Heinz Werner Wessler
„Den Verlag zu gründen, war die beste Entscheidung meines Lebens“
Interview mit dem Verleger Christian Weiß

Innerhalb von wenigen Jahren hat der Draupadi Verlag im deutschen Verlagswesen mit einer überwältigenden Zahl von Übersetzungen aus den südasiatischen Literaturen sozusagen Geschichte geschrieben. Vieles ist direkt aus der in den großen Verlagshäusern sträflich vernachlässigten regionalsprachlichen Literatur direkt übersetzt. Es sind aber auch eine ganze Reihe Sachbücher über Südasien erschienen. - Der Name des Verlags nimmt Bezug auf die Heldin des altindischen Epos Mahabharata und Ehefrau der fünf Pandava-Brüder. Im postkolonialen Indien wird Draupadi immer wieder als ein Vorbild der selbstbewussten Frau angesehen – vor allem als eine Frau, die sich gegen Ungerechtigkeit und Willkür wehrt. In diesem Sinne greift etwa die indische Schriftstellerin Mahasweta Devi in der 1978 erstmals erschienenen Erzählung „Draupadi“ das Thema auf. Draupadi wird hier eine junge Frau genannt, die in den Untergrund gegangen ist, um für eine gerechtere Gesellschaft zu kämpfen.

Heinz Werner Wessler: Der Draupadi Verlag ist im deutschen Sprachraum einzigartig – und besteht jetzt seit mindestens zehn Jahren. Da dürfen wir alle einmal feiern und das Klagen sein lassen. Oder ist Dir angesichts des Jubiläums auch nach Klagen zumute?

Christian Weiß: Genau genommen wurde der Draupadi Verlag schon im Herbst 2003 gegründet. Aber vor zehn Jahren ging es richtig los. 2006 war Indien Gastland der Frankfurter Buchmesse. Im Draupadi Verlag erschienen in jenem Jahr fünf Direktübersetzungen aus dem Hindi, Bengali und Malayalam. Ich denke, den Verlag zu gründen, war die beste Entscheidung in meinem Leben.

Bist Du zufrieden mit dem Erreichten? Das darfst Du eigentlich ungefragt sein…

Mit dem Erreichten bin ich sehr zufrieden! Dass ich so viel Unterstützung bekomme, hätte ich niemals gedacht. Und dass durchschnittlich jeden Monat ein neues Buch erscheint, auch nicht.

Wenn Du Deine Erwartungen vor zehn Jahren mit heute vergleichst, würdest Du etwas anders machen? Was hast Du in den Jahren als Verleger gelernt?

Ich habe viele Fehler gemacht. Bei manchen Buchprojekten habe ich vorschnell eine Zusage gegeben. Einmal hat mir ein Professor einen „Krimi aus Java“ angeboten. Ich habe mich wohl von dem Professorentitel blenden lassen. Als ich dann das Buch genauer anschaute, merkte ich, dass es viele Schwächen hat. Aber da war es schon zu spät. Auch ist die Gestaltung einiger Bücher missglückt. Da habe ich zu Recht ordentlich Prügel bekommen.

Warum hast Du Bengali gelernt? Wie bist Du darauf gekommen, und wie hat die Beschäftigung mit südasiatischer Literatur Dich verändert?

Eigentlich habe ich zunächst Germanistik und Geschichte studiert. 1983 habe ich dann eine dreimonatige Indienreise unternommen. Zur Vorbereitung habe ich am Heidelberger Südasien-Institut bei Alokeranjan Dasgupta etwas Bengali gelernt. Die Indienreise war ein unglaublich tolles Erlebnis! Und Alokeranjan Dasgupta hat bei mir das Interesse für indische Literatur geweckt. Durch ihn habe ich dann etwas später auch den berühmten Indologen und Hindi-Übersetzer Lothar Lutze kennen gelernt, der damals am Südasien-Institut Professor war.

Wurde Dir das in die Wiege gelegt, dass Du einmal Verleger wirst?

Im Nachhinein denke ich, dass Verlagsarbeit genau das Richtige für mich ist. Das wurde mir aber erst klar, als ich schon fast 40 war.

Wenn Du Dich mit anderen Nischenverlagen vergleichst, sagen wir mit A1, Kitab Verlag oder Horlemann, wo siehst Du „Deine“ Stärken und Schwächen?

Mein großes Vorbild ist der Unionsverlag: die Auswahl und Gestaltung der Bücher, der Vertrieb, die Homepage - da kann ich nur dastehen und staunen! Sehr gefreut hat es mich daher, dass mir der Unionsverlag angeboten hat, bei seinem E-Book-Programm mitzumachen. Auch der A1 Verlag macht sehr schöne Bücher. Dass durch diesen Verlag Kiran Nagarkar hierzulande bekannt wurde, ist ein großes Verdienst. Der Horlemann Verlag hat, ähnlich wie der Draupadi Verlag, ein klares Profil. Das scheint mir beim Kitab Verlag weniger der Fall zu sein. Ich habe auch den Eindruck, dass der Kitab Verlag wenig Werbung für seine Bücher macht. Ich versuche, gute Beziehungen zur Deutsch-Indischen Gesellschaft, zu Litprom, zum Südasien-Institut und zu verschiedenen Indien-Gruppen zu haben. Das ist, denke ich, recht gut gelungen. Ohne dieses Netzwerk wären die Lesereisen mit indischen Autoren organisatorisch und finanziell überhaupt nicht machbar. Das gibt mir aber auch immer wieder Kraft, weiterzumachen.

Was hat Dich dazu bewogen, das Wagnis einzugehen und einen solchen Nischenverlag zu gründen - ohne viel Aussicht, dass er sich einmal kommerziell rentieren würde?

Die Arbeit als Verleger ist oft unheimlich anstrengend. Da ist der Kontakt zu Autoren und Übersetzern, das Lektorat, das ich in der Regel selbst mache, das Stellen von Anträgen auf Zuschüsse, Werbung, Vertrieb und vieles mehr… Es bleibt halt bei einem Kleinverlag sehr vieles an einer Person hängen. Doch es ist unglaublich schön, wenn man dann die Früchte ernten kann! Und dann hoffe ich natürlich, wie die meisten Verleger, auf den großen Bucherfolg. Die Autobiografie von Baby Halder („Kein ganz gewöhnliches Leben“) war schon recht erfolgreich. Jedes Jahr so ein Erfolg - und ich bräuchte mir in finanzieller Hinsicht keine Sorgen mehr zu machen.

Wie macht man ein schönes Buch, das gleichzeitig auch kommerziell erfolgreich ist?

Jedes Buch ist ein Wagnis. Und manchmal geht es schief. So erging es mir mit „Jimmy der Terrorist“ von Omair Ahmad. Mir gefällt dieser Roman ausgesprochen gut. Doch finanziell war das Buch ein Desaster. Meistens ist es aber so, dass gute Bücher auch gut ankommen, und das schlägt sich dann auch im Verkauf nieder. Das gilt zum Beispiel für die beiden Romane Doktor Wakankar von Uday Prakash und Mai von Geetanjali Shree.

Wie entdeckst Du neue Autoren oder Übersetzer?

Es gibt viele Leute, die Vorschläge machen. Oft bieten sie an, ein bestimmtes Werk zu übersetzen. Die Schwierigkeit ist dann, eine Auswahl zu treffen und eine Möglichkeit zur Finanzierung des Buchprojekts zu finden. Um ein Beispiel zu nennen: Der Indologe Torsten Tschacher hat schon vor einigen Jahren den hochinteressanten Roman „Die Geschichte eines Dorfes am Meer“ von Thoppil M. Meeran aus dem Tamil ins Deutsche übersetzt. Ilija Trojanow nannte dieses Buch ein „Meisterwerk“. Momentan arbeitet Torsten Tschacher an der Übertragung des Romans „Maadhurbaagan“ von Perumal Murugan. Der Autor hat für dieses Buch von hindunationalistischen Wirrköpfen Morddrohungen erhalten. Wahrscheinlich wird die Übersetzung in einem Jahr fertig. Ich möchte mit diesem Buch ein Zeichen setzen gegen die Einschüchterung von Schriftstellern in Indien.

Mit dem Draupadi Verlag ist auch das „Literaturforum Indien“ entstanden, das Leser, Studenten und Lehrer, und vor allem die oft einsam vor sich hin brütenden Übersetzer zusammenknüpft. Könnte das besser laufen?

Im „Indienjahr“ 2006 hatte Nirmalendu Sarkar die Idee, einen „Förderverein Draupadi Verlag“ zu gründen. Daraus entwickelte sich im Kontakt mit Jose Punnamparambil, Hans Martin Kunz und anderen das Literaturforum. Durch diesen Verein habe ich wunderbare Menschen kennengelernt. Ich denke dabei etwa an Gerlinde Wientgen, Christa Roy Chowdhury oder Reinhold Schein. Diese Leute haben dem Draupadi Verlag sehr geholfen. Das Literaturforum organisiert jedes Jahr im Mai eine Tagung zur indischen Literatur. Diese Tagungen haben inzwischen ein beachtliches Niveau erreicht.

Was genau fasziniert Dich an der Literatur aus Südasien? Gibt es einen oder mehrere Autoren, die Du besonders schätzt?

Zwei Autoren, die ich als Künstler und als Mensch sehr schätze, sind Uday Prakash und K. Satchidanandan. Und dann gibt es eine lange Liste von Büchern, die ich sehr gern mal veröffentlichen würde. Dazu gehört der Hindi-Roman „Guzra Hua Zamana“ (Vergangene Zeiten) von Krishna Baldev Vaid. Wenn mir eine gute Fee 100.000 Euro in die Hand drückte, würde ich auch liebend gern Übersetzungen von Klassikern wie „Pather Panchali“ (Bengali - Lied der Straße, von Bibhutibhushan Bandhyopadhyay) oder „Maila Anchal“ (Hindi - Der schmutzige Zipfel, von Phanishwarnath Renu) veröffentlichen. Auch in Bangladesch gibt es einige herausragende Romane, die in Deutschland völlig unbekannt sind.

Kannst Du noch etwas über Dein Projekt mit dem Goethe-Institut sagen?

Das war schon eine ganz besondere Sache: In neun Workshops begegneten sich 34 Dichter und Dichterinnen aus Südasien in 19 Sprachen und 17 Lyriker und Lyrikerinnen aus Deutschland und übersetzten gegenseitig ihre Gedichte. Unter dem Titel „Poets Translating Poets - Versschmuggel mit Südasien“ sind die Originalgedichte und die Nachdichtungen soeben im Draupadi Verlag erschienen. So etwas gab es bis jetzt noch nie und wird es wohl so schnell auch nicht wieder geben.

Was wünschst Du Dir, wenn Du an die Zukunft des Draupadi Verlags denkst – abgesehen von dem Scheck der guten Fee?

Im Unionsverlag gab es mal unter dem Titel „Türkische Bibliothek“ eine Reihe von 20 türkischen Romanen in deutscher Übersetzung. Unterstützt wurde dieses Projekt von der Bosch-Stiftung. Dass eine ähnliche Reihe mit indischen beziehungsweise südasiastischen Romanen im Draupadi Verlag erscheinen könnte, wäre ein Traum! Vor einigen Jahren gab es konkrete Überlegungen zu einer solchen Bibliothek als ein Projekt unter dem Namen „Indian Literature Abroad“, das von indischen Regierungsstellen geplant war. Namita Gokhle, die Initiatorin des inzwischen weltbekannten indischen Literaturfestes in Jaipur, war die treibende Kraft. Leider ist daraus nichts geworden. Doch was nicht ist, kann ja noch werden, vielleicht in anderer Form. Ich meine, die Zeit ist reif dafür.

Hast Du den Eindruck, dass sich mit dem wirtschaftlichen und weltpolitischen Aufstieg Indiens und dem Wandel der Indienbilder in der Gegenwart auch das Interesse für indische Literatur über den englischsprachigen Roman hinaus verbreiten könnte?

Es wäre schön, wenn es so wäre! Allerdings finde ich, dass momentan eher das Gegenteil der Fall ist. Die Nachrichten von Vergewaltigungen von Frauen, vom Erstarken der Hindunationalisten und dergleichen bewirken meiner Ansicht nach eher, dass sich das Indienbild hierzulande verschlechtert. Und das stärkt nicht gerade die Motivation, sich mit indischer Literatur zu beschäftigen.

Südasien 2/2016