Westen von Pakistan haben. Der Nationalstolz vieler Pakistaner ist verletzt. Ein nicht unwesentlicher Teil der Gesellschaft möchte sich mit der unbequemen Wahrheit, die Malala anspricht, nicht auseinandersetzen. Er sucht nach einfachen Erklärungen – zum Beispiel, dass das Terrorproblem in Pakistan allein vom Westen gemacht ist. Verschwörungstheorien und Antiamerikanismus sind weit verbreitet. Diese liefern einfachere Antworten als sich ernsthaft mit der Frage auseinanderzusetzen, warum die pakistanische Regierung den Terror in Pakistan nicht in den Griff bekommt, wer davon profitiert und warum. Oder was für die Bildungsrechte und die Sicherheit der Mädchen getan werden muss. Für viele gilt: Entweder du bist für Pakistan oder dagegen – und wer wie Malala Missstände international anprangert, gilt vielen als Verräter. Dazu kommt das Gefühl: Wenn der Westen Malala liebt, kann das nicht gut für uns sein.


Ihre Kritiker wollen nicht sehen, dass Malala ein Klischeebild von Pakistan aufbricht, indem sie zeigt, nach was sich viele sehnen. Sie und ihr Vater stehen für die normalen Bürger, die Frieden und Sicherheit, Schulen für die Kinder und Bildungschancen für Mädchen verlangen. Malala hat eine ganz einfache Wahrheit angesprochen: die schlechten Bildungschancen für Mädchen in Pakistan. Die Alphabetisierungsrate von Frauen liegt bei nur 26 Prozent – eine der schlechtesten Werte weltweit. Laut UNICEF geht in den Stammesgebieten entlang der afghanischen Grenze nur eins von fünf Mädchen zur Schule – aufgrund vorherrschender Traditionen, aber auch aufgrund der Angst vor Gewalt. In diesen Gebieten können, so UNICEF, nur drei bis acht Prozent der Frauen richtig lesen und schreiben. Asienweit betrachtet haben nur die Frauen Afghanistans schlechtere Bildungschancen. Es bleibt zu hoffen, dass Malalas Arbeit in Zukunft – auch und gerade in Pakistan – differenzierter gesehen wird, und dass die große Unterstützung und auch ihre Vereinnahmung durch den Westen ihr Engagement und ihre Botschaft in Pakistan nicht weiterhin automatisch disqualifizieren.

 

Zur Autorin:

Patrizia Heidegger ist Geschäftsführerin einer Nichtregierungsorganisation in Brüssel, die eng mit Partnern in Südasien zusammen arbeitet. Sie reist regelmäßig nach Indien, Bangladesch und Pakistan, wo sie insgesamt zwei Jahre verbracht hat. In Bangladesch hat sie ein Jahr lang ein Frauenrechtsprojekt unterstützt und sie setzt sich dort für die Bildungsrechte von Mädchen ein. Ihre Studie zur literarischen Bearbeitung der Gewalt gegen Frauen während der Teilung Indiens und Pakistans 1947 ist bei der Universität Heidelberg erschienen.

Südasien 1/2016